Die Stimme eines Menschen

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(Foto: (c) Plange, tz (Quelle https://www.tz.de/muenchen/stadt/altstadt-lehel-ort43327/pegida-demo-muenchen-polizei-mahnt-friedlich-bleiben-6024615.html …))
oder

Wie es dazu kam, dass eine junge, lebensfrohe Frau weinend auf dem Marienplatz stand.


Seit ca. 2 Monaten ist die junge Frau zurück aus Costa Rica. Bis zu diesem Moment wurde sie auf den europäischen Rechtsruck nur hin und wieder durch Erzählungen oder Nachrichten aufmerksam gemacht. Doch als sie jetzt ahnungslos dem Tumult auf dem Marienplatz entgegen geht und beginnt sich die Plakate und Schilder der Pegida-Demonstranten durchzulesen steigen ihr auf einmal die Tränen in die Augen.

Niemals zu vor hatte sie eine Demonstration so sehr verletzt, so viel Trauer in ihr hervorgerufen.

Vielleicht liegt es daran, dass sie in Costa Rica einen Vorgeschmack davon bekommen hat, wie schlimm es sich anfühlen muss in ein anderes Land vertrieben zu werden.

Vielleicht liegt es daran, dass sie sich selbst nicht mehr so „deutsch“ fühlt.

Vielleicht aber auch daran, dass ihr Freund ausländischer Herkunft ist.

Sie schaut auf die unglaublich hasserfüllten Plakate und schüttelt den Kopf über die unglaublich unrealistische Hoffnung ohne Ausländer einen demographischen Wandel herbeiführen zu können.

Die junge Frau weint weiter. Es möchte sich wehren doch sie weiß nicht wie. Sie steht stumm da, nimmt alles in sich auf und denkt nach, die meisten Sprüche, die die anderen Gegendemonstranten rufen, gefallen ihr nicht. Irgendwann versucht sie dann doch ihren stummen Protest lauter werden zu lassen. Doch es kommt nur ein krächzen aus ihrem Hals.

Sie erinnert sich an einen unveröffentlichten Blogeintrag. Er handelt von Nationalstolz. Wie schön er sein kann.
„Doch meine Heimat scheint noch nicht bereit zu sein ihn zu lesen. Noch ist sie nicht reif genug.“ denkt sich die junge Frau.
Sie fragt sich, ob sie ihn wohl eines Tages noch veröffentlichen kann.
Sie wünscht sich stolz auf ihr Land sein zu können. Sich nicht klein machen zu müssen, wenn sie Jemand fragt wo sie her kommt. Sie wünscht sich Chancengleichheit für ihren Freund und eines Tages für ihre Kinder, in ihrem Land.

Der Anblick der Pegida- Anhänger lässt sie frösteln, so grausam wirken sie auf sie. Die rechte, feindliche Stimmung legt sich wie ein kaltes, trostloses Tuch um ihre Schultern. Sie fühlt sich Ohnmächtig gegenüber dieser Menschen, die dort auf der anderen Seite des Zauns stehen und der Stimmung die in Europa angeheizt wird. Wieder kullern Tränen über ihre Wangen.

Doch als sie das nächste Mal die Pegida Anhänger betrachtet ist da nicht nur noch tiefe Trauer und Verständnislosigkeit in ihr. Eine Weste mit der Aufschrift “Abschiebe Helfer“ würde sie am liebsten zerreißen. Sie schließt sich laut der Rufe ihre Mitstreiter an. Denn sie ist nicht Ohnmächtig!

Auf der Seite der jungen Frau stehen nämlich mehr Menschen als bei den Leuten die Pegida Propaganda predigen.
Die glauben das Kultur etwas statisches ist. Werte und Normen sich nicht verändern dürfen. Doch Kultur ist dynamisch und genau deswegen so faszinierend. Dynamisch, wie fast alles in diesem Leben, auf dieser Welt, denn alles wandelt sich oder ist zum scheitern verurteilt.

Die junge Frau will friedlich demonstrieren und nicht stumpf provozieren.
Will klug und gewitzt reagieren.

Die Pegida Rufe werden lauter und die junge frau weiß einfach nicht was sie den "alternativen Fakten" entgegensetzen soll, als sich auf einmal die Töne einer Trompete über den Marienpaltz erheben. Alle anderen Geräusche nichtig erklingen lässt. Die junge Frau fängt an zu singen. Die Europahymne.

"Freude, Elixier der Frauen ihrer innersten Natur.
Freude lässt sie tiefer schauen als mit äußeren Sinnen nur.
Freude hebt die matten Schwingen zu des Adlers Flug empor.
Lässt sie mit den Brüdern singen. Ist der Menschheit neuer Chor."
Eine Umdichtung der Europhymne von Irmtraud Maier

Nun hat die junge Frau die perfekte Protestform gefunden, die sie diesen verbitterten Menschen, entgegensetzen will. Musik.

Dieser einzige Mensch der mit seiner Trompete den ganzen Platz beschallt und alle übertönt.
Er gab dem Mädchen wieder Hoffnung, Mut und Energie weiter zukämpfen.
Er zeigt so offensichtlich, dass eben doch der einzelne Mensch etwas zu sagen hat und viel Bewegen kann.

Die Energien solcher Menschen sind es die die junge Frau antreiben und wieder lebensfroh machen.


Keine zwei Stunden später sitze ich mit dem Aktivisten @Pfui deifi Pegida in einer Bar, bei einer Johannnisbeerschorle und plane mit neu getankter Kraft den nächsten Demo Besuch.

Als ich in meine Jackentasche greife, erinnert mich nur noch mein von Tränen durchnässtes Taschentuch an die weinende junge Frau auf dem Marienplatz.
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