Auf den Spuren von "Mutter Ey"

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In Düsseldorf werden fast täglich Stadtrundgänge angeboten – Spaziergänge durch den Hafen, die Altstadt, durch Brauereien hindurch, an Kirchen vorbei, an den Stellen derer vorbei, die auf der Straße leben. Kurz, es gibt in Düsseldorf kaum noch etwas, was sich vor den Rundgängen verschließen kann.
Alles Rundgänge, auf die ich rein gruppenmäßig gut verzichten kann, weil ich das alles schon kenne oder weil es mich nicht interessiert.

Aber einem Rundgang-Angebot konnte ich mich nicht entziehen: Auf den Spuren der Mutter Ey. Ich wollte wissen, was es auf sich hat mit der legendären Johanna Ey, ihres Zeichens Bäckereiinhaberin und der Legende nach eine der frühen Kunsthändlerinnen Düsseldorfs.

Johanna Ey wurde 1864 in Wickrath geboren und starb 1947 in Düsseldorf. Ihr Leben umfaßte eine der spannendsten Epochen unserer deutschen Kunstgeschichte. Sie wuchs auf unter ärmlichsten Verhältnissen und fand schließlich eine Anstellung als Hausmädchen bei vornehmen Leuten in Düsseldorf. Sie, die noch nicht mal wußte, wie ein Sektglas aussieht, wie ein Besteck aufgedeckt wird, ohne Manieren und ohne Bildung, schaffte es, über einen längeren Zeitraum dort zu arbeiten.

Auf dem Weg dorthin kam sie jeden morgen an einer Brauerei vorbei, wo ein junger Brauereimeister in Ausbildung täglich vor der Tür stand und sie grüßte. Nach einem Jahr faßte er sich ein Herz und fragte sie, ob er sie Sonntag zu Kaffee einladen dürfe. Es handelte sich um Robert Ey, ihren späteren Ehemann, mit dem sie 12 Kinder haben sollte, von denen 5 Kinder überlebten. Das erste Kind wuchs bei ihrer Schwester auf – den Kontakt zu diesem Kind hatte sie danach nie wieder gesucht.

Robert Ey war ein übler Alkoholiker und Schläger. Er prügelte Frau und Kinder ohne Rücksicht auf Verletzungen. Johanna erlebte mit ihm die Hölle. Im Jahre 1907, im Alter von 43, schaffte sie es, sich mit ihren vier Kindern von ihrem Mann zu trennen. Sie fanden einen kalten billigen Unterschlupf in der Düsseldorfer Altstadt und alle Kinder mußten mithelfen, Geld heranzuschaffen. Maria, die Jüngste, fuhr morgens die Milch aus. Die beiden Jungen verdingten sich als Tagelöhner und Johanna fand mit der ältesten Tochter eine Anstellung in einer Bäckerei, der heutigen Bäckerei Hinkel. Sie konnte gut umgehen mit der Kundschaft und fühlte sich sicher in ihrem Beruf. So sicher, das sie auf der Ratinger Straße zugriff, als dort ein Ladenlokal zur Vermietung stand.

Sie lernte die Kunst des Backens und verkaufte fortan in ihrer eigenen kleinen Bäckerei alles, was man in einem Bäckereiladen zur damaligen Zeit so kaufen konnte. Zwei Zimmer konnte sie sogar vermieten an Mitarbeiter des auf der Hindenburg-Allee (heute Heinrich-Heine-Allee) gelegenen Theaters und hatte somit eine solide Grundeinnahme. Aber das Brot und die Teilchen kauften bei ihr vornehmlich die Studenten und Professoren der Kunstakademie.

Schon bald erkannte sie, das die jungen Herren auch gerne mal einen Kaffee trinken zum Brötchen am Morgen und einen Schnaps zum Brötchen am Abend. Und so dauerte es nicht lang, bis ihr kleiner Bäckereiladen zum zweiten Wohnzimmer für die Studenten avancvierte, so das die Professoren schon mal hineinschauten und die Herren zum Unterricht baten, wenn sie mal wieder vor einer leeren Klasse standen.

Abends wurde ordentlich gebechert, geraucht und philosophiert. Johanna Ey war höchst interessiert an den Gesprächen, schnappte alles auf und fand für sich eine Sprache, mit den Leuten so umzugehen, das sie von ihnen geliebt und verehrt wurde. Künstler, wie Otto Pankok, Otto Dix, Max Ernst und der Anarchist Gerd Wollenberg widmeten ihr Zeilen und Bilder und führten sie auch schon mal aus in die Welt der Reichen und Schönen, nämlich in die Oper. Dort verliebte sich Johanna unsterblich in die Figur der „Carmen“, eine Frau, mit der sie sich in ihrem Bestreben nach Freiheit, stark identifizierte.

Eines muß an dieser Stelle erwähnt werden: Sie war nicht ganz ohne Egoismen. Herren durften bei ihr in der Bäckerei erscheinen und zechen und feiern – aber bitteschön alleine ohne die Damen. Die Damen hatten keinen Zutritt zu diesen Veranstaltungen – es sei denn, sie hießen Louise Dumont oder waren sonstwie aus der oberen Schicht. Dann hatte Johanna ein Nachsehen und erlaubte auch diesen Damen den Zutritt. Sie soll übrigens sehr eng befreundet gewesen sein mit der Schauspielerin Louise Dumont.

Manchmal konnten die Kunststudenten ihr Brot nicht bezahlen und fragten Johanna, ob sie ihr dafür ein Bild schenken dürften. Johanna ging auf den Handel ein. Sie hatte ihre festen Einnahmen von den Theaterleuten – diese mußten zahlen. Die Kunststudenten nicht. Hier war sie offen für Anschreiben oder das Inzahlungnehmen von Gemälden und staunte nicht schlecht, als eines Tages ein Herr die Bäckerei betrat, sie fragte, was denn diese schöne Landschaft dort koste und tatsächlich nach der Zahlung von 100 Reichsmark stolz mit dem Gemälde den Laden verließ. Das war der Beginn ihrer „Karriere“ als Kunsthändlerin. Die schulisch ungebildete Johanna handelte plötzlich mit Kunst, als hätte sie im Leben nichts anderes getan. Sogar der große Kunsthändler Haubrich aus Köln kaufte bei ihr ein.

Es kam der erste Weltkrieg und vieles änderte sich. Viele Künstler zogen voller Enthusiasmus in den Krieg und kamen, wie August Macke und Franz Marc, darin um oder kehrten verwundet und verarmt wieder. Sie konnte ihren Laden nicht mehr halten und zog eine Weile zu ihrer Enkelin nach Norddeutschland.

Nach dem erste Weltkrieg besetzten die Franzosen und die Belgier das Rheinland und das Ruhrgebiet, um sich so ihre Reparationszahlungen zu holen. Es war eine harte Zeit auch für die Stadt Düsseldorf und für die Künstler stand stets die Frage im Raum, WO sie ihre Kunst ausstellen konnten. Und wie es heute vielleicht auch noch ist, fand man die Gemälde der Großen der damaligen Zeit nicht in den gängigen Kunstausstellungen, sondern eher in den kleinen Galerien – oder auch bei Johanna Ey, die ihre neuen Geschäftsräume auf dem Hindenburgwall 11 eröffnet hatte. Bei traf sich die Avantgarde der jungen Kunst des Rheinlands. Vor ihrem Schaufenster standen häufig jede Menge Leute und es wurde heftig diskutiert. Allen voran Gerd Wollheim, einer der 20.000 Düsseldorfer Anarchisten, die dem Glauben an die Obrigkeit abgeschworen hatten nach den Schrecken des 1. Weltkrieges.

Aber das Unheil nahte schon bald in Form der Diktatur des Faschismus ab 1933. Voraus gingen dieser Diktatur heftige Straßenschlachten, Plünderungen und auch bei Johanna Ey flog mehr als einmal ein Stein in die Schaufenster. Nach 1933 galt die gesamte moderne Kunst den Faschisten als entartet. Auch Johanna mußte mit erleben, wie ihre Galerie geplündert und wertvolle Kunstwerke zerstört wurden. 1934 gab sie ihre Galerie auf. Sie zog in den Düsseldorfer Norden zu ihrer Tochter mit ihren Bildern. Während des zweiten Weltkrieges wurde der Düsseldorfer Norden auf das heftigste bombardiert – nicht zuletzt wegen der Waffenschmiede Rheinmetall. Auch Johanna Ey wurde ausgebombt und viele ihrer Bilder fielen dem Brand zum Opfer. Nach dem zweiten Weltkrieg war Johanna Ey in der Stadt Düsseldorf eine hoch angesehene Persönlichkeit. Die Stadt verlieh ihr eine Ehrenrente, die Ehrenbürgerschaft und als sie starb, bekam sie ein Ehrengrab. Auf dem Grabstein steht geschrieben „Hier ruht Mutter Ey“.

Ein interessanter zweistündiger Rundgang war das – und es gibt zur Zeit nichts, auf das ich mich mehr freue, als auf die Lektüre des Buches „Großes Ey“.
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8 Kommentare
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 02.06.2015 | 09:08  
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Jochen Menk aus Oberhausen | 02.06.2015 | 12:03  
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 02.06.2015 | 16:25  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 02.06.2015 | 16:37  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 06.06.2015 | 12:21  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 09.06.2015 | 23:20  
7.011
Margot Klütsch aus Düsseldorf | 11.06.2015 | 15:25  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 11.06.2015 | 23:07  
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