"Der böse Blick" - Otto Dix im K20

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Leuchtend rote Verlockung: das Plakat zur Ausstellung "Der böse Blick" - Otto Dix im K20
 
Bildnis der Mutter Ey, Blick in die Ausstellung "Der böse Blick" - Otto Dix im K20
 
Bildnis Frau Martha Dix, Blick in die Ausstellung "Der böse Blick" - Otto Dix im K20
Düsseldorf: Kunstsammlung NRW, K 20 |

Unter dem Titel "Der böse Blick" stellt die Kunstsammlung NRW die Düsseldorfer Schaffensjahre des Künstlers Otto Dix (1891-1969) in den Mittelpunkt. Eine opulent gefüllte und zudem raffiniert gebaute Ausstellung! Und zudem eine Premiere, denn bis jetzt wurden die Düsseldorfer Jahre in keiner Ausstellung zuvor zum Thema gemacht.

Das passt! Das in Düsseldorf beheimatete K20, die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, widmet sich den Jahren von 1922 bis 1925, die Otto Dix in Düsseldorf verbrachte. Eine kurze Zeitspanne zwar, die sich jedoch sehr erfolgreich und zugleich wegweisend für den jungen Dix erwies.

Von Dresden nach Düsseldorf

Der junge Maler und Grafiker Otto Dix kommt im Herbst 1922 nach Düsseldorf. Er hat Dresden, wo er bislang die Akademie besucht und gemalt hat, verlassen. Dort kommt er,- wie er es im breiten Sächsisch ausdrückt:" Ich kumm uff keinen grienen Zweich; meine Malereien sind unverkäuflich. Entweder ich werde berühmt oder berüchtigt." Am Letzteren arbeitet er mit "Erfolg". In Dresden gilt er als Bürgerschreck, seine Malerei als skandalträchtig. Dix will das Wahrhaftige in seinen Bildern widergeben, schnörkellos und mit dem Mut zur Hässlichkeit. Seine Bilder stoßen auf Unverständnis. Ihm wird sogar der Prozess wegen "Unzüchtiger Malerei" gemacht. Der geht zwar glimpflich aus, aber die biedere Kunstszene ist geschockt, seine Bilder kann er nicht verkaufen. Das kunstsinnige und freigeistige Rheinland scheint da die Rettung zu sein. Hier will er sich künstlerisch etablieren und finanziell sanieren.

Der erste Kontakt zur Düsseldorfer Kunstszene findet über seinen Künstlerkollegen Conrad Felixmüller statt. Er macht Dix mit Otto Pankok, Gert Wollheim und mit weiteren Künstlern der avantgardistischen Gruppe "Das Junge Rheinland" bekannt. Dazu gehört auch Johanna Ey. Die ehemalige Bäckersfrau besitzt seit 1916 eine Galerie unweit der Düsseldorfer Akademie. Sie hat schon so manch jungen Künstler unter ihre Fittiche genommen. Ihre Galerie ist ein lebendiger Treffpunkt der rheinischen Künstlerszene. Von Otto Dix, der als Dandy gekleidet, sie mit Handkuss begrüßt, ist Mutter Ey vom ersten Augenblick hin und weg. Der finanziell klamme Dix darf dann auch zunächst bei Mutter Ey im Hinterzimmer der Galerie nächtigen.

Die wilden 20er

Es beginnen arbeitsreiche und erfolgreiche Jahre. Dix lernt den Sammler und Arzt Dr. Hans Koch kennen. Dessen Frau Martha, mondän und in ihrer Ehe gelangweilt, ist vom schnieken Dix sofort entzückt. Dix malt nicht nur im Hause Koch, dort wird auch Cognac getrunken und da Dix ein flotter Tänzer ist, wird Charleston getanzt. Otto und Martha kommen sich näher, Martha verliebt sich und verlässt Mann und Kinder, um wenig später Dix zu heiraten. Alles nicht weiter tragisch, denn Koch hatte schon seit geraumer Zeit ein Auge auf Marthas Schwester geworfen. Man arrangiert sich also, ohne gesellschaftliche Probleme für alle Beteiligten. In den wilden 20er Jahren scheint alles möglich.

Die Weimarer Republik - es ist eine Zeit der Extreme. Freies, ungebundenes Leben voll Vergnügungen und Ausschweifungen, ein Tanz auf dem Vulkan mit Kriegsgewinnlern aus dem Ersten Weltkrieg, aufgetakelten Damen und abgetakelten Nutten. Und da sind auch die, die alles im Krieg verloren haben, selbst ihre Gesundheit, die Kriegsversehrten, die im geschäftigen Straßenbild nicht zu übersehen sind. Es ist genau diese extreme Bandbreite, die Dix in Öl malt oder mit schnellem Strich in Aquarellen, kombiniert mit Tusche und Tinte festhält. "Bis heute steht Dix für den Glanz und das Elend der Weimarer Republik", so die Kuratorin Dr. Susanne Meyer-Büser.

Er malt die mondäne Welt in den Cafés, die Welt der Artisten, die Huren und ihre Freier in den Bordellen, Matrosen und Dienstmädchen, erotische Phantasien, Lustmorde und Selbstmorde genau so wie lebensfrohe, naive Vergnügungen. Eine gehörige Portion Humor ist meist dabei. Die Porträts, die er von seinen Kindern anfertigt, sind liebevolle Zeichnungen. Seine Frau Martha malt er mit rotem Hut und schwarzer Robe als Grande Dame , eine besondere Liebeserklärung.

Der böse Blick

Und der böse Blick? Das ist sein Blick, die gesehenen Dinge ohne Schmeichelei, schnörkellos darzustellen. Dix sieht sich als Chronist seiner Zeit, der jenseits aller gängiger ästhetischer Normen das Gesehene kritisch in Szene setzt. Er will das Leben ohne Verdünnung, wie er noch 1958 sagt.

Seine Typenbildnisse sind schonungslos. Es sind für die Porträtierten wenig schmeichelhafte Bildnisse. Dix überzeichnet bis ins Groteske, karikiert ohne Hemmungen. Trotz dieser Radikalität, irgendwann ist es schick, einen Dix im Wohnzimmer zu haben, sich von Dix porträtieren zu lassen. Die Auftragsarbeiten fallen dann auch etwas milder aus. Schön zu sehen beim Bildnis von "Dr. Julius Hesse mit Farbprobe“, dessen Schmincke-Farben Dix verwendet. Auch Mutter Ey ist wohlwollend getroffen. Geschmückt mit ihrem geliebten spanischen Kamm im Haar steht sich zwar matronenhaft, doch auch in Herrscherpose da. Eine gestandene Frau mit dem Herz am rechten Fleck.

Mit dem Bildnis der "Tänzerin Anita Berber" wird auf Plakaten für die Ausstellung geworben. Eine leuchtende Symphonie miteinander verschmelzender Rottönen. Roter Hintergrund, rotes, leicht transparentes Kleid, rote Haare, kreideweißes Gesicht, rote Lippen, schwarz geschminkte Augen, spitznasig, verlebt und verrucht. Eine Ikone des Berliner Nachtlebens, die Dix in einem Düsseldorfer Cabaret kennenlernt und gleich darauf malt. Kurze Zeit später stirbt sie mit nur 29 Jahren, nach einem Leben voll exzessivem Rausch-und Alkoholkonsums.

Das umtriebige Großstadtleben jener Zeit ist auf zwei Ausstellungswänden zu sehen. Gezeigt werden Ausschnitte aus dem Stummfilms „Berlin – Symphonie einer Großstadt“ von 1927. Das passt hervorragend zum Konzept der Ausstellungsarchitektur, die wie eine Hauptstraße mit Nebenstraßen und Kreuzungen angelegt ist. In den "Häusern" und an den "Hauswänden" finden sich chronologisch die Arbeiten von Otto Dix. Immer wieder gibt es Fensterausschnitte, die den Blick auf die gegenüberliegenden Ausstellungsbereiche gewähren.

Kriegszyklus und zuletzt ein sehenswerter Film

Ganz anders die Ausstellungsarchitektur in der 2. Ausstellunghalle. Hier befindet man sich in einem engen Gang, der einem Schützengaben nachempfunden ist. An den Wänden hängen Radierungen aus seinem Kriegszyklus. Dix hatte sich freiwillig in den Ersten Weltkrieg gemeldet. Erschrecken und Ernüchterung folgten. Er skizzierte, zeichnete um zu überleben. Während der Düsseldorfer Jahre lernt Dix in der Kunstakademie verschiedene , grafische Techniken, darunter auch Aquatinta. Diese Technik setzt Dix für seinen Radierzyklus "Der Krieg" ein. Nun hat er endlich Zeit und Möglichkeit, die Skizzen, die er in den Schützengräben machte, umzusetzen. Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit den Horrorszenarien des Krieges.
Am Ende dieser Halle wird der Film "Otto Dix - der schonungslose Maler" gezeigt. Die wichtigsten Stationen seines Lebens werden darin erzählt. Auch sein Sohn Jan kommt zu Wort. Unbedingt ansehen!

Die Düsseldorfer Jahre - sie haben sich für Otto Dix gelohnt. Als er 1925 nach Berlin zieht, hat er sich künstlerisch etabliert. Finanziell steht er auf soliden Füßen und er hat sein privates Glück gefunden.
"Der böse Blick" war letztendlich in jenen Jahren gut zu ihm.

Die Ausstellung läuft bis zum 14.Mai 2017
Danach wird sie in der Tate Liverpool gezeigt.


Website zur Ausstellung hier

Hier einige Fotos vom ersten Rundgang / Vorstellung der Ausstellung:

Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Grabbeplatz 5
40213 Düsseldorf
www.kunstsammlung.de
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4 Kommentare
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Margot Klütsch aus Düsseldorf | 23.02.2017 | 11:35  
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Andrea Gruß-Wolters aus Duisburg | 23.02.2017 | 12:09  
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Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 27.02.2017 | 21:30  
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Andrea Gruß-Wolters aus Duisburg | 01.03.2017 | 08:19  
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