Der Nerv der Nachkriegszeit

Anzeige
Derzeit widmen sich zwei Ausstellungen in Düsseldorf den Werken Paul Schneider-Eslebens, rechts in einer collagierten Fotografie zu sehen, der am 23. August dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: Ingo Lammert
Die Haniel-Garagen, das Mannesmann-Hochhaus am Rhein, die Kirche St. Rochus in Pempelfort und der Flughafen Köln/Bonn – das Rheinland, speziell die Stadt Düsseldorf, prägte der Architekt Paul Schneider-Esleben durch seine außergewöhnlichen Projekte der Nachkriegszeit. Derzeit widmen sich zwei Ausstellungen in Düsseldorf den Werken Schneider-Eslebens.

Am 23. August dieses Jahres wäre der Architekt Paul Schneider von Esleben 100 Jahre alt geworden. Er hat mit seinen Projekten die Nachkriegsarchitektur der Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre nachhaltig geprägt. Gerade in Nordrhein-Westfalen hat er eine Reihe von Bauwerken hinterlassen, die die architekturgeschichtlichen Entwicklungen der ersten zwei Jahrzehnte nach dem Krieg spiegeln.
Gebäude waren für ihn Gesamtkunstwerke, die er bis ins Detail – sei es Kunst am Bau oder das Mobiliar – durchgestaltet hat.
Schneider-Esleben begann im Jahre 1937 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Darmstadt, das er 1939 für den Kriegsdienst unterbrechen musste. Nach einer kurzen Kriegsgefangenschaft konnte er 1946 das Studium an der Technischen Hochschule Stuttgart erneut aufnehmen und schloss dieses 1948 ab.

Zunächst Restaurierung westfälischer Wasserburgen

Ab April 1947 arbeitete der Architekt kurzzeitig bei Rudolf Schwarz in Frankfurt am Main, ehe er 1948 das Büro seines verstorbenen Vaters auf Schloss Lembeck fortführte. Dieser war für die Restaurierung westfälischer Wasserburgen und mittelalterlicher Kirchen des Landes zuständig gewesen – so stellte Paul Schneider-Esleben nicht nur Schloss Lembeck wieder her, sondern realisierte in der Nachfolge des Vaters beispielsweise den Kryptabau der Abtei Königsmünster.
Bekannt wurde Schneider-Esleben zunächst durch seine 1950 bis 1952 erbaute gläserne Hochgarage, der sogenannten „Haniel-Garage“. An den Funktionalismus des Bauhaus angelehnt, stellt die Haniel-Garage Deutschlands erstes Parkhaus nach dem Krieg dar. Schneider-Esleben wurde damit in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Architekten der Bundesrepublik.
Das 1962 errichtete Punkthochhaus der Commerzbank und das 1957 fertiggestellte Mannesmann-Hochhaus am Rheinufer gelten als wichtige Hochhäuser der frühen deutschen Nachkriegsmoderne im Internationalen Stil. Das 22 Stockwerke hohe Verwaltungsgebäude war der erste Stahlskelettbau mit Vorhangfassade in Deutschland. Bis heute stellt es mit seiner technoiden, eleganten Einfachheit ein großartiges, die Düsseldorfer Skyline prägendes Gebäude dar.
Mit dem schlanken, gläsernen kubischen Entwurf für das schmale Grundstück hatte sich Schneider-Esleben an Mies van der Rohes amerikanischem Wolkenkratzer aus Stahl und Glas orientiert. In der Ausführung ersetzte er dessen Doppel-T-Träger durch Rundrohrprofile, was der Mannesmann AG besonders gut gefiel – die Firma produzierte nahtlose Stahlrohre.

Viele weitere Spuren in der Landeshauptstadt

Der 1915 in Düsseldorf geborene Architekt baute in der Landeshauptstadt überdies die Rolandschule, die St. Rochus-Kirche sowie die abgetreppte ARAG-Hauptverwaltung, die 1991 abgerissen, und durch einen Neubau ersetzt wurde. Außerdem entstanden unter seiner Planung Privat- und Wohnhäuser.
In den Jahren 1961 bis 1970 lehrte Schneider-Esleben als Architektur-Professor an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. In dieser Zeit war der stilbildende Architekt vom Brutalismus – der Begriff ist abgeleitet vom französischen „béton brut“, wörtlich „roher Beton“, dem französischen Ausdruck für Sichtbeton – beeinflusst. Sein bedeutendstes Werk aus dieser Zeit ist der Köln-Bonner Flughafen, den er als ersten „Drive-in-Airport“ in Europa mit vier „Satelliten“ konzipierte. Dieses Konzept wurde später weltweit zum Vorbild.
Das ebenfalls von Schneider-Esleben entworfene Hochhaus der Stadtsparkasse Wuppertal stellt dort bis heute das höchste Gebäude der Stadt dar.
Nach 1970 hatte Schneider-Esleben nicht mehr viel gebaut. Zunächst gab es der Ölkrise wegen kaum noch Aufträge. In den 1980er-Jahren traf er nicht mehr den Zeitgeist, der nun postmodern war. Fluch und Segen zugleich: Weil er keine sofort wiedererkennbare Handschrift entwickelt, sondern aufgrund des Innovationsgedankens für neue Aufgaben stets neue Lösungen gesucht hatte, drohte sein Verdienst um die Nachkriegsarchitektur in Vergessenheit zu geraten. Unter anderem die beiden Ausstellungen in Düsseldorf tragen nun ihren Teil dazu bei, dass Paul Schneider-Esleben im Gedächtnis bleibt.
Übrigens: Auch Paul Schneider-Eslebens Sohn, Florian Schneider-Esleben, brachte es zu Weltruhm. Er ist, gemeinsam mit Ralf Hütter, Mitbegründer der legendären Düsseldorfer Elektro-Band Kraftwerk.

Hintergrund:
> Ausstellungsorte: Mannesmannhochhaus/Wirtschaftsministerium, Berger Allee 25, und Haus der Architekten, Zollhof 1
> Öffnungszeiten: noch bis 25. September, montags bis donnerstags von 9 bis 18 Uhr, freitags von 9 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
6.979
Margot Klütsch aus Düsseldorf | 29.09.2015 | 17:09  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.