„Es ist alles Lug und Trug“

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Bartträger und selbsternannter „Selfiegott“: MC Fitti beteiligte sich mit seinem in Bronze gegossenen Alter Ego sowie einer Performance mit Kinderchor an der Ausstellung „Ego update“ im NRW-Forum im Ehrenhof. Foto: Oleksandr Voskresenskyi
 
"Bis man stolpert". MC Fitti im Gespräch mit Redakteur Sven-André Dreyer. Foto: Oleksandr Voskresenskyi
25 Millionen Deutsche machen „Selfies“ – Fotos, auf denen hauptsächlich sie selbst zu sehen sind. Sie teilen so der Welt mit, wo sie sind, was sie erleben und manchmal auch, wie sie sich fühlen. Die Ausstellung „Ego update“ beschäftigt sich noch bis zum 17. Januar kunstvoll mit der egozentrierten Fotografie und deren Auswirkung. Daran nimmt auch MC Fitti teil. Er ist selbsternannter „Selfiegott“.

Seit das Tragen eines Vollbartes modern, der Szene entrissen und im Mainstream angekommen ist, kann sich MC Fitti wieder mehr oder minder frei bewegen und wird nicht gleich als erfolgreicher deutscher Rapper erkannt. Selbst in Berlin nicht, in der Stadt, in der mittlerweile viele modisch Informierte mit Vollbärten leben.
Neben seiner musikalischen Erfolge – sein Stück „Geilon“ hielt sich elf Wochen in den deutschen Charts und erreichte dort Platz Zwei – zeichnet sich Dirk Witek aka MC Fitti vor allem als allzeit fotografierender Künstler aus. Sein markantes Antlitz montiert er regelmäßig digital in Collagen und Fotos.
Bereits vor seinen musikalischen Erfolgen betätige er sich nach einer Lehre als Elektriker und anschließender Tätigkeit als Messebauer als Künstler, schuf Street Art unter anderem in Form von „Paste ups“, Aufklebern, die in der Stadt geklebt wurden.
Im Rahmen der Ausstellung „Ego update. Die Zukunft der digitalen Identität“, die noch bis zum 17. Januar im NRW-Forum, Ehrenhof 2, zu sehen sein wird, ist folgerichtig auch Selfiegott MC Fitti mit eigenen Beiträgen vertreten.
Während er am vergangenen Wochenende eine musikalische Performance mit Kinderchor und digitalen Videoeffekten bot, verbleibt die Büste des Künstlers noch bis Ausstellungsende in Düsseldorf. Dort sollen sich möglichst viele Besucher mit der Bronzebüste fotografieren, weitere Selfies produzieren und die digitale Welt damit füttern. Apropos füttern: „Am Ende ist alles Lug und Trug“ fasst MC Fitti fast bitter die Verbreitung von Selfies, und damit auch die digitale Veränderung der Gesellschaft zusammen. „Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint“, sagt Fitti. Menschen fotografieren sich, verändern ihr Aussehen, verzerren damit die Realität. Aus dem hässlichen Entlein wird eine Schönheit, aus einem einsamen Menschen ein beliebter Partybär.
Meine Frage, wie lange das noch gut geht, diese Selbstdarstellung und damit vielleicht auch die Veränderung, mindestens aber Verzerrung der Realität, vor allem aber die Egozentrierung, beantwortet er zögernd aber bestimmt: „Bis man stolpert.“

Düsseldorf ist das Zentrum der Egos

Düsseldorf, so Ausstellungskurator Alain Bieber, ist die Selfie-Metropole Deutschlands. Nirgends sonst werden so viele Eigenportraits produziert und ins Netz gestellt wie hier. Im internationalen Vergleich landet nach einer Erhebung des „Time“ Magazins Düsseldorf damit auf Platz 136. Weit vor den Metropolen Hamburg und Berlin. Aus dem „Ich denke, also bin ich“ wurde ein „Ich fotografiere und teile mich mit, also existiere ich“.
Der Frage, wie sich die menschliche Identität unter Einfluss digitaler Medien verändern und weiterentwickeln wird, zeigt zum Beispiel der künstlerische Ansatz des britischen Fotografen Robbie Cooper. Er stellt Computerspieler ihren virtuellen Avataren gegenüber. So wird aus dem adipösen Zocker ein muskulöser Athlet.
Fluch und Segen zugleich: Dass die Grenzen zwischen realer und digitaler, geschönter Welt immer weniger deutlich sind, zeigen auch die Erlebnisse des Rappers MC Fitti. Nicht selten wird dieser in der realen Welt um ein Selfie mit Fans gebeten. Die Hemmungen, ihn anzusprechen, sind dabei erstaunlich gering. Die Rücksichtnahme auf Situationen schwindend. „Manche verstehen nicht, dass die Kunstfigur MC Fitti nur bedingt etwas mit mir zu tun hat“, erklärt Fitti. Dass von seinen Fans hingegen allzeit erwartet wird, mit ihm für Selfies posieren zu dürfen und somit Digitales zu produzieren, gehöre nunmal zu seinem Job. Und dann ist es auch fast egal, an welchen mitunter seltsamen Orten er angesprochen wird. Es landet ohnehin alles in der digitalen Welt.
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