Hymn

Anzeige
Düsseldorf: Tausendfüßler | Düsseldorf ist ein Dorf, dachte sie, sonst hieße es Düsselstadt. Na gut, ein Dorf mit Stadtcharakter. Na gut, eine Landeshauptstadt. Aber keinesfalls eine Metropole. Wie Berlin oder Hamburg. Manchmal wollte sie lieber in einer echten Metropole leben, mit noch mehr verrückten Menschen. So richtig crazy, crazy.

Sie hatte nach Feierabend mit der Kollegin zwei Gläser Wein getrunken. Ein gutes Gespräch gehabt über Gott und die Welt und die Freunde und die Kinder, die sie beide nicht hatten. Um diese Zeit fuhr die Bahn nicht mehr so regelmäßig, wie es ihrer Bequemlichkeit entgegengekommen wäre, also entschied sie sich, ein Taxi zu nehmen.

Sie fuhr gerne Taxi. Jeder Sitz fühlte sich anders an. Manchmal saß sie auf dunkelgrünem Leder fast auf den Federn. Der Fahrer hieß Ahmed mit Vornamen, vielleicht fuhr aber auch sein Cousin, der manchmal aushalf. Einige Fahrer fingen sofort an zu quatschen, oft genau dann, wenn sie beladen mit vier Einkaufstüten und heftigen Kopfschmerzen mühsam zustieg. Genau dann. Andere Taxifahrer sprachen nicht mit ihr, nur mit sich selbst, schimpften laut über die Autos, die vor ihnen fuhren. Diese Männer schlugen Haken mit ihrem Wagen, rissen das Lenkrad nach links und rechts, bis ihr übel wurde. Wieder andere sagten gar nichts, starrten stur geradeaus, oft genau dann, wenn sie gut drauf war und gern fröhlich geplaudert hätte. Genau dann. Irgend etwas baumelte am Rückspiegel. Ein Christopherus, ein Kreuz oder ein Nazarlik, ein blaues Glasauge, das vor dem bösen Blick schützen sollte. Man hörte nichts außer dem Schmatzen des Blinkers.

Das Taxi beförderte sie nach den zwei Gläsern Wein und dem guten Gespräch durch die Stadt, die ein Dorf war. Der Wagen fuhr am Hofgarten vorbei, direkt auf den Tausendfüßler, die Autohochstraße mitten in Düsseldorf, zu. Es war ein wunderbarer Sommerabend, durch das Fenster wehte warme Luft in das Auto und wirbelte ihr blondes Haar durcheinander. Und dann lief im Radio dieser Song von Ultravox, den sie fast vergessen hatte. Das langsame Intro, als sie auf der Kaiserstraße fuhren und der schnelle Refrain genau in dem Moment, als der Wagen in mittlerer Geschwindigkeit den Tausendfüßler hochfuhr. Genau dann.

Links das Thyssenhochhaus und rechts Hennig, H & M, Peek & Cloppenburg (sie konnte direkt in die Umkleiden schauen, das Kaufhaus hatte jedoch bereits geschlossen). Als es von oben wieder nach unten ging, hob sich ihr Magen ein wenig. Sie spürte ein schönes Kribbeln, wie beim Wilde Maus-Fahren.

Der Song, der Fahrtwind, die Lichter in den Häusern, diese Perspektive oben, das Schweben über allem und allen anderen bereitete ihr ein unglaublich gutes Gefühl. Ein "Was kostet die Welt, nur dieser Abend zählt"- Gefühl

Düsseldorf war eine Metropole. Genau jetzt.

1
Einem Mitglied gefällt das:
3 Kommentare
6.201
Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 24.02.2013 | 11:17  
8.258
Siglinde Goertz aus Uedem | 24.02.2013 | 11:45  
3.557
Klaus Ahlfänger aus Herten | 24.02.2013 | 11:53  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.