"Kraftwerk fand ich damals doof"

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Autor Rüdiger Esch legte nun sein Buch „Electri_City“ vor, das die elektronische Musikszene Düsseldorfs portraitiert. In der „Oral history“ kommen prominente Musiker der Zeit zu Wort und lassen den Leser teilhaben an persönlichen Erinnerungen. Foto: Sven-André Dreyer
Die elektronische Musikszene aus dem Düsseldorf der 1970er und 1980er Jahre beeinflusst bis heute ganze Musikergenerationen weltweit. Mit „Electri_City“ legt Autor Rüdiger Esch nun ein Buch vor, in dem er die Protagonisten der Zeit zu Wort kommen lässt.

Die Namen der Bands lesen sich wie das „Who is who“ der elektronischen Musik: Kraftwerk, La Düsseldorf und Neu!. Deutsch Amerikanische Freundschaft, Die Krupps und Rheingold. Sie alle haben ihre Wurzeln in Düsseldorf und inspirierten von hier aus ganze Musikergenerationen weltweit.
Ihr Einfluss reicht aus den 1970er Jahren bis heute, denn viele namhafte und weltumspannend bekannte Bands beziehen sich auf die kreative Keimzelle am Rhein. Ulravox, Depeche Mode und David Bowie bezeichnen die Musiker aus Düsseldorf als ihre Inspiration der ersten Stunde.

Protagonisten werden wörtlich zitiert

Nun hat Autor Rüdiger Esch ein Buch vorgelegt, in dem er die Protagonisten von einst zu Wort kommen lässt. „Oral history“ nennt sich die Form der Aufbereitung und bedeutet nichts anderes, als dass Esch die Musiker von damals in wörtlicher Rede zitiert. Esch collagierte die Zitate chronologisch. So ergibt sich, in zeitlich angeordneten Kapiteln aufbereitet, eine Evolution der elektronischen Musikgeschichte Düsseldorfs. Er lässt Musiker wie Kurt Dahlke von der Band Der Plan und Jürgen Engler von Die Krupps in ihrem persönlichen Tagebuch blättern und Erinnerungen aufbereiten.
Die Idee des Buches kam Esch, als er für die Stadtwerke Düsseldorf die Ausstellung „Electric City“ mit anschließendem Konzert in der Turbinenhalle Flingern kuratierte. 2011 war das. In einem anschließenden Urlaub machte Esch mit sich selbst den Vertrag und begab sich an die Arbeit. So kam es nach einer kurzen Vorbereitungszeit zu rund 50 Interviews mit Musikern der Szene. „Dies bedurfte mitunter einer gewissen Diplomatie“, verrät Esch. Nicht alle Musiker waren sofort bereit, Auskunft zu geben. Rüdiger Eschs Bonus ist, selbst Musiker zu sein. „Als Bassist der Bands Die Krupps und Male sprachen die befragten Musiker nicht mit einem Journalisten, sondern mit ihresgleichen, einem Musiker eben“, erzählt Esch.

Die Musik vom Rhein in einer Außenperspektive

Besonders gelungen ist, dass Esch nicht nur Düsseldorfer Musiker zu Wort kommen lässt, sondern auch mit Musikrezipienten aus Großbritannien gesprochen hat. Die Szene erhält somit parallel zur Innenansicht auch eine Außenperspektive. Es ist rührend zu lesen, wie Musiker wie Andy McCluskey von der Band Orchestral Manoeuvres in the Dark oder Martyn Ware von The Human League und Heaven 17 über die Musik am Rhein dachten und sich von ihr inspirieren ließen. Esch stellte jedem Befragten acht identische und acht individuelle Fragen. „So ergab sich stets ein Interview in Spielfilmlänge, das ich auswerten konnte.“ An insgesamt 100 Tagen erarbeitete Esch mit seiner Assistentin Miriam Spies die Transkription der Interviews, lies diese aus dem Englischen übersetzen, reiste durch die Republik und nach England, um die Stimmen einzufangen – viel Arbeit für einen geschichtlichen Abriss eines Teils der Düsseldorfer Musikszene.
Sein Buch endet 1986. „Eine Einladung, weiterzuarbeiten“, sagt Rüdiger Esch und verweist auf weitere musikalische Entwicklungen nach 1986. Die zeitliche Klammer von 1970 bis 1986 hat übrigens zwei Gründe:
„Einerseits rüsteten nach 1986 alle Musiker auf digitale Technik um, das ist nicht mehr mein Thema“, so Esch. Andererseits erschienen in dieser Zeit die wichtigsten Kraftwerkalben. „Dabei fand ich Kraftwerk damals doof“, schmunzelt Esch heute.
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2 Kommentare
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 12.11.2014 | 18:44  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 12.11.2014 | 18:50  
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