Sébastien Tellier beim New Fall Festival: Wahnsinn unter Wasser

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Spielte im Tanzhaus NRW und begeisterte mit großartiger Musik: Sébastien Tellier und Band. Foto: © Ludovic Carème
Sébastien Tellier und Band gaben im Rahmen des New Fall Festivals ein explosives Konzert im Tanzhaus NRW und schwankten dabei zwischen Genialität und Wahnsinn.

Das Bühnenbild ist geprägt durch eine Unterwasserlandschaft, es pulsiert eine rote Qualle vor dem bühnengroßen Bild eines bunten Korallenriffs. Mitunter setzt die Technik ein rot-grünes Stroboskop ein und verstärkt damit auf technischer Ebene einen musikalisch herausragenden und sehr überzeugenden Abend.
Geprägt durch eine auslandende Rhythmikeinheit bestehend aus Schlagzeuger und Percussionist, liefert Tellier an diesem Abend einen Stilmix aus ausgedehntem Pop und großartiger analoger elektronischer Musik sowie Vocoderklängen. Bossa Nova Rhythmen allzeit inklusive.

Ausgedehnte Gesprächsphasen, genährt durch Pils aus dem Schwarzwald

Der Teils bestuhlte Saal im Tanzhaus NRW ist gut besucht, der freie Raum vor der Bühne lädt das Publikum dazu ein, bis an den Bühnenrand zu treten und zu tanzen. Die Tatsache, dass der 1975 geborene Tellier Franzose ist, verleiht dem gesamten Abend bereits im Vorfeld einen übergeordnet ungewöhnlichen Rahmen, denn französische Musik gilt in Kennerkreisen als uneingeschränkt cool. Überhaupt war der gesamte Abend cool. Während sich Tellier zum Teil in ausgedehnten Gesprächsphasen, zusätzlich genährt durch Schwarzwälder Pils, über die Popmusik der 1980er Jahre und aktuelle Clubmusik auslässt, war auch das Düsseldorfer Publikum ein Düsseldorfer Publikum durch und durch. Alles, was Tellier sprachlich und phasenweise ausgedehnt von sich gibt, wird vom Großteil des Publikums unreflektiert durch Lachen und Applaus honoriert. Und wie immer ist das Düsseldorfer Publikum, was Kleidung und Habitus betrifft, cooler als alle Musiker aller Festivals auf der Bühne; die Blicke nach der „richtigen“ Kleidung schweifen bereits vor dem Abend auf Vorplatz und im Eingangsbereich.

Genuss für Freunde alternativer Versionen

Telliers Debutalbum L'incroyable vérité erschien im Jahr 2001, Tellier ging damals mit der Band Air auf Tournee, um sein Album zu bewerben. Sofia Coppola verwendete seinen Song Fantino für den Soundtrack des Filmes Lost in Translation. Sein viertes Studioalbum Sexuality aus dem Jahr 2011 wurde von Guy-Manuel de Homem-Christo von Daft Punk produziert, Tellier war damit im etablierten französischen als auch internationalen Musikgeschäft angekommen.
Teile dieses Werkes bietet Tellier an diesem Abend im Tanzhaus NRW in ungewöhnlicher Form und in neuem musikalischem Gewand; ein Genuss für Freunde alternativer Versionen.

Und während Sébastien Tellier die Zugabe im goldenen Cape und mit szenischem Bühnenwind gibt, gilt es erneut zu differenzieren: Während seine Musik in der Tat außergewöhnlich hochwertig ist, mutet die Präsentation gewöhnungsbedürftig und überflüssig an. Vorteil seiner Zugabengarderobe: ein goldenes Cape trug im Publikum niemand. Noch nicht einmal der Coolste.

Sven-André Dreyer

Unser Redakteur Michael Hoch war parallel bei der Vorstellung von London Grammar in der Tonhalle. Seinen Bericht gibt es hier.

Was die schottische Band Mogwai am Freitag auf der Bühne geboten hat, lest Ihr hier.
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