Spurensuche: Im Malkasten treffen sich die Künste

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In kubischer Formsprache präsentiert sich der Malkasten seit den 1950er Jahren. Die schlichte Eleganz des Hentrich-Baus passt sich zurückhaltend in die Parkanlage ein und bildet einen reizvollen Kontrast zum Rokkoko-Entree von Schloss Jägerhof, das wenige Schritte entfernt auf der selben Seite der Jacobistraße steht.
 
Um 1900 entstand diese Aufnahme der ehemaligen Philosophenvilla. Damals verfügte sie bereits über eine Außenterrasse. Das weitere Schicksal von Gebäude und Park blieb durch Umbauten geprägt. (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)
Es ist Ausstellungshalle und Archiv, hat Tagungsräume, Weinkeller und einen Biergarten. Ist es Weihestätte oder Gesamtkunstwerk? Das Malkastenhaus bot in seiner fast 150jährigen Geschichte ein vielfältigeres Programm als Dreispartentheater.

Dabei lesen sich die ersten Einträge seiner Chronik recht prosaisch. Einen „Verein für geselliges Künstlerleben“ meldeten Mitglieder der Düsseldorfer Akademie wie der Historienmaler Theodor Hildebrandt oder der Satiriker Lorenz Clasen bei den zuständigen Behörden an. Nicht mehr als ein Stammtisch für die Herren Professoren?
Der Vereinszweck ist natürlich dem politischen Klima geschuldet. Schließlich schreiben wir das Jahr 1848: Der Pulverdampf der Märzrevolution verweht gerade. Die Abgeordneten der ersten deutschen Nationalversammlung gründen Fraktionsgemeinschaften in der Frankfurter Paulskirche und nannten sie „Casino-Partei“ oder „Deutscher Hof“, nach ihren Tagungslokalen. Die rheinischen „Muss-Preußen“ wussten, was die Obrigkeit gerade noch tolerieren würde. Tatsächlich muss man sich die Künstlervereinigung Malkasten (KVM) als ausgesprochen munteren Debattierclub vorstellen. Hier fand keine dünkelhafte Gelehrtenrunde zusammen, was sich rasend schnell herumsprach im damals doch sehr überschaubaren (manche sagen: „beschaulichen“) Düsseldorf. Kein Jahr war seit der Gründung vergangen, als der Vereinsvorstand stolz verkündete, dass so gut wie jeder ortsansässige Künstler KVM-Mitglied sei.
Dieser „Cristallisationspunkt aller geistigen Bestrebungen der gesamten hiesigen Künstlerschaft“ war ein reiner Männerbund. Frauen wurden irgendwann doch zugelassen. 1977!

16 Jahre lang vagabundierte der Künstlerbund kreuz und quer durch die Stadt. Hatte man sich mittelfristig niedergelassen, entwuchs der eigene Anspruch an die Veranstaltungsfläche dramatisch schnell den räumlichen Gegebenheiten. Lange bevor Richard Wagner sein Festspielhaus errichten ließ und den Gedanken des Gesamtkunstwerks in die Welt setzte, arbeiteten die kreativen Geister am Rhein an großen, möglichst viele Kunstformen umfassenden Darstellungskonzepten.
Zu Beginn der 1860er Jahre rückte die Frage nach einem angemessenen Domizil in greifbare Nähe. Neben Schloss Jägerhof stand eine leere Villa. Nebst großzügigem Park gehörte sie gehörte dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi und seinem Bruder dem Dichter Johann Georg. Nach deren Tod sollte das Grundstück parzelliert und stückchenweise verkauft werden. Weil das auch die Stadt Düsseldorf allzu schade fand, aber nicht liquide genug war, dieses Anwesen selbst zu erwerben, machte man sich auf die Suche nach einer eleganten Lösung. Der Künstlervereinigung gelang es mit Hilfe des Malers Andreas Achenbach und des Regierungsrates von Sybel sowie zahlreicher Spender, das Gebäude zu erwerben. Wenn man das Haus hätte fragen können wäre es sicher einverstanden gewesen. Schließlich hatte es doch schon Goethe, Herder, Iffland und Humboldt beherbergt.
Nun also Neubeginn mit ganz großem Theater. Das Haus bleib dem Vereinsleben vorbehalten, öffnete sich aber in unregelmäßigen Abständen seinem Publikum. Eine besondere Attraktion waren die „dramatisch-malerisch-musikalischen Aufführungen“ der Malkastenbühne, deren dekorativ-szenische Ausstattung für Aufsehen sorgte. 1877 fand gar Kaiser Wilhelm I. den Weg nach Pempelfort. Auf dem Spielplan stand die dramatisierte Nacherzählung einer Begebenheit der Befreiungskriege. „Blüchers Rheinübergang bei Kaub“, teil des Vormarschs auf Paris nach der Völkerschlacht bei Leipzig, hielt man für so erinnerungswürdig, dass ein entsprechendes Monumentalgemälde sogar den Sitzungssaal des Rathaus schmückte.
Mindestens so imposant wie das Innenleben präsentierte sich bald die direkte Umgebung des Vereinssitzes. Allmählich füllte sich der Park mit Arbeiten der Akademiemitglieder. Dieser Skulpturengarten, durchflossen vom Düsselbach und noch außerhalb der Innenstadtgrenzen gelegen bot eine stimmungsvolle Kulisse für Künstlerfeste, bei denen Musik, Tanz und Literaturgleichberechtigt neben den bildenden Musen zu ihrem Recht kamen.
Gerade zu geschichtsträchtigen Daten kannte der Gestaltungswille keine Grenzen. In den Zwanziger Jahren entwickelten üppig inszenierte Feste magnetische Anziehungskraft. In Umzüge stellten kostümierte Teilnehmer denkwürdige Ereignisse der rheinischen Geschichte nach. Das letzte von der KVM realisierte Festspiel war 1929 Albrecht Dürer und seiner Zeit gewidmet.
Kein Ruhmesblatt erwarb der Malkasten mit der Pflanzung einer „Hitlereiche“ in Komplizenschaft mit dem „Kampfbund für deutsche Kultur“. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg begann praktisch mit der „Stunde Null“ der Wiederaufbau. 1947/1949 nach Plänen der Architekten Helmut Hentrich und Hans Heuser rekonstruiert, erhielt das Gesellschaftshaus Mitte der 50er Jahre einen modernen Eingangsbereich mit Vordach. Ein modernes, festzeltartiges Obergeschoss aus Glas und Stahl wurde geschaffen. Das alte Jacobihaus wurde dabei mit dem modern gestalteten Gesellschaftshaus verbunden.
Der Malkasten glänzt heute mit dem Jacobigarten, einer Gastronomie und Tagungsräumen.

Der KVM heute
In Restaurant und Bar, der Rotunde und dem Jacobihaus wird im Zwei- bis Drei-Monatsrythmus Kunst gezeigt. Da der Malkasten keine Ausstellungsräume besitzt, sind diese Projekte raumbezogene Hängungen. Die Debatte der Künstler untereinander, aber auch das Gespräch mit Bürgern, Politikern, Galeristen u.a. ist ein Hauptanliegen des Malkasten geblieben. Der Künstlerverein hat etwa 315 ordentliche Mitglieder (Künstler), 137 außerordentliche Mitglieder (Fördermitglieder), 2 Firmenmitglieder und 3 Ehrenmitglieder. Mehr zum haus und seinem Programm gibt es hier.


Venus mit Cellulite
Eine der entzückendsten Episoden in der an Anekdoten nicht armen Gesichte des Malkastens ist sicher die von der „Venus mit Cellulite“. Sie erhob sich einst aus den überschaubaren Tiefen eines Teichs in Parkmitte. Die Plastik, der Venus von Milo nachempfunden und bestand – welch revolutionärer Umgang mit Material im ausgehenden 19. Jahrhundert – eigentlich aus Schrott, nämlich aus eingeschmolzenen Farbtuben.
Der Guss aus diesem eher weichen Metall war natürlich längst nicht so beständig wie Bronze. Hinzu kam, dass wohl Rangen aus der Nachbarschaft Gefallen daran fanden, mit Zwillen oder Armbrüsten auf den verlängerten Rücken der Schönheitsgöttin anzulegen.
Bald bildete sich Blötsch neben Blötsch auf dem einst wohlgerundeten Popo, was freilich nichts mit Bindegewebsschwäche zu tun hatte. Die Venus existiert heute nicht mehr.
Dass auch Rittmeister Armand Léon von Ardenne auf die Skulptur gezielt hätte, ist nicht überliefert. Doch war er häufig Gast des Malkastenvereins und lernte hier Amtsrichter Emil Hartwich kennen. Der entbrannte aber für Ardennes Gattin Elisabeth.
Die beiden ließen sich auf eine Affäre ein, die bald zum Stadtgespräch wurde. Der adlige Offizier forderte seinen Nebenbuhler zum Pistolenduell, traf und verwundete den armen Juristen tödlich. Theodor Fontane ließ sich von der Episode zu seinem Gesellschaftsroman „Effi Briest“ inspirieren. Und wenn sich das blutige Finale auch in Berlin abspielte, so hat doch auch diese Geschichte ihren Ursprung in Düsseldorf.
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