Conny meets Joachim Elias Zender

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(Foto: Foto by Ricabeth Steiger, Zürich)

Joachim Elias Zender wurde im Jahre 1962 geboren und durchlief eine Ausbildung zum Buchhändler. Des Weiteren besuchte er die Universität in Basel/ Schweiz und ließ sich dort zum "Papierkurator für historisches Papier und verwandte Materialien" ausbilden.
Im Zentrum seiner Tätigkeiten steht die Bestandserhaltung von Schriftstücken aus Pergament und Papier.
Joachim Elias Zender schrieb u. a. das Buch "Buch-Druck-Papier" und hat sich dankenswerter Weise dazu entschlossen, uns mit einem Interview zu unterstützen.

Viel Spaß beim Lesen!
Liebst,
Conny

Conny: "Sie sind Autor des Buches „Geliebte alte Bücher“. Wie kommt man auf die Idee, ein Buch über dieses Thema zu schreiben?"
J. E. Zender: "Natürlich könnte ich Ihnen jetzt eine ganze Reihe von Argumenten aufzählen, die sich besonders aufregend anhören oder die zumindest andeuten würden, dass es meine Ansicht war, etwas „Neues“ in diesem Bereich zu publizieren. Das wäre jedoch Unsinn. Abgesehen von einigen Forschungsergebnissen aus der Bestandserhaltung (die beziehen sich überwiegend auf materialkundliche Erkenntnisse) wurde zum Thema Buch oder Altes Buch so ziemlich alles gesagt oder veröffentlicht, was es überhaupt zu sagen gibt. Das Problem ist allerdings, dass sich diese Veröffentlichungen i.d.R. entweder an das sog. Fachpublikum richten, oder dass ihr Erscheinen bereits so lange zurückliegt, dass sie nur noch schwer zu beschaffen sind. Die wenigen verbleibenden Titel beschäftigen sich dann leider oft mit romantisierenden Sujets, sei es dem zigarren- und weintrinkenden Buchliebhaber oder mit der zufälligen Entdeckung einer mittelalterlichen Kostbarkeit. Ich habe diese Erfahrung selbst oft machen müssen, als ich noch ausschließlich als Sammler unterwegs war und ich habe es bedauert, dass es nicht eine „Einstiegslektüre“ gab, die teils populär, teils anspruchsvoll den neugierigen Bücherfreund mit diesem sehr umfangreichen Thema fachlich korrekt und gleichzeitig unterhaltsam und lustvoll vertraut macht. Meine Absicht war es dann, eine sachkundeähnliches Buch zu erarbeiten, das diese Kriterien erfüllt. Nachdem ich meine Idee dann dem Thorbecke Verlag vorgestellt hatte, entstand das Buch in der nun vorliegenden Form. Dass es dann nicht unbedingt ein schmuckloses Sachbuch wurde, ist Thorbecke zu verdanken, ein Verlag der bereits seit langer Zeit mit viel Liebe zum Detail auch großen Wert auf eine anspruchsvolle Gestaltung legt. Meine Lektorin, Dr. Uta Korzeniewski bin ich hierbei ebenso zu Dank verpflichtet, wie dem Gestalter und Zeichner Claude Borer."

Conny: "Sind Sie der Meinung, dass die Menschen der heutigen Zeit alten Büchern den erforderlichen Respekt entgegen bringen?"
J. E. Zender: "Ein Buch, egal ob alt oder neu, ist zuerst einmal eine Sache, also ein materieller Gegenstand. Und ob jemand einem materiellen Gegenstand Respekt entgegenbringen will oder nicht, das kann wohl nur aus der Entstehung des Gegenstandes heraus betrachtet werden. Anders gesagt: Schätzen wir eher die Erfindung oder den Erfinder, den Künstler oder das Kunstwerk? Bei „wirklich“ alten Büchern - wir sprechen hier über die Zeit vor 1850 - sollte man sich bewusst machen, wie viel Zeit und Arbeit der „Buchmacher“ in das Objekt gesteckt hat, das man gerade in der Hand hält. Hinzu kommt dann natürlich noch einmal der Inhalt des jeweiligen Buches, der natürlich auch vor dem Hintergrund des entsprechenden Zeitgeistes betrachtet werden muss. Der Herstellungsakt des alten Buches verlangt aus meiner Sicht immer eine gewisse Hochachtung, müssen wir uns doch vor Augen halten, wie viele Menschen damit beschäftigt gewesen sind, dieses eine Exemplar herzustellen, das wir dann gerade in der Hand halten. Schauen Sie hier z.B. einmal nach Frankreich, wo die „Buchmacherkunst“ noch sehr viel expressiver und künstlerischer betrieben wurde. Da war letztlich jedes Buch ein kleines Kunstwerk, man könnte auch sagen, ein kleiner Schatz. Natürlich hat der moderne Mensch in der Regel keinerlei Bezug zu dem Aufwand, der hinter diesen Abläufen steht und entsprechend gering ist sein „Respekt“. Etwas anders verhält es sich vielleicht noch bei alten Büchern, deren Inhalt nur unter Lebensgefahr für den „Autor“ zustande gekommen ist. Denken Sie nur an die ersten anatomischen Studienbücher oder an naturwissenschaftliche Werke, die gegen den Widerstand einflussreicher gesellschaftlicher Institutionen, wie z.B. der kath. Kirche, entstanden sind. Wenn Sie ein solches Buch in Händen halten und sich bewusst machen, was Sie da vor sich haben, unter welchen abenteuerlichen Umständen es entstanden ist, entsteht wohl von selbst ein großer Respekt vor all denjenigen, die mit diesem Buch zu tun hatten."

Conny: "Welchen Stellenwert haben Bücher im Allgemeinen in ihrem Leben?"
J. E. Zender: "Bücher sind meine Parallelwelt, in der ich mich am liebsten aufhalte und vergnüge. Aber mir ist völlig klar: ich bin ein Dinosaurier."

Conny: "Gibt es, Ihrer Meinung nach, einen Fehler im Umgang mit alten Büchern, den man als den „gravierendsten“ beschreiben könnte?"
J. E. Zender: "Der größte Fehler ist, ein altes Buch nicht zu lesen oder es zumindest inhaltlich nicht zu erfassen. Aus Sicht der Materialbehandlung bestehen die „schlimmsten“ Fehler 3 darin, das Buch korrekt aufzubewahren. Das geht schon damit los, wie man es stellt bzw. lagert (z.B. „Schrägstellung“ in einem Regal, das ist der Beginn der Zerstörung).

Conny: "Welche Unterschiede macht es in Bezug auf den Umgang mit einem Buch, wenn die Seiten aus Papier bzw. Pergament bestehen?"

J. E. Zender: "Nun, beim Pergament handelt es sich, einfach betrachtet, um tote Haut, oder vereinfacht ausgedrückt, um ausschließlich organisches Material. Und dieses Material reagiert völlig anders auf unterschiedliche Einflüsse. Wird die „tote Haut“ feucht, bilden sich schnell Schimmel und Bakterien, sie wird im wahrsten Sinne des Wortes „zersetzt“. Lagert diese tote Haut zu trocken, wird sie brüchig und zerfällt. Hier kommt dem Begriff der relativen Feuchte eine besonders hohe Bedeutung zu, aber natürlich erkläre ich das jetzt hier sehr verallgemeinert und nur unzureichend. Wichtig scheint mir jedoch darauf hinzuweisen, dass Pergament auch heute noch der Beschreibstoff ist - sehen wir einmal von Steinmeisselungen ab -, der die längste Aufbewahrungsdauer garantiert. Da müssen sich sämtliche digitale Datenträger zuerst noch in den kommenden Jahrtausenden bewähren. Was die Unterschiede im Umgang mit den beiden Materialien Pergament und Papier betrifft, so ist Papier schlichtweg das „einfacher“ zu bedienende Material. Versuchen Sie es einfach einmal selbst: schreiben Sie auf einem Stück Pergament und vergleichen Sie das mit dem Schreibkomfort bei Papier."

Conny: "Haben Sie im Bereich der alten Bücher ein „Lieblingsbuch“, welches Sie über alle Maßen beeindruckt hat? Wenn ja: Welches und warum?"
J. E. Zender: "Noch vor wenigen Jahren hätte ich Ihnen diese Frage ausschweifend beantwortet. Natürlich gab es, gerade in der Zeit, als ich selbst noch aktiv gesammelt habe, „Lieblinge und Schätze“. Doch habe ich irgendwann für mich erkannt, dass ich diese Liebe zu meinen Schätzen immer breit streuen muss und will. Je mehr Sie als Sammler entdecken, desto häufiger verlieben Sie sich neu. Aber: der Mensch entwickelt sich weiter, und ich habe gelernt, auch die bibliophilsten Schätze mit Abstand und „abgekühlt“ zu betrachten. Aus diesem Grund habe ich mich unlängst vom grössten Teil meiner Sammlung getrennt. Heute macht es mir mehr Freude, mich mit vielen unterschiedlichen alten Büchern zu umgeben, die im Grunde gar nicht alt, also im Sinne von „rare“, sind. Ich beschäftige mich überwiegend mit Künstlerbüchern und Privatdrucken des ausgehenden 19. Jahrhundert, wobei auch die Druckgrafik eine große Rolle spielt. Oft handelt es sich dabei um Kleinstauflagen von zehn bis vielleicht fünfzig Exemplaren, die nur für einen bestimmten Liebhaberkreis hergestellt wurden. Hierzu gehören z.B. Drucke 4 von Virginia Woolf, die Hasen und Enten von Beatrix Potter, aber auch illustrierte Handreichungen von Rilke oder Hesse."
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