Das Wesen des Materials

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Ihre Betätigungsfelder sind vielfältig und oftmals inspiriert eine Arbeit eine nächste: Innenarchitektin und Künstlerin Vera Wieding in der alten Schreinerei in Flingern, die sie gleichsam als Atelier benutzt. Foto: Oleksandr Voskresenskyi
 
Künstlerin Vera Wieding im Gespräch mit Redakteur Sven-André Dreyer in der alten Schreinerei in Flingern, die sie gleichsam als Atelier benutzt. Foto: Oleksandr Voskresenskyi
Es ist einer dieser Orte, den man in einer Großstadt wie Düsseldorf nicht erwartet: Betritt man den Hinterhof durch die Toreinfahrt auf der Bruchstraße, tritt man gleichzeitig ein in eine andere Welt. Die Bambuspflanzen sind über vier Meter hoch gewachsen, ein blühender Apfelbaum steht auf der kleinen Wiese im Hof. In einer Ecke des kleinen Gartens liegt gestapeltes Feuerholz, die Toilette der Werkstatt im Hinterhof ist ebenfalls nur über den Hof zu erreichen.

Schließt man hinter sich das Tor, so sperrt man auch den Straßenlärm aus – übrig bleibt das Zwitschern einer Meise und nachmittags die Stimmen spielender Kinder. „Manchmal fühle ich mich hier wie im Urlaub“, erzählt Innenarchitektin Vera Wieding, die in der hier bereits seit den 1960er Jahren existierenden Schreinerei ein kleines Atelier betreibt. Dass sie ausgerechnet hier arbeiten darf, sei für sie „wie ein Sturz in den Sahnepott“, erzählt Wieding.
Für ein Studium der Innenarchitektur kam die 1966 Geborene aus dem kleinen Ort Holtwick im Münsterland, nördlich von Coesfeld gelegen, 1986 nach Düsseldorf. „Ich hatte in der neunten Klasse einen Fernsehbericht über die Arbeit einer Innenarchitektin gesehen“, erzählt Wieding, „und da wusste ich, was ich beruflich machen möchte.“ Wieding absolvierte, damals für Mädchen noch sehr ungewöhnlich, eine Ausbildung zur Schreinerin. Bereits als Kind hatte sie ihrem Großvater sowie ihrem Vater bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Beide betrieben im Münsterland eine Werkstatt für Holzschnitzereien und Kunsthandwerk, stellten Holzdekorationen wie Madonnen und Kreuze her. Als in den 1960er Jahren der Bedarf an derartiger Dekoration rapide nachließ, musste ihr Vater, der die Familie durch die handwerkliche Tätigkeit nicht mehr finanzieren konnte, eine Umschulung machen. Er wechselte in den Pflegebereich. Erhalten blieb ihm die Erkenntnis, dass man von Kunst nicht leben könne. Diese Erkenntnisse vermittelte er ernüchtert auch an seine Tochter Vera.

Diplom-Studium mit Auszeichnung

Das Diplom-Studium der Innenarchitektur absolvierte Wieding mit Auszeichnung, arbeitete schon während des Studiums als Tutorin des Modellbaus für Architektur und entdeckte dort den Facettenreichtum und das breite Spektrum unterschiedlicher Materialien. Als Innenarchitektin arbeitete sie bis zu der Geburt ihrer Söhne. Als sie nach der Babypause erneut in ihren Job einsteigen wollte, gestaltete sich der Wiedereinstieg jedoch schwierig. Nur bedingt ließ sich die beruflich extrem zeitintensive Situation mit der familiären Anforderung kombinieren. Wieding besann sich auf im Studium erlernte Komponenten der Zeichnerei und Malerei, experimentierte mit Linoliumschnitten, ihre Arbeiten wurden damit erstmals plastisch. Überdies bildete sich die passionierte Werkzeugsammlerin in Goldschmiede- und Holzschnitzkursen fort, entwickelte neue künstlerische Ideen stets aus Vorangegangenem. Gedanklich werden Schaffensprozesse weiterentwickelt. Mit dem Wissen der Abstraktionsmöglichkeit aus dem Modellbau und ausgestattet mit handwerklichem Geschick, arbeitete die Künstlerin zunehmend mit weiteren Materialien, Metallen und – ihrer familiären Tradition folgend – auch wieder mit Holz.
Neben großformatigen, in Holz gefrästen plastischen Bildern entstehen heute häufig auch Kombinationen aus verschiedenen Materialien in ihrem Flingeraner Atelier.

Moderne Stencils auf altem Holz

Aktuell arbeitet sie mit sogenannten Stencils – schablonierten, mehrschichtig aufgetragenen Lackarbeiten, die sie auf alte Holztafeln und Bretter aufträgt.
Und auch die Arbeit mit emaillierten Kupferplatten ist Teil ihres aktuellen Schaffens. Filigran und überaus detailliert entstehen derzeit kleine Arbeiten, die Ornamente und Figuren aus der Zwei-, in die Dreidimensionlität erheben, ein kleiner Adventkranz mit klappbaren Kerzen oder ein innig tanzendes Paar. „Pocket Posy“ nennt sie ihre neueste Kreation, die einmal mehr verdeutlicht, dass mit einer fundierten Basis und dem Wunsch, viel auszuprobieren, stets Neues entstehen kann.
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