Der Weihnachts-Wunschbaum

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Düsseldorf: Andreas Vogt | Der Weihnachts-Wunschbaum

von Andreas Vogt, Weihnachten 2015


Ich erzähle Euch heute eine Geschichte, welche ich selbst erlebt habe.
Noch heute staune ich über diese wundersame Geschichte, welche Dich ebenfalls zum Staunen und Nachdenken bringen wird.

Im November des Jahres 2015 war in der Baumschule der Familie Stoffels eine Menge los. Gerade erst hatten die Stoffels ihren Halloween-Erntedank-Kürbis-Aktionstag hinter sich gebracht und schon stand die Vorweihnachtszeit an. Richtig aktiv wurde es aber erst, wenn die Angestellten der Baumschule das Licht löschten und Feierabend machten. Dann begann nämlich unter den zahlreichen Bäumen ein intensives Geflüster, Gemurmel und zahlreiche Gespräche unter den Bäumen entwickelten sich.

Zu dieser Zeit, also der Vorweihnachtszeit standen natürlich die zahlreich anwesenden Tannenbäume deutlich im Mittelpunkt. Und das ließen die Tannenbäume auch die anderen Bäume deutlich spüren. Jetzt war die Stunde der Tannenbäume gekommen. Die anderen Bäume waren eh in der Unterzahl, denn viele von ihnen hatten im Frühjahr die Baumschule verlassen und ein neues zu Hause bekommen, denn sie wurden an allen möglichen Stellen im Stadtgebiet eingepflanzt. Ein gewaltiger Orkan hatte am Pfingstmontag 2014 die Stadt verwüstet und über 30.000 Bäume wurden entwurzelt und ließen ihr Leben. So gab es nicht mehr viele Laubbäume in der Baumschule.

Bei den Tannenbäumen entwickelte sich eine rege Diskussion, wer denn der schönste Baum sei und die bestmögliche Verwendung für Weihnachten hätte.

Das steigerte natürlich das Selbstwertgefühl der älteren Tannengewächse.

Insgesamt 47 Arten von ihnen gibt es und sie alle gehören zur Familie der Kieferngewächse.

Noch vor einer Woche war der bisherige Chef der Tannenbäume als „Kanzlertanne“ auserkoren worden. Die stattliche, alte Nordmann-Tanne wurde gefällt und nach Berlin ins Bundeskanzleramt verfrachte und dort als Weihnachtsbaum aufgestellt. Die alte Nordmann-Tanne fand das gar nicht lustig, wehrte sich und behinderte bewusst die Fällaktion. Dabei dachte sie sich:“ Hätte man mich nicht einfach leben lassen und umpflanzen können? Warum tun Menschen so etwas Unachtsames. Warum pflanzen die Menschen ihre Weihnachtsbäume nicht einfach dorthin, wo sie sie haben möchten? So hätten die Menschen viel weniger Arbeit und wir Bäume könnten und entwickeln und weiterleben? Würden wir Bäume ein kostenfreies W-LAN Netz ausstrahlen, niemand würde uns mehr fällen“.

Unter drei Tannen, eine Pracht-Tanne, eine Balsam-Tanne und eine kleine Nordmann-Tanne, entwickelte sich ein sehr emotionales Gespräch rund um deren zukünftige Verwendung. Wer wohl die größte und schönste Karriere als Weihnachtsbaum machen würde?

„Ich möchte gern ein Weihnachtsbaum bei einer Familie mit Kindern werden“, sagte die Pracht-Tanne, während die Balsam-Tanne gern als Weihnachtsbaum in einem der vielen Stadtteile aufgestellt und festlich beleuchtet werden wollte. Die kleine Nordmann-Tanne hatte einen ganz besonderen Wunsch. „Ich möchte gern ein Weihnachts-Wunschbaum werden, das ist jetzt überall total in und macht sehr viel Freude. Als Weihnachts-Wunschbaum kommt mir eine ganz besondere Rolle zu. Ich stehe irgendwo bei einem Unternehmen und die Mitarbeiter der Firma erklären sich als Geschenkpaten für 57 Kinder. Den Kindern geht es nicht gut, sie kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, darunter auch Flüchtlingskinder und Kinder mit körperlicher und geistiger Einschränkung.“

Die beiden anderen Bäume staunten und auch die anderen Bäume beendeten ihre Gespräche und lauschten den Ausführungen der kleinen Nordmann-Tanne. „An meinen Ästen hängen die Kinder selbstgebastelte Weihnachtssterne mit ihren Wünschen auf. Die Mitarbeiter nehmen die Sterne ab und erfüllen den Kindern ihre Wünsche, bzw. kaufen ein Geschenk. Einige Tage vor Heiligabend besuchen mich die Kinder erneut. Alle bestaunen mich als Weihnachts-Wunschbaum und gemeinsam begrüßen wir den Weihnachtsmann mit seinen 57 Geschenken. Ein phantastischer Augenblick für meine Karriere als Nordmann- Tanne mit so vielen leuchtenden, strahlenden Kinderaugen“.

Und sie setzte noch einen drauf: „Wenn ich Glück habe, werde ich sogar noch berühmt und erscheine in der lokalen Presse und der Boss des Unternehmens spricht bei mir am Baum. Diese Art der Werbung ist nämlich für das Unternehmen sehr wichtig. Tue Gutes und sprich darüber.“

Die anderen Bäume hörten zu und runzelten ihre Äste. Einige ließen vor Hochachtung einige Tannenzapfen auf den Boden fallen.

Ob der Wunsch der kleinen Nordmann-Tanne erhört werden würde?

Der Wunsch wurde erhört und am Freitag, dem 28.11.2015 verließ die kleine Nordmann-Tanne nach vorheriger Verabschiedung von den anderen Bäumen ihr zu Hause, die Baumschule Stoffels, für immer.

Aufgestellt wurde sie in der 1. Etage des Treppenhauses eines Versicherungsunternehmens in der Innenstadt.

Am darauffolgenden Tag hörte die Normann-Tanne laute, zahlreiche Kinderstimmen und das Trappeln kleiner Füße auf dem Marmorfussboden. Jetzt war der große Augenblick für sie gekommen, den sie sich so gewünscht hatte. Die Kinder einer städtischen Kindertagesstätte waren angerückt, um die Nordmann-Tanne zum Weihnachts-Wunschbaum zu schmücken.

Nach einer Stunde strahlte die kleine Nordmann-Tanne und fühlte sich pudelwohl. Die Kinder hatten Weihnachtskerzen, selbst gebastelten Schmuck und ihre Weihnachts-Wunschsterne an den Ästen angebracht. Die elektrischen Christbaumkerzen wurden angeknipst und ein Hinweisschild aus Plexiglas wies den Baum als Weihnachts-Wunschbaum aus. „Wenn mich jetzt nur die anderen Bäume in der Baumschule sehen könnten, dachte sich die Nordmann-Tanne, „die wären bestimmt eifersüchtig“. Die Kinder verabschiedeten sich nach dem Schmücken von ihrem Baum und die Tanne war glücklich.

Doch dieses Glücksgefühl des Weihnachts-Wunschbaumes hielt nicht lange an.
Von Montag bis Freitag hasteten die großen Menschen an der Nordmann-Tanne vorbei, würdigten sie mit keinem Blick, dafür aber immer den Blick auf das I-Phone oder den nächsten Termin im Auge. An den Adventswochenenden wurde der Strom abgeschaltet und die kleine Tanne stand ganz allein auf dem dunklen, kalten Flur. Niemand blieb stehen, fotografierte den wunderschönen Baum und nur sehr wenig Mitarbeiter nahmen sich einen der Wunschsterne der Kinder und erfüllten diesen.

„Was ist hier nur mit den Menschen los?“, dachte sich der Weihnachts-Wunschbaum, „wäre ich doch wieder in der Baumschule bei meinen Freunden“.

So blieben viele Weihnachts-Wunschsterne unerfüllt am Weihnachts-Wunschbaum hängen.

Da wurde die kleine Nordmann-Tanne sehr traurig, weinte, bzw. sie wurde grau und nadelte.

So hatte die Tanne sich ihre Kariere als Wunschbaum nicht vorgestellt.

An Sonntag, dem 3. Advent fasste die Nordmann-Tanne einen Entschluss.

Sie wollte nicht mehr so weiterleben. „Ich werde mich noch heute umbringen“.

Als es gegen 16:00 Uhr bereits dunkel wurde, reckte sich der Baum zur Seite und ließ sich auf den kalten Marmorboden fallen. Die bemalten Christbaumkugeln zerbarsten auf dem Fußboden und die noch zahlreich vorhandenen Wunschsterne der Kinder verteilten sich quer über den Boden auf dem dunklen Flur. Traurig und ohne Leben lag sie da, die Nordmann-Tanne, der Weihnachts-Wunschbaum. Sie fiel in einen tiefen Schlaf.

Am darauffolgenden Montag erschienen ab 6:30 Uhr wieder die Mitarbeiter/Innen des Versicherungsunternehmens. Sie hasteten gestresst und gehetzt wie im Hamsterrad in ihre Büros. Als sie die erste Etage atemlos erreichten, kamen sie nicht weiter, denn vor ihnen lag quer auf dem Boden der Weihnachts-Wunschbaum. Sie blieben entsetzt stehen und betrachteten das Unglück auf dem Boden.

„Dem Baum sollte jemand helfen“, sagte ein langjähriger Mitarbeiter der Firma, „jemand muss doch dafür verantwortlich sein. Ich bin dafür nicht zuständig“.
„Da müssen wir dem Hausmeister Bescheid geben, damit er das wieder in Ordnung bringt“.

Doch die Mehrheit der Mitarbeiter bemerkte plötzlich die vielen Weihnachts-Wunschsterne, mit den noch unerfüllten Wünschen der Kinder, welche sich auf dem ganzen Flur verteilten.

Nachdenklich und betroffen beobachteten diese die Szenerie. Dann geschah etwas völlig Unerwartetes. „Wir helfen dem Baum jetzt und erfüllen den Kindern ihre Wünsche“, sagte ein Auszubildender. Beherzt griff er den Baum, richtete ihn auf, unterstützt von einem Dutzend Kolleginnen und Kollegen. Sie besorgten für den Baum frisches Wasser und zündeten die elektrischen Kerzen an.

Jetzt erwachte die Nordmann-Tanne aus ihrem Schlaf und wollte es kaum glauben, was hier geschah.

Dabei schlenderte der Direktor des Unternehmens über die Treppe, hinauf in die 3. Etage und bemerkte kühl „Na, haben sie jetzt hier alle einen Hausmeisterposten als Weihnachtsbeauftragte oder haben Sie nichts zu tun?“. Das konnte die jetzt zahlreich am Baum stehenden Menschen nicht weiter beeindrucken und diese Bemerkung war es auch nicht wert, beantwortet oder mit Resonanz quittiert zu werden. Für sie hatte jetzt der Weihnachts-Wunschbaum oberste Priorität. Und den Angestellten wurde bewusst, dass das anstehende Weihnachtsfest mehr bedeutete als Hektik, Konsum und Stress.

Jetzt ging es der Nordmann-Tanne spürbar besser und sie erholte sich von Stunde zu Stunde. Das Grau der Nadeln verwandelte sich in ein sattes Grün und das Nadeln hörte auf. Es wuchsen sogar neue Nadeln nach.

Für alle 57 Weihnachts-Wunschsterne fanden sich Geschenkpaten.

Wenige Tage vor Heiligabend warteten die Geschenke auf die Kinder. Diese lagen am Weihnachts-Wunschbaum. Viele Angestellte waren gekommen und fühlten sich stark an ihre eigene Kindheit zurück erinnert. Die Kinder der Kindertagesstätte standen mit strahlenden Augen vor dem Wunsch-Baum und warteten auf den Weihnachtsmann. Dann kam tatsächlich der Weihnachtsmann und überreichte jedem Kind sein persönliches Geschenk. Als der Weihnachtsmann bemerkte, wie wunderschön doch dieser tolle Baum sei, schwelgte die kleine Nordmann-Tanne im höchsten Glück.

Jetzt hatte die kleine Nordmann-Tanne ihr Ziel erreicht. Ihr Wunsch war erfüllt worden und sie war ein richtiger Weihnachts-Wunschbaum geworden.

Aber muss eigentlich immer erst ein Unglück passieren, bevor die Menschen für etwas merken?

Muss eigentlich immer erst jemand sterben oder erkranken, bis die Menschen sich selbst besinnen und reflektieren?

Und dafür können wir die Weihnachtszeit sinnvoll nutzen.

Frohe Weihnachten !
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1 Kommentar
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Marlies Bluhm aus Düsseldorf | 06.12.2015 | 16:52  
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