Sieben Tage wie eine kleine Ewigkeit

Anzeige
Der skeptische Blick verrät: Nach fünf Tagen schmeckt der sonst leckere Brennnesseltee nur noch halb so gut, der abendliche Tomatensaft ist auch nicht mehr der Kracher: Redakteur Sven-André Dreyer verzichtete beim Heilfasten fünf Tage auf feste Nahrung. Foto: Stefanie Siegel
Als Fastenzeit wird in der Westkirche der 40-tägige Zeitraum des Fastens und Betens zur Vorbereitung auf das Osterfest bezeichnet. Auch viele nicht Gläubige verzichten in der Zeit nach Karneval auf ein liebgewonnenes Nahrungs- oder Genussmittel in der Tradition der Quadragesima. Das Heilfasten stellt dabei eine besondere Form des Fastens dar, denn die einzige Nahrungszufuhr besteht aus Gemüsebrühe und Säften.

Eines vorweg: Diese besondere Form des Fastens, ein Heilfasten nach dem deutschen Arzt Otto Buchinger (1878 – 1966), vollführe ich weder aus religiösen, noch spirituellen oder aus Diätgründen. Es geht mir allein um den Selbsttest, die Erfahrung, die Erkenntnis, die ich aus der siebentägigen Fastenzeit ziehen werde. Wichtig dabei ist, dass man absolut gesund sein muss. Bei einer Größe von 1,78 Meter und 69,9 Kilogramm Körpergewicht, was einem Body-Mass-Index (BMI) von 22 entspricht und mich als normalgewichtig ausweist, starte ich also gespannt in das Unternehmen Heilfasten.
Das Besondere an der Art dieses Heilfastens ist, dass ich in einer insgesamt siebentägigen Fastenkur an fünf Fastentagen ausschließlich Gemüsebrühe, Tees und Säfte zu mir nehme und somit nur eine geringe Menge an Energie, Vitaminen und Mineralstoffen zuführe. Dies soll, so Experten, die Belastung für den Stoffwechsel verringern. Hinzu kommen Einläufe, die der Darmreinigung dienen sollen. Während mich ein Entlastungstag, an dem ich nur Obst und Gemüse zu mir nehme, in die Kur führt, entlassen mich zwei Tage mit Kartoffelsuppe, Knäckebrot und Joghurt aus dem Heilfasten.

Tag 1, Entlastungstag: Ich bin frohgestimmt, dass es nun endlich losgeht. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht: fünf Tage auf feste Nahrung zu verzichten heißt, fünf Tage den kulinarischen Genüssen komplett entsagen zu müssen. Das Problem: ich esse sehr gerne, aber meine Neugier siegt. Es bleiben mir Obst und Gemüse als Einstieg, wenigstens das.

Tag 2: Erster Fastentag, der leider mit Glaubersalz beginnt. Die Wirkung erzielt einen durchschlagenden Erfolg, zum Glück gibt es auf der Toilette Zeitungen. Ich brühe meinen ersten Fastentee, eine Zusammenstellung aus Mate-Brennnessel- und Pfefferminzblättern, Geschmacksträger ist Lemongras. Der Magen grummelt, abends stelle ich wieder fest, wie lecker Tomatensaft ist.

Tag 3: Fastentee, Gemüsebrühe, Obstsaft – ich habe schlecht geschlafen, mein Magen rumort. Heute wiege ich 68,1 Kilogramm und habe damit bereits 1,8 Kilogramm Gewicht verloren.

Tag 4: Ich bin müde, die Konzentration ist müßig. Ich versuche mich regelmäßig zu bewegen. Die Bewegung tut mir gut, das Arbeiten fälllt mir schwer. Mir fällt auf, wieviele Imbissbuden es gibt.

Tag 5: Heute ist der erste Tag, an dem ich mich etwas wohler fühle, auch wenn mir der Genuss fehlt. Ich entdecke, dass mein Geschmacksinn erwacht. Aber der Tomatensaft schmeckt nicht mehr.

Tag 6: Aufbautag, ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so über einen Apfel gefreut habe. Mittags gibt es eine Kartoffelsuppe, sie schmeckt himmlisch. Abends darf ich Knäckebrot, Joghurt und Gemüsesuppe essen – ich wage es, mir eine Nudeleinlage zu gönnen. Heute früh wog ich 65,4 Kilogramm und habe damit insgesamt 4,5 Kilogramm Gewicht eingebüßt.

Tag 7: Der zweite Aufbautag, es gibt Trinkmolke, Salat, Möhrengemüse, Knäckebrot und Kräuterquark. Es fühlt sich gut an zu essen, mein Geschmacksinn entdeckt völlig neue Komponenten in Sachen Salat und frischer, fester Tomate. Ich würze vorsichtig, bin begeistert vom Geschmack der Kräuter. Und: Ich mag feste Nahrung, mag es, zu kauen, zu kochen, ich mag meine Zähne.

Fazit: Man kann Heilfasten, muss es aber nicht. Ähnlich wie bei einem Marathonlauf, vor dem mir meine Mitmenschen berichteten, dass die letzten fünf Kilometer ein reiner Genusslauf seien (Ich empfand die letzten zehn Kilometer als reine Qual!), ging es mir auch während der Heilfastentage. Viele Fastende schwärmen, ich hingegen fühlte mich nicht sonderlich erfrischt, schon gar nicht „innerlich gereinigt“. Meine Erkenntnis ist aber, dass wer sich grundsätzlich frisch, saisonal und mit regionalen Produkten ernährt, sich gleichermaßen gesund ernährt. Auch das „Entschlacken“ des Körpers findet nach Ansicht von Medizinern beim Heilfasten nicht statt. Der Körper scheidet eigenständig nicht verwertbare (Gift-)Stoffe über Verdauungsprozesse aus. Das, was mir übrig bleibt, ist die Freude am Essen, die Freude über frische Nahrung und gesunde Ernährung. Und die Erkenntnis, dass Essen Leib und Seele zusammenhält. In diesem Sinne: Guten Appetit!
3
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
3 Kommentare
Kirstin Engelbracht aus Düsseldorf | 11.03.2015 | 15:49  
2.342
Sven-André Dreyer aus Düsseldorf | 12.03.2015 | 10:43  
45.899
Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 13.03.2015 | 21:37  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.