Die Tragödie von Düsseldorf-Himmelgeist im März 1945

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Bunkeranlagen in Düsseldorf-Itter erinnern an 1945
 
Bunkeranlagen in Düsseldorf-Itter. Hier suchte die Bevölkerung Schutz
 
Ein Gemälde zeigt Dr. Hans Marpmann
 
Meliesallee in Düssedorf-Benrath. Hier lebte Dr. Marpmann
 
Das Mickelner Feld 2016. Hier ist für 2019 der Deichbau geplant. Evtl. läßt sich im Rahmen der großen Bauarbeiten einiges finden, was auf die Tragödie vom 6.3.1945 hinweist.
Düsseldorf: Andreas Vogt |

Die Toten von Himmelgeist & die Geschichte des Volkssturmführers Hans Marpmann

Düsseldorf-Himmelgeist im März 1945

Die Alliierten auf der anderen Rheinseite rücken immer weiter vor und beziehen Stellung auf der anderen Rheinseite. Düsseldorf wird Frontstadt, soll zur Festung ausgebaut und bis auf den letzten Mann verteidigt werden.


Der Stadtteil Himmelgeist im Düsseldorfer Süden mutierte in der ersten Märzwoche des Jahres 1945 zu einem riesengroßen Gefechtsstandort.

Überall Soldaten, im Rheinbogen wurden Maschinengewehrstellungen ausgebaut um den Ort gegen Luftlandetruppen verteidigen zu können.

Überall zwischen Itter und Himmelgeist wimmelte es nur so von Kanonen und Soldaten.

Ein Leutnant wohnte im Pfarrhaus Himmelgeist und befehligte eine Abteilung Ukrainersoldaten in deutscher Pionieruniform.

Nun rückte am 02. März 1945 ein komplettes Flakregiment in den Stadtteil ein mit 12 Batterien zu je 36 Geschützen, also mit 400 Kanonen. Artillerie und Infanterie nahmen ihre Stellungen im Himmelgeister Rheinbogen und gegenüber Uedesheim ein.

Während sich die Bevölkerung, Zwangsarbeiter/Innen und sicherlich viele deutsche Soldaten den Frieden und eine Kapitulation Düsseldorfs herbeiwünschten, entstand durch diese sinnlose Aufrüstung eine große Gefahr für die Bürger in den Stadtteilen Himmelgeist und Itter.

Bereits am 03. März 1945 hatten die Amerikaner den Stadtteil Oberkassel besetzt und Stellung bezogen.

Dieser massive Aufmarsch deutschen Militärs in Himmelgeist blieb von den Alliierten nicht unbemerkt und so verwandelten diese die dörflichen Stadtteile ab Montag, den 05. März 1945 in ein wochenlanges Inferno.

Der Beschuss mit amerikanischer Artillerie war massiv und an ein öffentliches Leben war tagelang nicht mehr zu denken. Die Itteraner und Himmelgeister Bevölkerung versteckte sich in Schutzräumen, Bunkern und hatte hohe Verluste zu beklagen.

Viele Gebäude auf der am Rhein befindlichen Nikolausstrasse erhielten Volltreffer und Menschen und Tiere starben.

Es wurden sogar Phosphorgranaten eingesetzt und die Häuser und Höfe brannten lichterloh. Der Irrsinn eines bereits verlorenen, von wahnsinniger Ideologie geprägten Krieges wurde mehr als offenkundig.

So war ein „normales“ Begräbnis auf einem Friedhof nicht mehr möglich. Die Leichen der Menschen fanden ihre letzte Ruhe in den Gärten oder dem Park von Schloss Mickeln.

Die Tragödie vom 06. März 1945

Eine große Tragödie spielte sich am Dienstag, den 06. März 1945 im Mickelner Feld, einer Feldfläche zwischen den Stadtteilen Himmelgeist und Itter im sogenannten Himmelgeister Rheinbogen ab.

Volksturmführer in Düsseldorf-Reisholz war zu diesem Zeitpunkt ein Herr Marpmann.

Der am 07.06. 1888 geborene Marpmann hatte bereits den 1. Weltkrieg als Infanterist erlebt und sollte in den letzten Kriegstagen nach seinen Aussagen in einem von ihm verfassten Protokoll vom 25.07.1957 zur Schlüsselfigur zum Retter des Düsseldorfer Südens werden.

Bevor es ihn nach Düsseldorf- Himmelgeist verschlug, war er als Brückenbau-Pionier-Offizier in den West und Südost-Feldzügen, dann als Bataillonsführer im Grenzschutzregiment Düsseldorf tätig.

Marpmann war Mitglied der NSDAP.

Er erhielt am 06. März den Befehl, im Mickelner Feld Schützengräben für das Militär ausheben zu lassen.

Hierbei beschreibt er in einem Protokoll vom 25. Juli 1957, wie ein SA-Führer sich unvorsichtig verhielt.

Hunderte von russischen Frauen und Mädchen, alles Zwangsarbeiterinnen, sollten diese mühsame und gefährliche Arbeit unter Aufsicht der Soldaten verrichten, immer mit der Gefahr, entdeckt zu werden.

Ein ideales „Kanonenfutter“ für die auf der anderen Rheinseite befindliche Artillerie.

So hielt das amerikanische Militär die Arbeiten an den Schützengäben für militärische Truppenbewegungen und befeuerte nur noch ausschließlich das Mickelner Feld.

Nach dem Feuerüberfall bedeckten Hunderte von Toten das Mickelner Feld.

Bis heute ist nicht geklärt, was mit den toten Menschen passierte.

Sicherlich wurden diese nicht beigesetzt und liegen heute immer noch vermutlich in dem Feld, verscharrt in den ehemaligen, von ihnen selbst ausgehobenen Schützengräben.

Nichts erinnert mehr heute an diese Tragödie im Mickelner-Feld von Düsseldorf-Himmelgeist/Itter.

Marpmanns Bataillon hatte 16 Tote und Verwundete zu beklagen.

Einem Volkssturmmann in seiner Nähe wurden beide Beine abgerissen, ein anderer erhielt einen Granatsplitter in den Kopf und er fiel tot auf den in Deckung liegenden Marpmann.

Das alles geschah im Düsseldorfer Süden, während sich die Führung des deutschen Reiches aus dem Staub gemacht oder sich im Führerbunker in Berlin versteckt hielt.

Für Marpmann ging das Soldatenleben weiter und so erhielt er am 10.04.1945, also 5 Tage vor dem Einzug der Amerikaner in Düsseldorf, vom Düsseldorfer Verteidigungskommissar durch die Gaustabsleitung den Befehl, das Zentrum der Stadt mit Hilfe des Volkssturms zu verteidigen, Barrikaden aus – und aufzubauen.

Er wurde zum „Kampfkommandanten“ von Düsseldorf bestellt und mit der unsinnigen Verteidigung der Stadt mit Hilfe von 90 Volkssturm Barrikaden beauftragt.

Zudem sollte er sich mit Polizei-Oberstleutnant-Brunshagen in Verbindung setzen, der den Auftrag erhalten hatte, mit der Schupo (Schutzpolizei) die Rheinfront zu verteidigen.

Was für ein Wahnsinn! Marpmann war klar, dass dieser ihm gegebene Auftrag von schicksalhafter Bedeutung für Düsseldorf war.

Hätte er den Befehl ausgeführt, hätte ihn die Bevölkerung gelyncht oder die ihn bereits beobachtende Widerstandsbewegung ihn erschossen. Hätte der den Befehl nicht befolgt, wäre er vom Standgericht zum Tode verurteilt worden. Eine schwierige Situation in einer völlig chaotischen Zeit.

Zudem standen bereits Hunderte von amerikanischen Bombern bereit, um Düsseldorf und seine Bürger endgültig mit Bombardements zu vernichten.

Marpmann traf lt. Seinem Protokoll von 1957eine Entscheidung, die für ihn und Düsseldorf entscheidend sein sollte.

Er tat nach eigenen Aussagen das, was nach Lage der Dinge das Richtigste war.

Er tat nichts und tat doch so nach außen, als wenn er was täte.

So suchte er den Polizei-Oberstleutnant Brunshagen auf seiner Befehlsstelle in einer Schule an der Stoffeler Strasse auf. Brunshagen war von der aussichtslosen Verteidigung Düsseldorf eben so wenig begeistert wie Marpmann. Auf dem Weg zu diesem Gespräch hatte Marpmann einen Fahrradunfall, als er am Oberbilker Markt von einem Auto angefahren wurde. Glück im Unglück? Am nächsten Tag setzte sich Marpmann mit dem Leiter der Sofortmaßnahmen in Verbindung. Damit wollte er der Gaustabsleitung zeigen, dass er offiziell etwas tat.

Am 12. April machten sich die Folgen des Unfalls bemerkbar und Marpmann wurde mit Darmriss im Benrather Krankenhaus behandelt. Er meldete sich krank, tat aber so, als wenn er seinen Dienst über seine Wohnung in Düsseldorf-Benrath weiterführte. Im Büro des Press- und Walzstahlwerkes Benrath befand sich seine Befehlsstelle.

Inzwischen näherten sich die amerikanischen Truppen von Norden und Süden der Stadt.

Eine Anwohnerin von der Rheinuferstraße fragte bei Marpmann an, was diese mit der aufgebauten Barrikade auf der Rheinuferstraße machen solle, da sie Beschuss befürchtete. Marpmann teilte ihr mit, das er nichts dagegen hätte, wenn die Frau die Barrikade entfernen ließe. Das machte sie auch mit Hilfe von Arbeitern der gegenüberliegenden Fabrik der Gebrüder Müller.

Während der Arbeiten an der Barrikade erschien deutsches Militär, welches im Benrather Schlosspark stationiert war. Der Vorgesetzte fragte, wer den Befehl zum Abbau der Barrikade gegeben hatte und die Frau erzählte von Marpmanns Einverständnis. Mit den belastenden Begründungen für Sabotage und „Handeln gegen den Willen des Führers“ wollte der Vorgesetzte Marpmann zur Rechenschaft ziehen.

Das deutsche Militär musste aber direkt abrücken und Marpmann entging damit dem Standgericht und konnte sein Leben retten.

Am 15. April 1945 zogen die amerikanischen Truppen in Düsseldorf ein.

Der Irrsinn hatte endlich ein Ende.

Prälat Monsingnore Dr. Signowski aus Düsseldorf-Benrath schrieb später lt. Marpmanns Aussagen in seinem Bericht: „Nach der Besetzung Benraths durch die amerikanischen Truppen galt Dr. Marpmann allgemein, insbesonders im Kreise der katholischen Geistlichkeit, als Retter Benraths, weil er es unterlassen hatte , die Stadt Düsseldorf zu verteidigen, wodurch Benrath gerettet wurde“.

Der frühere kommunistische Gemeindevertreter Benraths, Karl Husch, schrieb lt. Marpmann: „Als Kontrolleur bei der Zwischenwerft Rheinfähre der Firma Hein/Lehmann, habe ich beobachten dürfen, das bis zum Schluss der Kampfhandlungen keinerlei militärische Handlungen aggressiver Natur unternommen wurden. Wenn dies unterlassen wurde, kann das nur das Verdienst des letzten Kommandeurs und Verteidigers des Abschnitts Düsseldorf gewesen sein“.


Von all dem bekamen die Bürger in den Stadtteilen Himmelgeist und Itter wenig mit.

Eine Zeitzeugin, geboren 1933 aus Itter erinnert sich: “Die Wochen im März 1945 waren für uns eine absolute Katastrophe. Wir standen unter ständigem Beschuss der Amerikaner. Nachts und Tagsüber. Und die Amerikaner auf der anderen Rheinseite bekamen alles mit, was bei uns lief. So erhielt eines Tages ein bei uns neben dem Haus in Itter getarnter Fernmeldewagen einen Volltreffer. Wir hielten uns tagsüber nur noch in einem Schutzbunker auf“.

Von den vielen Frauen, die Nachts – und tagsüber Schützen im Rheinbogen ausheben mussten, bekamen die Bürger nichts mit, denn es war ihnen verboten, in die im Rheinbogen befindlichen Schützengräben zu gehen, welche von Itter bis nach Himmelgeist an den Rhein verliefen. Zudem war es auch viel zu gefährlich.

DieZeitzeugin erinnert sich, dass im damaligen Saal des Restaurants Rheinfähre Hunderte von russischen Frauen – und Mädchen untergebracht waren. Diese mussten im Reisholzer Stahl – und Röhrenwerk arbeiten. Mit höchster Wahrscheinlichkeit hatten die Frauen auch die Schützengräben in den Feldern rund um das Schloss Mickeln auszuheben. „Oft, so unsere Zeitzeugin, fuhren wir zu den Frauen in der Himmelgeister Rheinfähre, steckten den russischen Frauen Butterbrote zu und lauschten ihrem abendlichen, schönen Gesang.“

Der Einmarsch der amerikanischen Soldaten erfolgte über Wuppertal nach Itter.

Eine Invasion über den Rhein bei Stürzelberg oder Uedesheim erfolgte nicht.

Die im Rheinbogen am Farnacker befindliche kleine Flak und die in Benrath stationierte große Flak war das auserwählte Ziel der Amerikaner.

Seitdem birgt das Feld am Mickeler Busch anscheinend ein dunkles Geheimnis bis heute.

Dr. Hans Marpmann arbeitete nach dem Krieg weiter als Rechtsanwalt in Düsseldorf.

1916 hatte er sich bereits mit einer Kanzlei in Düsseldorf-Benrath selbständig gemacht.

Er war begeisterter Jäger und führte viele Jahre den Vorsitz der ältesten Bürgergesellschaft Düsseldorfs, von 1949 bis 1958, der Gesellschaft zur Ludwigsburg (http://www.zurludwigsburg.de/) und war danach deren Ehrenvorsitzender von 1958 bis 1963.

Viele Jahre war er Pächter des Jagdbezirks Itter/Holthausen. Hierbei war er mit dem britischen Offizier Mr. Cartwright befreundet, mit der gemeinsam auf Hasenjagd ging. Marpmann verfasste aufgrund seiner Jagderfahrung- und Leidenschaft einige Bücher wie „Waidmannssprache“ und „Gedanken eines Rehbocks“.

Er wohnte in Düsseldorf-Benrath auf der Meliesallee.

Seine Geschichte, bzw. sein in 1957 verfasstes Protokoll ist nie publik geworden.

Wollte er sich vielleicht als ehemaliges NSDAP Mitglied eine „reine Weste“ verschaffen und verfasste er deshalb sein Protokoll oder kann man seinen Ausführungen glauben?

Vielleicht erfahren wir eines Tages mehr dazu.

Dr. Marpmann starb am 09.12.1965.

Eine Chance in 2019

Die für 2019 geplanten Deichbauarbeiten – und Sanierungen im Düsseldorfer Himmelgeister Rheinbogen könnten eine Chance sein, die vielen getöteten Menschen, bzw. deren sterbliche Überreste bei deren evtl. Sichtung würdevoll zu exhumieren, ihrer zu gedenken, diese umzubetten, sowie eine Erinnerungstafel aufzustellen.

Andreas Vogt
Freundeskreis Himmelgeister Kastanie


Quellen:

Stadtarchiv der Landeshauptstadt Düsseldorf, Urkundliches Protokoll von Herrn Rechtsanwalt Dr. Marpmann vom 25.07.1957, Akte XXIII 192 a

Buch 1100 Jahre Himmelgeist, Juli 2004

Düsseldorfer Nachrichten vom 5.Juni 1958.

Zeitzeugin Grete Scheurer, geb.: 1933, Itter

Link Geschichtswerkstatt Düsseldorf:

http://www.geschichtswerkstatt-duesseldorf.de/hist...
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2 Kommentare
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Marlies Bluhm aus Düsseldorf | 18.07.2016 | 16:07  
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Andreas Vogt aus Düsseldorf | 18.07.2016 | 22:14  
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