"Heute trinke ich nicht"

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Die Kontakstelle der Anonymen Alkoholiker befindet sich an der Borsigstraße 29. Foto: vos
Von Christina Görtz

Die Anonymen Alkoholiker haben 38 Gruppen in Düsseldorf


Frank war 14 Jahre alt, als er das erste Mal Alkohol trank. Es war am Tag seiner Konfirmation. Er durfte alle Weine kosten. Der schmächtige Junge merkte, dass mit dem Alkohol seine Minderwertigkeitskomplexe verschwanden. Alkohol bestimmte fortan sein Leben. 50 Glas Bier und 1 Flasche Schnaps am Tag - für ihn irgendwann normal.

Klaus hat gerne getrunken. Der gelernte Installateur gab seinen Job auf, ging in die Gastronomie. "Ich habe meinen Beruf nach meiner Krankheit ausgerichtet", wie er heute sagt. "Da war es angesagt, dass ich so viel vertragen habe", erzählt er.
Heute sind beide bei den Anonymen Alkoholikern (AA). Sie sind in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv, sprechen mit Menschen in Langzeit- und Kurzzeittherapien, halten informelle Vorträge an Schulen und in Firmen, erzählen dort, was die AAs sind und sie leiten Gruppen. 38 Stück gibt es davon in Düsseldorf und Umgebung. Die Treffen finden wöchentlich statt. Es gibt eine Gruppe nur für Frauen, jeweils zwei, in denen polnisch bzw. englisch gesprochen wird.

Frank und Klaus haben es, da sind sie sich einig, mit Hilfe der AAs geschafft nicht mehr zu trinken. "Ich muss nicht, ich kann", laute dort die Devise. "Wir sagen nicht, dass wir nie mehr etwas trinken. Wir stehen morgens auf und sagen uns, dass wir heute nichts trinken", so Frank. Er sagt sich das seit 2009. Seit dem Tag, an dem sein Vater starb. "Wer hilft Dir jetzt, wenn Du Dir selbst nicht hilfst?", dachte er. Frank, der aus einem gutem Elternhaus kommt. Der erzählt, dass es ja okay war zu trinken, dass er ja "guten" Alkohol kaufen konnte. Frank, der sich selbstständig machte. Oft betrunken arbeitete. Später dann von morgens bis abends in der Kneipe saß und trank. "Zu Hause nicht", sagt er. Seine Trinkerei habe ihm seine Ehe, seine Kinder, vier Führerscheine und jede Menge Geld gekostet. Er machte trotzdem weiter mit dem Alkohol. Er hatte ja seinen Vater. "Er hat alles gemacht, dass es bei mir weiterging, auch wenn er mich aus dem Polizeigewahrsam geholt hat", sagt er. Zehn Entgiftungen und mehrere Langzeittherapien hat er gemacht - erfolglos. Warum? "Weil ich es für andere gemacht habe, nicht für mich", sagt er. Er habe jede Menge Geld verdient, "meine Arbeit, mein Haus, meine Freundin" sei seine Devise gewesen. Im Herzen sei es ihm aber schlecht gegangen. Heute gehe es ihm in seinem Herzen gut, auch mit weniger Geld, sagt er und hält seine Hand schützend auf seine linke Seite. "Nur das ist wichtig", sagt er.

Auch Klaus' Umfeld hat ihn oft gerettet. "Mein soziales Umfeld hat mich geschützt", sagt er. Auch als er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Aber irgendwann funktioniere es nicht mehr, irgendwann stürze man ab. "Ich hatte Probleme mit meinem Kurzzeitgedächtnis", sagt er. Ganz banal sei der Grund gewesen, warum er aufgehört habe. "Ich stand unter der Dusche und habe mich angeschaut. Ich war ganz weiß. Draußen war Sommer und alle um mich herum waren braun", sagt er. Und dann musste er genau zu diesem Zeitpunkt in die Justizvollzugsanstalt wegen einer Straftat, dort sein Entzug. "Dort lernte ich die AAs kennen", sagt er. Von da an habe er regelmäßig die Gruppen besucht und gelernt, dass es keinen Grund zum Trinken gibt. Elfeinhalb Jahre ist das jetzt her. "Klar, die Probleme, die man hat, bleiben, aber man geht sie anders an", sagte er.
Das "Ich muss nicht, ich kann" gilt für alle, die die Gruppen besuchen. "Es ist egal, ob jemand betrunken kommt. Das einzige, was zählt, ist, dass man aufhören möchte zu trinken", sagt Klaus. Ein Treffen dauert anderthalb Stunden, mancherorts eine Stunde. Gespräche werden nicht geführt. Sondern nur Monologe. Jeder redet von sich selbst. "Aber aus dem, was sie anderen erzählen, kann man viel ziehen. Es ist immer einer dabei, der eine ähnliche Geschichte hat wie man selbst", sagt Frank. Man könne die Erfahrungen der anderen für sich modifizieren und die selben Fehler nicht machen. Weil keiner auf das Gesagte eingehe, bekomme keiner das Gefühl, dass ihn jemand kritisiert. "Und der erste Druck ist weg", sagt Klaus.

Es gibt geschlossene Gruppen nur für Betroffene und offene Gruppen. In letztere kann jeder kommen, ob Alkoholiker, Freund oder Verwandter. Wo sich wann eine Gruppe trifft, finden Interessierte auf der Homepage www.anonyme-alkoholiker.de oder direkt bei der Kontaktstelle an der Borsigstraße 29, Tel.: 0211/19295. Auch gibt es die Möglichkeit Online-Meetings zu besuchen.
Für Frank und Klaus waren die AA der Weg in ein Leben ohne Alkohol. "Wie lange, das wissen wir nicht", sind sie ehrlich zu sich selbst. Aber, so sagt Klaus, gibt die Gruppe ihnen Erfahrung, Kraft und Hoffnung. Beide stehen im Leben, arbeiten auch wieder.
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