Der "doppelte Wurm" in Duisburg - Bildhauer Erwin Wurm im Museum MKM und im Lehmbruck Museum

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"Erwin Wurm" im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst und im Lehmbruck Museum
 
"Erwin Wurm", Ausstellung im Lehmbruck Museum, "Fat Convertible" (2005)
 
"Erwin Wurm" im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, "Kastenmann, rosa-gelb" (2008-2009) vor grüner Strickwand

Man muss nicht nach Venedig reisen, um Arbeiten von Erwin Wurm zu sehen. Auf der 57. Biennale von Venedig vertritt der österreichische Künstler Erwin Wurm zurzeit sein Heimatland. Nein, man kann getrost in Duisburg bleiben, denn hier wird er gleich in zwei Museen gezeigt.

„Vor mir ist nichts sicher!“ sagt Erwin Wurm. Davon kann man sich in den zwei Duisburger Museen selbst überzeugen.
Das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst im Innenhafen und das Lehmbruck Museum in der Innenstadt zeigen in einer großen Gemeinschaftsausstellung Skulpturen, Fotografien, Tapeten, Strickobjekte, Videos und Rauminstallationen. Natürlich dürfen die „One Minute Sculptures“, die ihn einst berühmt gemacht haben, nicht fehlen. Auch hat Wurm für beide Häuser neue Arbeiten realisiert.

Der Besucher wird ins Staunen und Grübeln kommen. Und auch das Schmunzeln wird er sich kaum verkneifen können. Soll er ruhig, es ist erwünscht. Erwin Wurm wird schließlich als Meister des skurrilen Humors und der ironischen Abgründe gehandelt. Bei Wurm sind die Dinge nicht so wie sie scheinen.

"Ich finde es spannend, was passiert, wenn man Alltagsgegenständen den Nutzwert entzieht, bekannte Formen neu interpretiert," so Erwin Wurm.
Gerne verwendet und verwandelt er Alltagsobjekte, banale Materialien aber auch symbolträchtige Objekte, um uns auf überspitzte Art die Absurdität der Welt, ihre Abgründe und Schwächen zu zeigen, eine meist beißende Kritik am Zustand unserer Gesellschaft. Überfluss und Konsumkultur, Schlankheitswahn oder Fettsucht, es sind aktuelle, gesellschaftliche Themen und politische Entwicklungen, die Wurm aufs Korn nimmt.

"Fettes Auto" - was ist Skulptur

Schon von weitem leuchtet das rote Sport-Coupé. Es steht in der Glashalle des Lehmbruck Museums wie in einem Showroom. Doch der vermeintlich flotte Flitzer ist im wahrsten Sinne ein fettes Auto. Schwülstig wölbt sich der rote Lack, die schnittige Form ist aus den Fugen geraten. Das ist kein Prestigeobjekt mehr, eher hat man schon Mitleid mit dem fetten Vehikel.

Seit über 30 Jahren testet Wurm den Skulpturenbegriff aus. Was kann alles Skulptur sein? Da sind z.B. die Wortskulpturen, Schauspieler, die banale Texte sprechen und ein Kopfkino erzeugen. Merkwürdig verdrehte, halbe oder mehrbeinige Anzugträger oder der kugelrunde Mann, der die Weltkugel verschluckt hat und gleich abzuheben droht.

Im 400 qm großen Wechselausstellungsraum hat Wurm auf ca. 50 unterschiedlich hohen Podesten kleine, dunkel patinierte Bronzeskulpturen gestellt. "Land der Berge" ist eine hintergründige Anspielung auf Österreich als Sehnsuchtsort der Touristen und Naturliebhaber. Das "Land der Berge" ist aber kein Naturidyll, sondern trägt wie in der Realität Müll in sich. Gesteigert wird das Ganze noch mit der Grafikserie "Vaterland" an der Stirnseite der Ausstellungshalle. Auf Büttenpapier haben sich Kaffeeflecke ausgebreitet. Eine Hommage an die österreichische Kaffeehauskultur? Oder doch Hinweis auf die braune Soße, die politisch nicht nur in Österreich schwappt.

Immer wieder bezieht Wurm Besucher in seine Arbeiten mit ein. In den "Drinking Sculptures" fordert er mit kurzen, handgeschrieben Anweisungen zum Trinken auf. Wer dem nachkommt, wird der psychedelischen Wirkung der Tapeten nicht entkommen können.

Frische Luft gefällig? Dann quer durch die Innenstadt in den Innenhafen zum MKM.

"Grüner Strick" - was ist Skulptur

Im MKM erfährt man eine weitere Skulpturenvielfalt: Strickobjekte. Was auf den ersten Blick nach einer wandgroßen Farbfeldmalerei aussieht, entpuppt sich als leuchtend grüner Strickstoff. Damit hat Erwin Wurm ca. 90 Meter Museumswand eingekleidet. Von Raum zu Raum spannt sich die "Strickbekleidung", mal hängen lose Ärmel herab, mal wölben sich Rollkragen exakt aus der Fläche. Davor stehen "Kastenmänner". Das was man sonst in den Kasten = Schrank packt, trägt der Kasten selber: Anzüge.

Was ist Skulptur? Erst einmal ist es der eigene Körper. Den können die Besucher im MKM gleich mehrmals einsetzen und sich in den "One Minute Sculptures" probieren. Mit knappen Anweisungen und alltäglichen Requisiten kann der Besucher auf verschiedenen Podesten für eine Minute selbst zur Skulptur werden. Dabei fällt einem sogleich die Idee der "Sozialen Skulptur" ein, wie Beuys sie beschrieben hat (Jeder Mensch ist ein Künstler). Doch bei Wurm ist der Mensch lediglich ausführendes Organ. Kreativ soll er bei der Umsetzung nicht werden. Er soll den Anweisungen mit der nötigen Ernsthaftigkeit folgen: zu Zweit einen Pullover anziehen, die Lieblingsbücher unter den Arm nehmen oder den Filzstift zwischen Kopf und Wand klemmen. Ernsthaft zu bleiben dürfte für die Betrachter der Szenerie schwierig werden, aber die dürfen anders als die Ausführenden ungehemmt lachen...

Wie es geht mit den "One Minute Sculptures" zeigen zahlreiche Fotografien früherer Aktionen in der Ausstellung.

Das Zufügen von Volumen und das Wegnehmen von Volumen, so entsteht eine Skulptur. Das passiert auch beim eigenen Körper. Wie man seinen Körper auf größere Kleidergröße bringt, das kann man im separaten Kubus lesen. Guten Appetit.

Eigentlich geht es doch um Folgendes: "Es geht um die Schwierigkeit, das Leben zu meistern. Egal, ob mit einer Diät oder mit einer Philosophie", sagt Erwin Wurm. So ist es.

Die Doppelausstellung hat keinen Titel. Braucht sie auch nicht. Der Name des Künstlers reicht vollends. Sie heißt schlichtweg "Erwin Wurm", übrigens kein Künstlername.

Ein Katalog zur Doppelausstellung ist in Vorbereitung.

Laufzeiten der Ausstellungen:
im MKM Museum Küppersmühle bis zum 03. September 2017
im Lehmbruck Museum bis zum 29. Oktober 2017


mehr Infos, auch zum umfangreichen Rahmenprogramm unter
www.museum-kueppersmuehle.de
www.lehmbruckmuseum.de


Adressen:
Lehmbruck Museum
Friedrich-Wilhelm-Straße 40
47051 Duisburg

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst
Philosophenweg 55
47051 Duisburg


Die Fotos entstanden bei der Vorstellung und bei der Eröffnung.
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3 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 13.07.2017 | 19:16  
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Margot Klütsch aus Düsseldorf | 19.07.2017 | 16:27  
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Andrea Gruß-Wolters aus Duisburg | 23.07.2017 | 23:40  
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