Fortsetzungsgeschichte: "Im Jahr des Herrn" (Zeitinsel-Saga) - Kapitel 2

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Hier ist nun das 2. Kapitel der neuen Geschichte. Es wird so langsam klar, dass die Stadt Duisburg und ihr Umkreis einer Zeitverschiebung ausgesetzt war - wie weit und „in welche Richtung“ erfahrt Ihr hier und jetzt.

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2. Zeitinsel

Astronomisches Institut der Universität Duisburg/Essen. In der Nacht davor ...

»Man sagt ja, nichts sei so tot wie der Friedhof von Bonn, aber ein Nachtdienst in unserem Observatorium schlägt das um Längen ...«, murmelte Asta Hansen. Die hagere und mittelgroße Blondine sah auf die altmodische Bahnhofsuhr an der Wand des Observatoriums; sie zeigte kurz vor 2 Uhr. Asta stand auf, machte ein paar Dehnübungen und ging einige Schritte auf und ab. Dabei streiften ihre Blicke Knut Haberling, den jungen Presse-Volontär, der an einem kleinen Tisch in der Ecke saß und irgendwelche Texte in seinen Laptop tippte. Sie trat neben ihn und schaute ihm über die Schulter: »Eine Nacht im Museum ist bestimmt spannender.« Haberling sah kurz auf, lächelte und vertiefte sich dann sofort wieder in seine Notizen.
»Dann eben nicht«, murmelte Asta leise und nahm ihre Wanderung wieder auf.
Pünktlich um 2 Uhr setzte sich Asta wieder vor Okular des großen Teleskops, schob eine der altmodischen fotografischen Platten in die Aufnahmeeinrichtung des Teleskops und löste den Belichtungsvorgang aus.
»Und jetzt wieder eine halbe Stunde Nichtstun«, murmelte die junge Frau gelangweilt, nachdem sie die Platte herausgenommen und in den Entwickler gelegt hatte. »Zu jeder vollen Stunde ein Foto des Sternenhimmels machen - dreißig Minuten warten, bis das Foto fertig entwickelt ist - dann das Foto beschriften und archivieren - wieder dreißig Minuten bis zur nächsten vollen Stunde warten. Das nächste Bild machen, wieder dreißig Minuten warten ..., Ich könnte Benny erwürgen!«
»Benny?« fragte der junge Presse-Volontär neugierig.
»Mein Freund. Ich habe mich bequasseln lassen, den Nachtdienst für ihn zu übernehmen. Die ganze Woche schon ...; und das alles nur, damit Benny eine Woche in München verbringen kann, um sich mit ein paar alten Freunden zu treffen.«
»Dieser Benny ist Astronom?«
»Beinahe. Er ist fast fertig und hat die Diplomarbeit schon in der Mache.«

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Knapp eine halbe Stunde später war die 2-Uhr-Aufnahme fertig. Asta nahm das großformatige Foto aus dem Entwickler, schrieb Datum und Uhrzeit auf den weißen Rand und wollte es gerade zu den anderen Fotos legen, als ihr anscheinend etwas an dem Foto auffiel. Sie zog das Foto von 1 Uhr aus der Hülle und verglich die beiden Bilder miteinander.
»Irgendwie verwackelt, wobei das Bild von 1 Uhr gestochen scharf ist.«
»Vielleicht hat es eine kleine Erschütterung während der Belichtung gegeben oder die Platte hat ein Macke«, murmelte der Mann von der Presse.
»Kann beides sein«, nickte die junge Frau und ging zu dem Computer, wo die digitalen Himmelsaufnahmen gespeichert waren, die ebenfalls stündlich gemacht wurden. Sie lud das Bild von 2 Uhr auf den Schirm und vergrößerte es solange, bis sich auch dort die Unschärfen zeigten.
»Wahrscheinlich haben Sie Recht, Herr Haberling. Eine kleine Erschütterung während der Aufnahme oder ein leichtes Erdbeben«, murmelte Asta. »Erdbeben kommen in der Kölner Bucht ja häufiger vor.«
Sie nahm das 2-Uhr-Foto, machte eine entsprechende Notiz auf den Rand und schob es in eine Plastikfolie. Dann ging sie zum Teleskop-Podest zurück und setzte sich wieder in den Stuhl. Bis 3 Uhr waren es noch knapp 20 Minuten ...

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Astronomisches Institut der Universität Duisburg/Essen, 3:30 Uhr:

Asta nahm das fertig entwickelte Foto aus dem Trockner und legte es auf dem Arbeitstisch. Schon beim ersten Hinsehen konnte sie erkennen, dass die neue Aufnahme wieder gestochen scharf war. Sie lächelte zufrieden und wollte gerade die üblichen Registrierungsvermerke auf dem Foto anbringen, als ihr etwas auffiel. Sie schwenkte die Leuchtlupe zu sich heran, schaltete sie ein und sah hindurch.

Irgendetwas auf dem Bild war seltsam; Asta Hansen schien verwirrt zu sein. Sie ging zum Computer und lud das digitale Foto von 1 Uhr erneut auf den Schirm. Dann hielt sie das Papierfoto von 3 Uhr direkt neben den Monitor und ihre Augen wanderten hin und her.
»Irgendwas Besonderes?« fragte Knut Haberling; Asta nickte: »Ich weiß noch nicht, aber ich muss unbedingt sicher gehen, ehe ich Benny aus dem Schlaf hole.« Sie legte das Papierbild auf den Scanner, wählte die höchstmögliche Auflösung und wartete bis das Bild eingescannt war. Dann setzte sie sich vor den PC und startete das Bildbearbeitungsprogramm. Sie legte das eingescannte Bild über das digitale Bild und verschob das gescannte Bild solange, bis die Referenzsterne deckungsgleich übereinander lagen.
»Das ist aber verdammt seltsam ...«, murmelte Asta. »Alles verschoben ...«
»Verschoben?«
»Wie viel Ahnung haben Sie von Astronomie, Herr Journalist?«
»Nur das, was man in der Schule so lernt.«
»Und ich bin erst im zweiten Semester«, sagte Asta und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie wählte die Nummer von Bennys Gerät und wartete nervös, bis er sich endlich meldete.
»Ja Benny, ich weiß, wie spät es ist, aber ich habe hier etwas sehr Seltsames. Es geht um die Bilder von heute Nacht und es sieht so aus, als habe sich fast der gesamte Sternenhimmel irgendwie verschoben ... - ... ja, ich weiß selbst, dass so was nicht möglich ist ... - ... nein, ich habe nicht an dem Teleskop herumgespielt ... - ja, ich werde sehen, was die Aufnahmen von vier Uhr bringen ... - ... wen soll ich anrufen? Den Prof? Ab wann kann man den denn samstags erreichen ... - ... So früh schon? Gut. Tschüss und noch viel Spaß in München!«

Asta trennte die Verbindung und sah auf die Uhr: Es war jetzt viertel vor Vier ...

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Der Professor kam um halb Sieben. Dr. Bernd Haumann trug einen knallroten Jogging-Anzug und nahm dankbar einen Schluck von dem Kaffee, den Asta frisch gebraut hatte. Dann setze er sich an den Tisch und sah sich die Bilder lange an, die Asta dort ausgebreitet hatte.
»Eine geringfügige Verschiebung des gesamten Sternenhimmels also? Und Sie haben das Teleskop geprüft?«
»Hab ich«, nickte Asta. »Außerdem habe ich Hausmeister Keller vom Frühstückstisch geholt. Er hat´s bestätigt: Das alte Ding ist korrekt ausgerichtet, die Nachführung läuft einwandfrei und die Lager sind in Ordnung. Am Teleskop liegt es also nicht.«
»Haben wir schon Informationen von anderen Sternwarten auf der Nordhalbkugel? Garching oder Mt. Palomar zum Beispiel?«
»Garching habe ich versucht, aber dort meldet sich keiner, Herr Professor.«
»Die Bayern schlafen bestimmt noch ...; kann ich übrigens noch einen Kaffee haben?«

Asta goss die Tasse ihres Professors erneut voll und fragte: »Was könnte die Ursache sein, Herr Professor? Für die Verschiebung der Sternbilder?«
Haumann zuckte mit den Schultern, stand auf und ging ans Fenster. Er schob die Vorhänge zur Seite und musterte die leuchtende Sonnenscheibe am Horizont: »Unsere Sonne ist noch da und auf den Fotos von heute Nacht sind die Planeten in etwa auch da, wo sie sein müssen. Aber manche Sternbilder sind verschoben und wenn es nicht völlig verrückt klingen würde, dann würde ich sagen ...«

»Was würden Sie sagen, Herr Professor?« fragte der Pressemann aufgeregt, der bis dahin still in der Ecke gesessen - nun aber seinen Notizblock gezückt hatte.
»Ich muss etwas weiter ausholen, damit Sie das verstehen - und Ihre Leser. Also …
Wir wissen schon lange, dass sich unsere Sonne, die Erde und die Planeten um den Mittelpunkt unserer Galaxis drehen. Weil sich die anderen Sterne in unserer relativen Nähe - also die Sterne im Orion-Arm der Milchstraße - auch um das Zentrum unserer Galaxis drehen, drehen sie sich mit uns und erscheinen auf den Fotos immer an der gewohnten Stelle. Bei den Objekten außerhalb unserer eigenen Galaxis, den fremden Galaxien zum Beispiel, ist da nicht so. Die drehen sich ja nicht um den selben Punkt, wie die Sterne unserer Galaxis und deswegen sieht es so aus, als wanderten sie am Himmel entlang - was natürlich nicht stimmt, denn wir drehen uns ja und sie bleiben an ihren Positionen. Und jetzt ist eine der bekanntesten Galaxien, die Galaxis Andromeda, nicht mehr da, wo sie sein sollte. Ganz woanders, sogar.«
»Und das bedeutet?« fragte Asta.
»Wir müssen das natürlich noch genau berechnen,« murmelte Haumann nervös, »aber ich schätze, Andromeda hat zuletzt vor vielleicht 2.000 Jahren an der Stelle gestanden, wo man die Galaxis auf den Fotos von heute Nacht sieht ...«

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Rathaus Duisburg, Krisenstab, zwei Tage später
»Der Hubschrauber unserer Unfallklinik ist gestern ein paar Patrouillen geflogen. Danach sieht es in etwa so aus ...«

Der Oberbürgermeister trat an die Karte und zeigte darauf: »Außerhalb des hier dargestellten Kreises gibt es nichts mehr, was noch an eine bewohnte Gegend erinnert. Wo gestern noch Düsseldorf lag oder Krefeld oder Dinslaken, da sind heute nur noch Wald und Wiesen. Von Oberhausen und Mülheim ist noch ein gutes Stück vorhanden, aber dahinter ...«

»Eine Menge Leute würden sich freuen, dass das Düsseldorf verschwunden ist. Keine nervigen Verfügungen der Bezirksregierung mehr«, knurrte Detlef Korn, einer der Stadträte, »von dem Schwachsinn, den die Landesregierung momentan verzapft, ganz zu schweigen.«
»Ja, wir scheinen auf uns allein gestellt zu sein«, sagte Sonja Müller leise. Die Assistentin des Oberbürgermeisters sah ihren Chef über den Rand ihrer Nerd-Brille nachdenklich an: »Und genau da liegt das Problem. Es sind ja nicht nur die Städte im Umkreis verschwunden, sondern auch alles das, was uns bisher versorgt hat. Da gibt es keine Landwirtschaft am Niederrhein mehr, die uns bisher das Gemüse geliefert hat und auch keine Viehwirtschaft, die uns mit Fleisch versorgt. Und ob es in Deutschland oder Europa überhaupt noch etwas gibt, das wissen wir nicht. Und wenn ja, dann kämen die Waren gar nicht bis zu uns, denn da draußen gibt es keine Autobahnen oder Schienenstrecken und auf dem Rhein ist seit Tagen kein Schiff mehr durchgekommen. Wir haben ein riesengroßes Versorgungsproblem, Leute!«
Der Oberbürgermeister nickte, sah in die Runde und erhob sich: »Noch reichen die Vorräte in den Supermärkten und in den Lagern im Hafen, aber in spätestens 3 Monaten werden wir über eine halbe Million Menschen mit Essen versorgen müssen! Trinkwasser gibt es in ausreichenden Mengen und dank der beiden Kraftwerke werden wir noch eine Zeitlang Strom haben - Kohle ist auch genug da, aber sonst ..., lasst Euch was einfallen, Leute! Schnell!«

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Sonja Müller hatte die Sitzung des Krisenstabs vor ihrem Ende verlassen und sich wieder ihren normalen Pflichten als Assistentin des Oberbürgermeisters gewidmet. Unzählige E-Mails waren zu beantworten und zahlreiche Anrufer warteten auf Rückruf. Sie war völlig in ihre Arbeit vertieft und hatte die unauffällige Gestalt übersehen, die schon eine ganze Weile im Besuchersessel gewartet hatte und zunehmend ungeduldiger aussah. Jetzt schien dem Mann der Zeitpunkt gekommen, auf seine Anwesenheit hinzuweisen; er räusperte sich lautstark ...
Sonja schreckte aus ihrer Arbeit hoch und sah sich um. »Oh ...! Wer sind Sie denn und wie sind Sie hier hereingekommen?«
»Mein Name ist Bernd Haumann. Ich bin Professor an der hiesigen Universität. Ich kam durch diese Tür dort und ich habe folgendes Anliegen ... «

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Kurze Zeit später platzte Sonja in das Büro des Oberbürgermeisters: »Draußen wartet ein Mann, der sehr dringend mit Ihnen reden muss, Herr Oberbürgermeister.«
»Ach Müllerin; ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nicht gestört werden will. Schon gar nicht von hysterischen Leuten, die doch nur fordern, dass wir sofort irgendetwas tun sollen und alles wieder so sein soll, wie früher. Es ist schon schlimm genug ...«
»Es wird noch schlimmer, Chef. Hören Sie sich mal an, was dieser Mann zu sagen hat. Es ist eine geradezu abenteuerliche Geschichte.«
»Meinetwegen soll er reinkommen«, knurrte der Oberbürgermeister, erhob sich und sah dem Hereinkommenden entgegen.
»Mein Name ist Haumann. Ich bin Professor für Astronomie an der Universität und nach meinen Berechnungen ist etwa Ungeheuerliches passiert.«
»An Ungeheuerlichkeiten bin ich mittlerweile gewöhnt«, stöhnte der Oberbürgermeister und bot seinem Besucher einen Stuhl an. »Nehmen Sie Platz und erzählen Sie bitte, was Sie herausgefunden haben.« Und Bernd Haumann erzählte …

Nachdem der Professor mit seinem Bericht fertig war, fragte der Oberbürgermeister sichtlich nervös: »Aufgrund der Sternenpositionen haben Sie also ermitteln können, dass die Stadt Duisburg und ein Stückchen drumherum in der Zeit versetzt wurde! Und zwar in die Vergangenheit?«
Der Professor nickte: »Wir müssen von rund 2.000 Jahren ausgehen; plus / minus 30 Jahre, würde ich sagen. Genauer geht das nicht. Und ...«, er sah den Oberbürgermeister an, als ahnte er dessen nächste Frage, »... nein, ich habe auch keine Erklärung dafür.«


(Fortsetzung folgt)
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1 Kommentar
Sabine Justen aus Duisburg | 18.03.2013 | 16:05  
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