Heute von gestern für morgen lernen: Ausstellung „Das rote Hamborn“ setzt Signale für die Gesamtstadt

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Vor der Dokumentation über die Brotfabrik Germania: (v.l.n.r.) Dr. Hartmut Pietsch, Dr. Andreas Pilger, Dr. Susanne Sommer, Anne Ley-Schalles und Thomas Krützberg. Fotos: Reiner Terhorst
 
Ein Kleiderschrank in Hochfeld wurde ausgeräumt und mit einer Schreibmaschine ausgestattet. So entstand ein kleines „Widerstandsbüro“.
Duisburg: Kultur- und Stadthistorisches Museum |

„Es ist erschütternd, wie es gerade jetzt Demokratien schaffen, innerhalb kürzester Zeit abzudriften. Und das haben wir schon einmal selbst leidvoll erfahren", so Kulturdezernent Thomas Krützberg auf die bereits im Vorfeld vielbeachtete Ausstellung "Das rote Hamborn", die in dieser Woche eröffnet wurde.

Bis zum 28. Januar des nächsten Jahres zeigt das Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in den Räumlichkeiten des Kultur- und Stadthistorischen Museums am Johannes-Corputius-Platz 1 die Ausstellung „Das rote Hamborn – Politischer Widerstand in Duisburg 1933-1945“. Museumsdirektorin Dr. Susanne Sommer und der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Andreas Pilger, verdeutlichen, dass diese Ausstellung gerade jetzt dazu beitrage, heute von gestern für morgen zu lernen. Das gehe alle Menschen an, insbesondere die jüngeren.

Duisburg - ein Zentrum des politischen Widerstands

Duisburg war ein Zentrum des politischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Geprägt durch Bergbau und Schwerindustrie gab es eine breite und gewerkschaftlich organisierte Arbeiterklasse, aus der heraus sich der Widerstand formierte. Die stärksten Widerstandsaktionen in Duisburg gingen von sozialdemokratischen und kommunistischen Gruppen aus. Aber nur einen Steinwurf von der Salvatorkirche entfernt und in Sichtweite des Rathauses signalisiert die Ausstellung, dass das Aufbegehren gegen Unrecht, Unfreiheit und Missachtung von Menschenwürde und Menschenrechten vielschichtig ist.

Das Thema „Widerstand in Duisburg“ konzentriert sich auf den industriellen Norden der Stadt, auf den Stadtbezirk Hamborn. Doch auch die Widerstandsarbeit in benachbarten Stadtgebieten wie etwa Meiderich oder Ruhrort und im ebenfalls „roten Hochfeld“ wird in der Ausstellung, für die schon zahlreiche Schulen aus ganz Duisburg ihr Interesse angemeldet haben, vorgestellt. Außerdem werden Hamborner und Duisburger Bürger porträtiert, die damals Zivilcourage an den Tag gelegt haben, die sie nicht selten mit dem Tod bezahlt haben.

Ausstellung macht Geschichte erleb- und nachvollziehbar

„Wir haben ganz eng mit Institutionen und Einzelpersonen in der Stadt kooperiert“, so Kuratorin Anne Ley-Schalles. Das mache das Gezeigte lebendig, erleb- und nachvollziehbar. Insbesondere der Heimatverein Hamborn und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Historiker vor Ort haben Exponate und ausgewählte Texte zur Verfügung gestellt. Das Lehmbruck Museum beteiligt sich mit Materialien über Duisburger Künstler im Widerstand.

Jörg Weißmann und Thorsten Fischer vom Heimatverein Hamborn berichten über das fast schon legendäre, konspirative Netzwerk der Brotfabrik Germania in Hamborn um August Kordahs. Die Brotfahrer lieferten mit Fahrrad und Auto illegale Schriften an ihre Kunden. Sie wurden verraten und kamen als Staatsfeinde hinter Gittern.

Bewegt und bewegend erzählt der langjährige SPD-Kulturpolitiker Dr. Hartmut Pietsch, ehemals Leiter der Gesamtschule Meiderich, von einem Gespräch mit dem über 90-jährigen Alt-Oberbürgermeister Josef Krings, der als Zeitzeuge mahnende und wegweisende Worte findet. Das Interview ist in der Ausstellung live zu hören. Einer von Krings' Vorvorgängern, August Seeling, steht ebenfalls im Fokus, war er doch ein Symbol für das „neue“ Duisburg und den Wiederaufbau nach Krieg, Verfolgung und Leid. Die Jahrgangsstufe 12 der Lise-Meitner-Gesamtschule hat einen Beitrag über den Rheinhauser Widerstandskämpfer Alfred Hitz verfasst, der in kleinen Gruppen, als Skatrunden getarnt, „illegale Schriften“ diskutierte.

Zur Ausstellung hat der Mercator-Verlag um Jutta und Susanne Nagels einen Begleitband herausgegeben, der viel mehr als ein reiner Ausstellungskatalog ist. Auf fast 100 Seiten, reich bebildert und mit vielen Fakten und nahe gehenden Erzählungen versehen, wird eindrucksvoll dokumentiert, dass die Lehren aus einer unsäglichen Vergangenheit zu Meilensteinen für ein friedliches Miteinander werden können.

Führungen
=> Am Sonntag, 7. Mai, werden von 12 bis 16 Uhr im Kultur- und Stadthistorischen Museum verschiedene Führungen durch die Ausstellung angeboten. Die Gestalter der Ausstellung und die Autoren des Begleitbandes stehen für Gespräche und Informationen zur Verfügung. Der Eintritt ist frei.

Texte und Fotos: Reiner Terhorst
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