Über die "Roma-und-Sinti-Ausstellung" in der Duisburger Liebfrauen-Kulturkirche Ein erstes Fundstück: Otto Pankok, Gaisa und Ringela (Kohlezeichnung 1933)

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Otto Pankok, Selbst mit Kindern (Kohlezeichnung 1948)
 
Otto Pankok, Gaisa und Ringela (Kohlezeichnung 1933)
 
Otto Pankok, (Kohlezeichnung 1933)
Duisburg: Liebfrauen-Kulturkirche | Josef Dransfeld

Der Künstler Otto Pankok (1893-1966) lockte mich mit seinen "Zigeuner"-Bildern in die profanierte Liebfrauen-Kulturkirche. Bei meinem Gang durch die Ausstellung fiel mir dieses Fundstück als Prunkstück auf:

Otto Pankok, Gaisa und Ringela (1933)


"Ich arbeite nur in Schwarz-Weiß, denn nur so kann ich das ausdrücken, was ich ausdrücken will" erklärte Otto Pankok einmal sinngemäß seine Kunstwerke.

Nimmt sich ein Mensch Zeit und die Muße, so dass diese Kohlezeichnung lange genug aufmerksam betrachtet werden kann, erschließt sich ihm die Größe des Künstlers Otto Pankok.

Vorgeschichte:

Im Jahre 1931 war der bereits etablierte Düsseldorfer Künstler Otto Pankok in Südfrankreich unterwegs und erlebte die sogenannte "Zigeuner-Wallfahrt" nach Les Saintes Maries de la Mèr zur "Schwarzen Madonna". Er war fasziniert von der Gesellschaft der "Zigeuner", ihrer Kultur, ihrer Gemeinschaft, ihrem Wesen, ihrem Umgang miteinander und der Art ihrer Teilnahme an der Wallfahrt.
Zurückgekehrt in seine Heimat erzählte Otto Pankok begeistert davon und erfuhr, dass auch in Düsseldorf auf dem Heinefeld "Zigeuner" lebten. Daraufhin richtete er sich dort in einem Hühnerstall, einem Anbau eines kleinen Einraumhauses, ein Atelier ein, indem er zunächst einmal einen Kanonenofen aufstellte. Wintertags kamen zuerst die Kinder, dann die Mütter, dann die Väter. So wurde er ihr "Molari", ihr Maler, und sie Modelle für seine Bilder.

Nun zum Prunkstück der Ausstellung, meinem ersten Fundstück:

Die 1933 entstandene Kohlezeichnung zeigt zwei Mädchen Gaisa und Ringela.
Diejenigen Menschen, die gut in Gesichtern lesen können, können entdecken, dass Otto Pankok Gaisa und Ringela in dem Moment gezeichnet hat, als die beiden gerade etwas erlebt oder erfahren haben, was sie bedrückt oder traurig gestimmt hat, so dass sie Trost benötigten. Otto Pankok gelingt es meisterlich, die doch ärmliche Kleidung der Mädchen so detailreich und auch z.B. den Faltenwurf so gekonnt mit Kohle zu zeichnen, dass sie fast königlich erscheinen.

Ein verborgener Schatz

Ihre Gestalt, ihre Körper- und Armhaltung verweisen auf den verborgenen Schatz einer tiefen Freundschaft und inneren Verbindung: Gaisa und Ringela stehen zueinander, die eine umarmt die andere, sie scheinen allerbeste Freundinnen zu sein.
Und in der Tat bestätigte während der Ausstellungseröffnung die heute 89-jährige Tochter von Otto Pankok, Eva Pankok, welche Gaisa und Ringela persönlich sehr gut kannte, sie seien "innigste Freundinnen" gewesen.
Diese Freundschaft, die als Schatz in diesem Meisterwerk aufleuchtet, findet sich nicht nur bei diesen Mädchen, Gaisa und Ringela, sondern Freundschaft und ihre Pflege kennzeichnet das Wesen und die Kultur der "Zigeuner", wie sie Pankok ab 1931 kennengelernt hatte.

Weiteres Schicksal

Gaisa und Ringela wurden beide nach Auschwitz in das dort eigens errichtete "Zigeunerlager" deportiert. Ringela starb, Gaisa überlebte geschunden, verstört, vergewaltigt, traumatisiert, wie zwei weitere Kohlezeichnungen der Ausstellung aus dem Jahre 1948 eindrucksvoll zeigen: "Gaisa am Boden" und "Von Auschwitz zurück".
Das Schicksal von Gaisa und Ringela erlitten die meisten Roma und Sinti.

Europaweit wurden nachgewiesenermaßen mindestens 200.000, aufgrund von Schätzungen bis zu 600.000 von ihnen gezielt und planmäßig von den Nationalsozialisten vernichtet, nur wenige überlebten.

Aufgrund der Freundschaft, die Otto Pankok mit seinen "Zigeunern" auf dem Düsseldorfer Heinefeld geschlossen hatte, und weil er sie als Modelle für sein künstlerisches Schaffen wertschätzte, wurde Otto Pankok von den Nationalsozialisten 1936 mit einem Berufsverbot belegt. Er durfte also keine Kunstwerke mehr schaffen und verkaufen, wurde in München als "entarteter" Künstler ausgestellt, mußte sich verstecken, immer davon bedroht, auch in ein KZ eingesperrt zu werden. Er überlebte in zahlreichen Verstecken, z.B. im Emsland und in der Eifel.

Nach der Befreiung

Otto Pankok unterstützte die wenigen nach der Befreiung 1945 nach Düsseldorf zurückgekehrten Sinti, insbesondere medizinisch, auch setzte er sich zeitlebens politisch für sie ein.

Vielfach wurde den Sinti und Roma in der Bundesrepublik jedoch die Anerkennung, Verfolgte des Nazi-Regimes gewesen zu sein, mit dem juristischen Argument verweigert, ihr KZ-Aufenthalt in Auschwitz sei lediglich die Folge einer polizeilichen Maßnahme wegen Vagabundierens gewesen. Erst im Oktober 2014 hat sich die Präsidentin des Bundesgerichtshofs Bettina Limperg entschuldigend geäußert, man könne sich für diese Rechtsprechung nur schämen.

Auf dem Hintergrund ihrer in der Nazi-Diktatur erlittenen Diffamierung, Ausgrenzung, Verfolgung und planmäßigen Vernichtung in Auschwitz wird es verständlich, dass die Roma- und Sinti-Verbände inständig bitten, sie nicht mehr mit dem Begriff "Zigeuner" zu bezeichnen. Einem Ausdruck also, den Otto Pankok zeitlebens für seine liebgewonnenen Freunde benutzte und auch seitens seiner "Zigeuner" benutzen durfte, der jedoch heute in der politischen Sphäre nicht mehr verwendet werden sollte.


Anregung

Die Ausstellung regte mich zum Nachdenken an: Mir stellte sich die Frage, ob der Künstler Otto Pankok mit seinem Porträt der beiden "Zigeunermädchen" Gaisa und Ringela die damalige Gesellschaft nicht "prophetisch" warnen, sie daraufhin aufmerksam machen wollte, dass in der sich durch das Ermächtigungsgesetz im März 1933 festigende Nazi-Diktatur der Raum für Freundschaft und gesellschaftlicher Zusammenhalt gefährdet sein werde.

Freundschaft ist immer ein kostbarer Schatz – er sollte sichtbar und tragfähig werden und bleiben – auch und gerade heute, in einer wieder vielfach gefährdeten Demokratie.

Außerdem

war in der Ausstellung, welche im Rahmen der 36. Duisburger Akzente mit dem Thema Heimat steht und von der "Stiftung Brennender Dornbusch" konzipiert und durchgeführt wird, noch mehr zu erfahren:

Die Roma-Reisen von Joakim Eskildsen, einem in Potsdam lebenden Meister-Photographen, beginnen in Indien und zeigen differenzierte Sozialporträts sechs europäischer Länder (2000-2006).
Die RomnoKher-Infotafeln aus Mannheim gehen der Frage nach: Typisch "Zigeuner"? und regen an, über Mythos und Wirklichkeiten in Geschichte und Gegenwart nachzudenken.

And last but not least: Die weiteren Sinti-Porträts von Otto Pankok, die in der Zeit von 1931 bis 1948 entstanden, verdeutlichen alle das Leben der Sinti in Düsseldorf und zeigen zwei Selbstporträts ihres Malers, den sie in der Sprache "Romanes" "Molari" nannten.

Am kommenden Sonntag, dem 29. März 2015, um 16 Uhr zeigt der Duisburger Rom Mustafa Zekirov in der letzten Führung zur Ausstellung Besuchern besondere Stationen der Ausstellung und steht als Ansprechpartner für Diskussionen bereit.

Leider schließt die Ausstellung schon in zwei Tagen, sie kann jedoch noch am Samstag und Sonntag zwischen 12.00 Uhr und 18.00 Uhr besucht werden.
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