Über die "Roma-und-Sinti-Ausstellung" in der Duisburger Liebfrauen-Kulturkirche Viertes Fundstück: Otto Pankok, Die Frauen am Kreuz (Kohlezeichnung 1933/34) - Zwischen Karfreitag und Ostersonntag

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Otto Pankok, Die Frauen am Kreuz - Passion (Kohlezeichnung 1933/34)
 
Otto Pankok, Gaisa und Ringela (Kohlezeichnung 1933)
Duisburg: Liebfrauen-Kulturkirche | Josef Dransfeld
Der Künstler Otto Pankok (1893-1966) lockte mich mit seinen "Zigeuner"-Bildern in die profanierte Liebfrauen-Kulturkirche in Duisburg. Bei meinem Gang durch die Ausstellung fiel mir dieses Fundstück auf:


Otto Pankok, Die Frauen am Kreuz (1933/34)


Diese Kohlezeichnung, passend zum Karfreitag,
konnte gestern ein(e) jede(r) still für sich betrachten.
Erst heute am Karsamstag will ich dazu etwas aufschreiben:


Verweilt der Betrachter und wird diese Kohlezeichnung lange genug aufmerksam betrachtet, erschließt sich die Größe des Künstlers Otto Pankok.

Vorgeschichte:

Im Jahre 1931 war der bereits etablierte Düsseldorfer Künstler Otto Pankok in Südfrankreich unterwegs und erlebte die sogenannte "Zigeuner-Wallfahrt" nach Les Saintes Maries de la Mèr zur "Schwarzen Madonna". Er war fasziniert von der Gesellschaft der "Zigeuner", ihrer Kultur, ihrer Gemeinschaft, ihrem Wesen, ihrem Umgang miteinander und der Art ihrer Teilnahme an der Wallfahrt.
Zurückgekehrt in seine Heimat erzählte Otto Pankok begeistert davon und erfuhr, dass auch in Düsseldorf auf dem Heinefeld "Zigeuner" lebten. Daraufhin richtete er sich dort in einem Hühnerstall, einem Anbau eines kleinen Einraumhauses, ein Atelier ein, indem er zunächst einmal einen Kanonenofen aufstellte. Wintertags kamen zuerst die Kinder, dann die Mütter, dann die Väter. So wurde er ihr "Molari", ihr Maler, und sie Modelle für seine Bilder.


Nun aber zum Bild, meinem vierten Fundstück:


Vor einem finsteren, dunklen Hintergrund sind drei Frauen zu sehen. Ihre Körper-, Kopf- und Handhaltungen drücken Niedergeschlagenheit, Nachdenklichkeit, Ratlosigkeit, Verzweifelung, Traurigkeit ... aus.

Die Kleidung mit dem Faltenwurf und die Art der Kopfbedeckungen lassen Assoziationen früherer Heiligendarstellungen zu, so dass Heiligkeit, Christentum, Biblische Geschichten und Kirchlichkeit aufscheinen.

Wie in der Ausstellung zu hören war, erkannte ein türkisches Mädchen der nahe gelegenen Gustav-Heinemann-Realschule (6.Klasse) zwei der Frauen, indem es sagte: "Da sind ja Gaisa und Ringela!"

In der Tat hatte Otto Pankok die drei "Zigeunermädchen", Dinili, Ringela und Gaisa, als Modelle für die Frauen in seinem Passionsbild verwendet.

Bei einer Vernisage war es für den Künstler Otto Pankok selbstverständlich, seine Modelle persönlich vorzustellen und öffentlich sich bei ihnen für ihre Mitarbeit zu bedanken.

Aktionen der Nationalsozialisten

Die Nationalsozialisten, die seit März 1933 nicht zuletzt durch die Zustimmung der katholischen Zentrumspartei ermächtigt wurden, ihre Diktatur weiter aufzubauen und zu festigen, agierten prompt:

Aufgrund der Freundschaft, die Otto Pankok mit seinen "Zigeunern" auf dem Düsseldorfer Heinefeld geschlossen hatte, und weil er sie als Modelle für sein künstlerisches Schaffen wertschätzte, wurde Otto Pankok von den Nationalsozialisten 1936 mit einem Berufsverbot belegt. Er durfte also keine Kunstwerke mehr schaffen und verkaufen, wurde in München als "entarteter" Künstler ausgestellt, mußte sich verstecken, immer davon bedroht, auch in ein KZ eingesperrt zu werden. Er überlebte in zahlreichen Verstecken, z.B. im Emsland und in der Eifel.


Gaisa und Ringela wurden beide nach Ausschwitz in das dort eigens errichtete "Zigeunerlager" deportiert. Ringela starb, Gaisa überlebte geschunden, verstört, vergewaltigt, traumatisiert, wie zwei weitere Kohlezeichnungen der Ausstellung aus dem Jahre 1948 eindrückvoll zeigen: "Gaisa am Boden" und "Von Ausschwitz zurück".
Das Schicksal von Gaisa und Ringela erlitten die meisten Roma und Sinti, europaweit wurden nachgewiesenermaßen mindestens 200.000, aufgrund von Schätzungen bis zu 600.000, von ihnen gezielt und planmäßig von den Nationalsozialisten vernichtet, nur wenige überlebten.

Anfrage

Kann es nicht sein, dass diejenigen Menschen, die - wie Otto Pankok - in Solidarität zu anderen leben, von Mächtigen immer wieder in eine Passionsgeschichte getrieben werden, wie es auch Jesus von Nazareth erlebt hatte?

Leider

ist die Ausstellung, welche von der Stiftung Brennender Dornbusch konzipiert und durchgeführt wurde, seit dem letzten Sonntag, dem 29. März 2015, geschlossen.


Bibelstellen zum Kunstwerk "Die Frauen am Kreuz":
Mt 27, 55f.:
Es sahen aber dort viele Frauen von ferne zu, die Jesus von Galiläa her gefolgt waren, um ihm zu dienen; und unter diesen waren Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und Joses, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Mk 15, 40f.:
Es sahen aber auch Frauen von ferne zu, unter ihnen auch Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus dem Jüngern und von Joses, und Salome, die ihm, als er in Galiläa war, folgten und dienten, und viele andere, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.

Lk 24, 49:
Es standen aber alle seine Bekannten von ferne und die Frauen, die ihm von Galiläa her nachgefolgt waren, und sahen dies.

Joh 19, 25:
Beim Kreuze Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria (, die Frau), des Kleopas, und Maria aus Magdala.

Entnommen aus: Die Heilige Schrift, Zürcher Bibel (Zürich 1978)
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