Loveparade-Prozess startet am Freitag: Die Richtigen angeklagt? Das sagen Duisburger

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Am kommenden Freitag, 8. Dezember, beginnt das Loveparade-Strafverfahren gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Angestellte des Loveparade-Veranstalters. (Foto: Frank Preuß)
 
Warum? Wer trägt für die Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten und mindestens 652 Verletzten strafrechtlich Verantwortung? Das soll der Prozess klären, der am Freitag, 8. Dezember beginnt. (Foto: Frank Preuß)
Düsseldorf: CCD - Congress Center Düsseldorf |

Über sieben Jahre nach der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli 2010, bei der 21 junge Menschen starben, beginnt am Freitag, 8. Dezember, der Strafprozess. Angeklagt sind sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Was erwarten Duisburger vom Prozess, der so lange auf sich warten ließ? Was versprechen sie sich?

Allzu große Erwartungen hat Jürgen Kirstein aus Stadtmitte nicht. Der 62-Jährige, glaubt, "dass das eher auf Verjährung oder so hinausläuft". "Außerdem sitzen meiner Meinung nach die Falschen auf der Anklagebank, die eigentlich Verantwortlichen sind ja nicht da. Für die Angehörigen der Opfer kann es gut sein, dass der Prozess stattfindet, vielleicht hilft es ihnen ja bei der Bewältigung. Könnte allerdings auch genau andersherum sein und alte Wunden wieder aufreißen. Ich weiß es nicht."

Ahmed Moheadat (39), ebenfalls aus der City, findet es gut, dass der Prozess nun endlich stattfindet, wenngleich er nicht daran glaubt, dass dabei viel rauskäme. "Jeder gibt dem anderen die Schuld, keiner will verantwortlich sein. Die 'Kleinen', die jetzt da stehen, haben nur das gemacht, was die 'Großen' gesagt haben."

Auch Thomas Krachhel-Dressler (50) aus Homberg ist absolut dafür, dass der Prozess stattfindet, ist sich aber nicht sicher, ob es den oder die ultimativ Schuldigen gibt. "Ich bin mir da fachlich nicht sicher, aber ich sehe nach wie vor den damals obersten Dienstherrn der Stadt in der Verantwortung. Am Ende wird es wahrscheinlich wieder ein Bauernopfer geben!"

Sven Kieselbach (39) aus Huckingen war oft auf Love-Parades. Er meint: "In Duisburg ist das erste Mal in der Love-Parade-Geschichte etwas anders gelaufen. Das Sicherheitskonzept mit dem Schwerpunkt auf der Einzäunung des gesamten Areals, das hatte es so bei den Paraden vorher noch nicht gegeben. Warum ist das hier anders gelaufen als sonst? Duisburg hätte den Platz gehabt. Wer sich ausgedacht hat, dass das ein abgeschlossenes Gebiet ist, wer sich diese Strategie ausgedacht hat, dem gehört der Prozess gemacht. Ob da wirklich die richtigen Angeklagten sitzen, vermag ich nicht zu beurteilen."

Loveparade-Strafprozess

=> Die am 8. Dezember beginnende Hauptverhandlung vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg findet aus Platzgründen im Congress Center Ost der Messe Düsseldorf statt, da es sich wegen der Vielzahl der Beteiligten um den personell größten Prozess der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt. 

=>  Die zehn Angeklagten werden von über 25 Anwälten verteidigt. 60 Nebenkläger wurden zugelassen. Hunderte Berichterstatter aus dem In- und Ausland werden zum Auftakt erwartet.

=> Zehn Personen sind wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeschuldigt: Vier Mitarbeiter des Veranstalters stehen wegen schwerwiegender Planungsfehler vor Gericht. Dazu drei Bedienstete des Duisburger Bauamtes sowie drei städtische Bedienstete in leitender Funktion, denen zur Last gelegt wird, die Veranstaltung genehmigt zu haben.

=>  Bis Dezember 2018 wurden 111 Sitzungstermine bestimmt.

=> Der Prozess könnte zum Rennen gegen die Zeit werden: Liegt bis zum 27. Juli 2020 - zehn Jahre nach der Katastrophe - kein erstinstanzliches Urteil vor, verjähren die vorgeworfenen Taten.

=> Dem Prozessauftakt ging ein langes juristisches Hin und Her voraus. Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg hatte zunächst die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt. "Die Vorwürfe können mit den vorgelegten Beweismitteln nicht bewiesen werden. Eine Verurteilung ist deshalb nicht zu erwarten", hieß es in der Begründung. Diese Entscheidung wurde durch das Oberlandesgericht Düsseldorf im April 2017 gekippt. Denn das hält eine Verurteilung "für hinreichend wahrscheinlich". Das Verfahren wurde daraufhin der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg übertragen.

=> Der Loveparade-Prozess wird für die Hinterbliebenen der 21 Todesopfer sowie für die Verletzten und Betroffenen ebenso wie für die Prozessbeteiligten eine enorme seelische Belastung sein. Die Stiftung „Duisburg 24.7.2010" hat aus diesem Grund in Zusammenarbeit mit Notfallseelsorgern der Region ein Konzept erstellt, um für die Dauer des Prozesses eine Betreuung sicherzustellen. Hierfür erhält die Stiftung Mittel von der Landesregierung, die im Landeshaushalt 2018 bereitgestellt werden, um eine angemessene Betreuung sicherzustellen.  Für die psychologische und seelsorgerische Betreuung werden Teams aus erfahrenen Fachleuten zusammengestellt, die während der Prozesstage in Düsseldorf zur Verfügung stehen werden. Darüber hinaus wurde als Kooperationspartner das Team der Notfallpsychologie der Landeshauptstadt und das PSNV Netzwerk Düsseldorf gewonnen.

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Zudem meldet sich der alte Verein LOPA2010 e.V. der Betroffenen der Loveparade aktiv zurück. Er möchte weiterhin Ansprechpartner für Betroffene und, wenn gewünscht, auch für Hinterbliebene sein. Anlässlich des Prozessauftaktes bietet der Verein ein Krisentelefon an (Tel. 01520/6715463), das durch ehemalige Notfallseelsorger, die an dem Tag auch vor Ort waren, betreut wird. Zudem soll es täglich aktuelle Infos auf der Homepage und der Facebookseite der LOPA 2010 e.V. geben.
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