"Zu meiner, deiner, unserer Zeit": Ein Begegnungsprojekt zwischen Jung und Alt

Anzeige
Max Giesen im Gespräch mit Elfriede Krappe Fotos: Frank Preuß
  „Zu meiner, deiner, unserer Zeit“ lautet das Motto eines Begegnungsprojekts mit Schülerinnen und Schülern der Lise-Meitner-Gesamtschule und Bewohnern des Seniorenzentrums Lindenallee in Duisburg-Rheinhausen.

Zum Abschluss des Projekts entstand ein gleichnamiges Bilder-Lieder-Lesebuch. Es enthält neben eindrücklichen Fotografien, die die Begegnungen zwischen Alt und Jung wieder dokumentieren, (Lied-)Texte und Zitate der jungen und alten Teilnehmenden. Die Fotos spiegeln als gelungene Momentaufnahmen die bereichernden Begegnungen wieder, bei denen die jungen Leute in die Lebenswelten der Älteren eintauchten und umgekehrt: hier ein strahlendes Lachen, ein vor Glück erfülltes Gesicht, dort interessiertes Zuhören, gestikulierende Hände oder Beteiligte beim gemeinsamen Musizieren.

Heimat, die Jugend, noch einmal jung sein

Projektleiterin Kornelia Kert-Jahn vom Stadtmuseum erzählt: „Seit dem letzten Jahr fanden mehrere Treffen statt, wo wir über verschiedene Themen gesprochen haben: Heimat, die Jugend der alten Menschen, ob diese gerne noch einmal jung wären und was sie dann anders machen würden.“ Einen Schulabschluss, viel mehr lernen oder einen Führerschein – waren nur einige der Ziele, die sich die Senioren stecken würden, wenn sie noch einmal jung wären.

Das Projekt umfasste auch musikalische Begegnungen, während derer gemeinsam gesungen und musiziert wurde. Kornelia Kert-Jahn: „An Weihnachten haben die jungen Leute ihre Lieder ins Heim gebracht und die Bewohner haben sich traditionelle Lieder, wie ‚O Tannenbaum’ gewünscht.“ Für beide Altersgruppen sei das Projekt eine Bereicherung gewesen. Kert-Jahn: „Es hat Spaß gemacht, zu sehen, wie die Gruppen von der Lebenswelt der anderen mitbekommen haben. Alle Beteiligten sind stolz, dabei gewesen zu sein.“

"Ihr tippt und wischt auf euren Telefonen rum"

So können sich junge Menschen heutzutage oftmals nicht vorstellen, dass jemand 1920 geboren ist. Die 98-jährige Elfried Krappe ist Jahrgang 1920. Im gemeinsamen Gespräch äußert sie: „Ihr tippt und wischt auf euren Telefonen rum und tut euch schwer, fünf mal zwei im Kopf auszurechnen. Als ich einkaufen ging, wusste ich genau, was ich an der Kasse zu bezahlen hatte. Ich habe aber erlebt, dass junge Leute eine Karte rausholen, manchmal nichts mehr drauf war, und sie die Sachen wieder auspacken mussten.“

Schüler Max Giesen fand das Projekt und die Geschichten der älteren Menschen „sehr spannend“. „Ich wusste nicht, was die Jugendlichen früher alles nicht durften und das es Tanzverbote gab,“ sagt der 17-Jährige. Die gleichaltrige Marie Dwaratzek erzählt: „Wir schicken Nachrichten mit unseren Handys, um uns zu verabreden, aber als die älteren Menschen jung waren, hörten sie tagelang nichts von ihren Freunden. Das kann ich mir schwer vorstellen.“ Sehr interessant fand die Schülerin zu erfahren, wie die Senioren als Jugendliche die NS-Zeit erlebt haben. Vienna Lemanski erklärt: „Ich fand es sehr schön, dass die alten Leute sehr gern ihre Geschichten erzählt haben.“ Die Schülerin weiter: „Die älteren Leute hatten in ihrer Jugend nicht so viel Zeit für Hobbys und Freizeitaktivitäten waren nicht so üblich, wie für uns.“

„Meine Oma lebt in der Türkei und ich kann selten mit ihr sprechen“, erzählt Elif Kayhan. Daher fand sie es spannend, zu erfahren, wie die Menschen früher in Deutschland gelebt haben und „was alte Leute denken“. Schockiert hat die Jugendliche: „Dass man in der NS-Zeit seine Meinung nicht offen äußern durfte.“ Vergleicht sie den Alltag heutiger Jugendlicher zu früher, findet die 17-Jährige: „Wenn wir uns unterhalten wollen, geht das durch die sozialen Netzwerke ganz schnell und früher hatte man nur ein paar Spiele.“ Jürgen Heckers vom sozialen Dienst der Einrichtung freut sich über das Projekt: „Es war für die Bewohner sehr schön zu erleben, dass die jungen Leute Interesse zeigten. Sie durften in Vieraugen-Gesprächen einfach mal erzählen. Es war eine Begegnung ohne Hemmungen. Ich habe geahnt, dass es gut wird, aber nicht, dass es so gut wird.“

Info:

- Am Sonntag, 1. Oktober, findet um 15 Uhr im Kultur- und Stadthistorischen Museum die Eröffnung einer Ausstellung der Projekt-Fotos statt. Eine Bewohnerin des Seniorenzentrum Lindenallee und Projekt-Teilnehmerin wird aus ihrem Leben erzählen. Die Bilder-Lieder-Bücher sind im Museum zum Preis von drei Euro erhältlich.

- Es gab bereits andere gemeinsame Projekte der Lise-Meitner-Schule mit dem Seniorenzentrum, wie die „Rote Couch“ oder die Teilnahme der Bewohner bei Schulfesten. Weitere sollen folgen.
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.