Homo homini lupus? Gedanken zum Jahresausklang

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Homo homini lupus - Worte des Staatstheoretikers Thomas Hobbes. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nach Hobbes, der längst die Weltenbühne verlassen hat, der vorstaatliche Naturzustand der Spezies Mensch.

Und überall, wo der Staat ins Trudeln gerät, scheint sich dieser Naturzustand Bahn zu brechen. Krisenherde vielerorts, Terror und Kriege beherrschen unsere öffentliche Wahrnehmung. Das derzeit erschreckendste Beispiel liefert der IS. Aber auch dort, wo der Staat intakt ist, lugt der Wolf hervor, Beispiel die allgegenwärtige Fremdenfeindlichkeit, aktuell Pegida.

Was ist das für ein Wesen, den wir Mensch nennen? Sicherlich das einzige uns bekannte Wesen, das sich seiner selbst bewusst ist und über sich selbst nachdenkt. Dabei wird es hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
Verzweiflung ob seiner Unzulänglichkeiten, seines Unwissens, seiner existenziellen Ohnmacht, seiner Endlichkeit, seiner Angst vor Verlassenheit, vor Einsamkeit.
Hoffnung auf Geborgenheit, Wärme, Sicherheit, Perspektive.

Vom Schicksal geschaffen und hineingeworfen in eine Welt, die er sich nicht ausgesucht hat: Der Mensch. Die Hoffnung treibt ihn an, um überleben zu können. Er sucht sich Halt in dieser Welt, eine Autorität, einen Anker, der ihn sicher hält in rauer See. Dazu zählen Religionen, die Vernunft, die Familie, Freunde, Aktionismus, Fatalismus, um nur einiges zu nennen.

Sind solche Anker des Lebens gefunden, werden sie oftmals mit einem Tabu versehen, besonders ausgeprägt bei den Religionen. Die Grundangst wird bei einem höheren Wesen abgeladen. Kein Mensch kann sich mit seinen begrenzten Möglichkeiten sicher sein, ob es dieses höhere Wesen gibt, auf das man die Verantwortung für die eigene Existenz projiziert, aber je mehr Menschen daran glauben, desto gefestigter wird der eigene Glaube. Ein Hinterfragen ist nicht zulässig. Der Mensch will nicht mehr seiner inneren Verzweiflung anheim fallen. Sobald aber sein Geborgenheitsgefühl angekratzt wird, was allein schon durch die Präsenz anders denkender Menschen geschehen kann, empfindet er das als existenzielle Bedrohung, wogegen er sich zur Wehr setzen muss. Das beginnt mit persönlichem Gezänk, geht über Abwehrhaltungen wie Fremdenfeindlichkeit und endet beim Ausrotten Andersgläubiger oder Andersdenkender. Da hilft auch die allen Religionen innewohnende Nächstenliebe nicht.

Hat Hobbes also Recht? Ist der Mensch dem Menschen ein Wolf? Fällt er über seine Mitmenschen her, wenn er sich selbst mit seinem Glauben und Denken in Frage gestellt sieht? Und kann ihn daran nur ein funktionierendes Staatsgebilde hindern?

Der Mensch ist schon ein rätselhaftes Wesen. Ein Aspekt noch, wiederum ein Hoffnungsschimmer:

Hobbes´ Worte sind eine verkürzte Anleihe des römischen Schriftstellers Plautus, der gesagt hat:

"Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit."
(Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wie dieser geartet ist.)

Wer sich verschließt, steht in größter Gefahr, zum Wolf zu werden.

In diesem Sinne möge das Jahr 2015 uns allen viel Humanität und Toleranz bescheren.
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