"Wir Deutsche sind´s leid, immer wieder das Büßerhemd übergestreift zu bekommen, und das wegen 12 Jahren deutscher Geschichte - aber dennoch ... "

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Duisburg: Duisburg | Wir sind´s leid, immer wieder das Büßerhemd übergestreift zu bekommen - und das wegen 12 Jahren deutscher Geschichte zwischen 1933 und 1945. So oder ähnlich lässt sich eine weit verbreitete Haltung der Deutschen formulieren. Und viele Deutsche sind es auch leid, dass ihr ewiges Damoklesschwert eher eine Nazikeule ist, mit der auch allzu oft geschwungen wird, um Menschen mundtot zu machen.

Ich habe mich gefragt: Ist diese Haltung berechtigt? Und nach einigem Überlegen bin ich zu der Antwort gekommen: Ja, sie ist berechtigt!

Und bevor der große Aufschrei einsetzt und gegen mich die Nazikeule geschwungen wird, will ich ausdrücklich betonen, dass die Haltung keinesfalls bedeutet, einen Schlussstrich zu ziehen und die nationalsozialistische Vergangenheit in der Schublade "Erledigt" abzulegen.

Niemand der Nachkriegsgenerationen kann verantwortlich gemacht werden für das, was im damaligen Nazideutschland angerichtet wurde - und deshalb wäre jegliches Gewand eines Büßers völlig unpassend. Wofür wir Nachkriegsgenerationen aber verantwortlich sind, das ist, wie wir mit der deutschen Geschichte, insbesondere mit der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft umgehen.

Und dazu gehört, Abläufe der nationalsozialistischen Machtausweitung zu erkennen, ohne die es nicht zu den Vernichtungsfeldzügen der Nazis gekommen wäre. Da ist beispielsweise der Aufbau von klaren Feindbildern (Juden und weitere Ethnien oder Bevölkerungsgruppen) zu nennen. Damit niemand auf die Idee kommt, die Feindbilder - und wie man mit den "Feinden" verfährt - in Frage zu stellen, perfektionierten die Nazis die Gleichschaltung der Gesellschaft, was soweit führte, dass die klare Mehrheit der Deutschen damals schließlich glaubte, was quasi "ex cathedra" verkündet wurde.

Auch im heutigen Europa versuchen manche Kräfte, Feindbilder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Am Rande Europas, in der Türkei, werden Feindbilder sogar von der Staatsspitze installiert. Und an der Gleichschaltung in der Türkei hätte Hitler aus strategischer Sicht seine wahre Freude.

Kurzum: Das Erinnern an die Geschehnisse im nationalsozialistischen Deutschland ist dringend geboten, um aktuelle Entwicklungen wo auch immer durchschauen und angemessen bewerten zu können.

Insofern kommt dem bevorstehenden 27.Januar, dem "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", besondere Bedeutung zu. Dieses Datum erinnert speziell an die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee der Sowjetunion. Proklamiert wurde der Gedenktag als nationaler Gedenktag am 3.Januar 1996 vom jüngst verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog, der unter anderem erklärte:

"Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."

Im Jahr 2005 wurde der 27.Januar von der EU zum europäischen Gedenktag und von der UNO zum globalen Gedenktag erhoben.


Zum Abschluss eine Erinnerung an Auschwitz, der ich die Überschrift gegeben habe:


Eine Erinnerung blickt zurück

Nanoteilchen im Meer - nur noch in der Erinnerung greifbar.
Das ist meine Existenz.
Eine Erinnerung.
Als kleinste Teilchen zerstreut in einem weiten Wasser.
Mein Blick wandert zurück. Woher komme ich?

Über den großen Fluss kam ich. Weit flussaufwärts, im Süden des Landes, wurde ich von Menschen als Asche schaufelweise ins Wasser geworfen, bevor ich unbemerkt durchs Land dem Meer entgegentrieb. Ich war nicht allein, ich war vermengt mit anderen Erinnerungen gleichen Schicksals.

Wir befanden uns soeben noch auf Lastkraftwagen, die mit uns nur wenige Kilometer bis zum Fluss zurücklegen mussten. Sie waren losgefahren von einem Gebäude, in dem ich zuvor als heiße Asche durch einen Rost gefallen war. Oben war es heiß, sehr heiß. Flammen hatten dort meinen Körper verzehrt. Tot war ich schon vorher.

Aber noch jetzt spüre ich die Atemnot, die mich nach Eintritt des Gases in dem angeblichen Duschraum ergriff, bevor ich taumelnd zu Boden ging und mein Leben aushauchte.

Das Böse hatte mich heimgesucht und vernichtet. Ich war ein ganz normaler Mensch und bitte die Menschheit: Lasst mich zumindest als Erinnerung weiterleben, auf dass so etwas niemals wieder auf unserer Erde geschieht.
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Imke Schüring aus Wesel | 17.01.2017 | 23:38  
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Wolfgang Schroeder aus Iserlohn-Letmathe | 18.01.2017 | 17:22  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 21.01.2017 | 14:22  
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