Keine zweite Chance auf einen ersten Eindruck

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„Benimmtrainer“ Jürgen Lackhoff hat Kleidungsbeispiele für verschiedene Anlässe parat. Lehrerin Sarah Meier und die Schüler Antigona und Enes (v.l.) hören interessiert zu. (Foto: Reiner Terhorst)
 
Staunend schauen Tatjana und Roza auf die mitgebrachten Beispiele. (Foto: Reiner Terhorst)
Duisburg: Gesamtschule Emschertal |

Die Stimmung ist aufgeräumt. Einige Schüler der Jahrgangsstufe 13 der Gesamtschule Emschertal (GET) lachen, reden, hören zu, nehmen Rücksicht und gehen höflich miteinander um. Solch ein Verhalten kann man lernen.

Die „Abiturienten in den Startlöchern“ nehmen zurzeit freiwillig und begeistert an einem „Benimmkurs“ teil, den die Malteser in der Diözese Essen auf den Weg gebracht haben. „Mein perfekter Auftritt“ heißt dieses Projekt, das sich eigentlich an Schüler der zehnten Jahrgangsstufe wendet. Dass an der GET, deren Oberstufe an der Hamborner Kampstraße im ehemaligen Clauberg-Gymnasium beheimatet ist, nun angehende Abiturienten auf den Spuren von Knigge sind, hat eine Vorgeschichte.
Sarah Meier (30), Lehrerin für Pädagogik und Philosophie, erzählt, wie ein Oberstufen-Schüler von einem Vorfall mit der Polizei berichtete. „Denen hab' ich es aber gegeben“, tönte er. Und nicht nur die Lehrerin, alle Mitschüler waren schockiert, in welchem Tonfall, mit welchen Worten und ungehöriger Respektlosigkeit der junge Mann die Beamten anging.
Benehmen ist Glückssache, heißt es. Aber wer hat schon immer Glück? „Ich habe mich mal umgehört, und dabei bin ich auf das Angebot der Malteser mit dem Knigge- und Benimmkurs gestoßen“, erzählt Sarah Meier. Dann ging alles sehr schnell. Die zuständige Projektleiterin Marion Wiemann gab grünes Licht für die 13. Jahrgangsstufe der GET. In Schulleiter Christoph Hönig fand Meier sofort tatkräftige Unterstützung: "Gutes Benehmen ist die halbe Miete für die Zukunft.“
„Das ist eine richtige Premiumklasse“, zeigte sich der ehrenamtliche Knigge-Berater Jürgen Lackhoff schon nach der ersten von vier Unterrichtseinheiten höchst angetan von den „Emschertalern“, die nach dem Abi nun den nächsten, entscheidenden Schritt in ihrem Leben vor sich haben. Der 62-jährige Service-Angestellte in passiver Altersteilzeit hat schon „deutlich negative Erfahrungen gemacht“, sagt er.

Wann darf ich wen duzen?

Hier aber sei das anders: Freiwilligkeit, Interesse, offene Augen und Ohren. Schülerin Mendy, die einmal Sozialarbeiterin werden will, bringt es auf den Punkt: „Wir wollen ja alle was mitbekommen für später. Wann darf ich wen duzen? Wie verhalte ich mich in einem Vorstellungsgespräch? Wie kleide oder schminke ich mich bei der ersten Begegnung mit meinen künftigen Chefs? Für die meisten von uns ist das doch absolutes Neuland.“
Sarah Meier schmunzelt und Jürgen Lackhoff nickt bestätigend: „Viele Jugendliche wissen ja sogar selbst, dass sie kein gutes Benehmen haben. Mitunter fallen sie unangenehm auf und verbauen sich etwa bei der Bewerbung um einen Praktikumsplatz oder eine Lehrstelle alle Chancen. Die Folge sind Frust und Minderwertigkeitsgefühle, denn es gibt keine zweite Chance auf einen ersten  Eindruck.“ Der Kniggekurs soll deshalb erreichen, dass die Schüler formalen Situationen, wie einem Vorstellungsgespräch, einem Restaurantbesuch oder an ihrem Ausbildungsplatz, gewachsen sind und ihnen verdeutlichen, welche Reaktionen sie durch bestimmtes Auftreten, aber auch durch Kleidung, Frisur, Tattoos und Schmuck bei Menschen, die sie nicht kennen, hervorrufen können.
Bei der zweiten „Arbeitseinheit“ in Richtung gutes Benehmen waren Lockerheit, fröhliches Lachen und gebotene Ernsthaftigkeit gleichermaßen an der Tagesordnung. Die jungen Leute hatten dabei reichlich Zusatz- und Zwischenfragen. Betretene Blicke rief die Empfehlung „Handy ausschalten nicht vergessen“ hervor.
Und dann wurde „Hand angelegt“, denn Jürgen Lackhoff hatte jede Menge Krawatten dabei, und die müssen vor dem Tragen halt gebunden werden. Was da zunächst herauskam, hätte einen festen Platz in jeder Ausstellung für abstrakte Kunst gefunden. Aber Rom ist ja auch nicht an einem Tag erbaut worden. Alican zum Beispiel hat zum letzten Mal vor drei Jahren eine Krawatte getragen, bei der Abschlussfeier nach der zehnten Klasse.
Marius, der einmal Ingenieur werden möchte, besitzt gar keine eigene Krawatte. "Ich glaub', ich hab' auch noch nie eine getragen.“ Orkan will Lehrer werden: „Da muss ich doch keine Krawatte tragen, oder?“. Nach einigem Üben klappt's dann aber mit dem Binden, bei den Mädchen sogar besser als bei den Jungen.
Zwei Einheiten haben die Schüler jetzt hinter sich gebracht. Am Freitag geht’s weiter. Dann stehen „Tischmanieren und Esskultur“ auf dem Programm. Richtiges Eindecken, Unterschiede zwischen Weißwein- und Rotweingläsern und so manches mehr, Benehmen in einem Restaurant inklusive.

Benehmen in einem guten Restaurant

Den Abschluss des Kurses bildet ein Essen mit mehreren Gängen in einem gutbürgerlichen Restaurant. Hier wird das Gelernte in die Praxis umgesetzt. Die meisten Jugendlichen waren noch nie in einem guten Restaurant, in dem bestimmte Verhaltensregeln erwartet werden. Der Besuch ist Ansporn und Höhepunkt.
Auch trägt er dazu bei, das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu stärken, wenn sie sehen, dass sie dank des Kurses auch in ungewohntem Rahmen gut zurechtkommen und die "Codes" kennen und anwenden können.

Text und Fotos von Reiner Terhorst
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