Stalking: Angst auf Schritt und Tritt

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„Du Schlampe, ich mach‘ dich fertig.“ Bis zu 100 Nachrichten und Anrufe dieses Inhalts erhielt Melanie R. (Name geändert) täglich. Vier Monate lang terrorisierte ihr Exfreund sie, stellte ihr nach, bedrohte sie. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Doch bei Melanie R. ist die Angst immer noch gegenwärtig. Deshalb will sie nun eine Selbsthilfegruppe für Stalking-Betroffene gründen.

Als sich Melanie R. nach rund zweijähriger Beziehung von ihrem Freund trennte, ahnte sie nicht, was sie damit auslöste. „Es begann mit Morddrohungen via Facebook . Dann bombardierte er mich mit Kurzmitteilungen. Schließlich ging er zu Telefonterror rund um die Uhr über.“ Melanie R. beantragte Geheimnummern, blockierte den Exfreund. „Da lauerte er mir dann vor meiner Wohnung und am Arbeitsplatz auf.“ Melanie R. zog um.

„Er hat mich konsequent mürbe gemacht.“


Eine einstweilige Anordnung, sich ihr nicht auf mehr als 20 Metern nähern zu dürfen, missachtete der Stalker. Er brüllte sie auf offener Straße an, immer öfter musste Melanie R. in Polizeibegleitung nach Hause gebracht werden. Bald traute sie sich nicht mehr allein vor die Tür, litt unter Schlafstörungen und Panikattacken. Nur mit Mühe bewältigte sie ihren Alltag, wusste manchmal kaum, wie sie es zur Arbeit schaffte. „Er hat mich konsequent mürbe gemacht. Ich hatte kein Leben mehr. Als er mir wieder einmal auf der Straße auflauerte, bin ich zu ihm hin und habe gesagt: ‚Dann mach‘s doch endlich. Bring‘ mich doch um. Dann ist es wenigstens vorbei.‘ Da hat er sich wortlos umgedreht und ist gegangen.“

„Es wird zu ­wenig gegen den Stalker und zu wenig für den Leidtragenden getan.“


28 Mal zeigte Melanie R. den Stalker an, doch ein Ende des Terrors war nicht in Sicht. Bis sie an Kripobeamte geriet, die den Fall wirklich ernst nahmen und den Stalker nach einer weiteren Attacke dem Haftrichter vorführten. Im Januar dieses Jahres wurde er zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt. Seither ist Ruhe, doch die Angst bleibt. „Die kann man nicht einfach so ablegen, die hat sich festgefressen. Selbst gute Freunde können das nur schwer nachvollziehen. Schließlich sei B. ja nun im Gefängnis. Jetzt könne mir doch nichts mehr passieren, höre ich ständig. Ich will mich aber nicht mehr erklären müssen. Ich will verstanden werden.“

Melanie R. weiß, dass sie kein Einzelfall ist. Und sie weiß auch, dass sie noch Glück im Unglück hatte. Ihr Peiniger wurde zur Rechenschaft gezogen – bei Stalking liegt die Verurteilungsquote derzeit bei zwei Prozent. Dennoch ist sie wütend. Wütend, weil ihrer Ansicht nach Täterschutz immer noch über Opferschutz gestellt wird. Und weil sie nie Opfer sein wollte, sondern dazu gemacht wurde. „Es wird zu wenig gegen den Stalker und zu wenig für den Leidtragenden getan.“ Ein halbes Jahr hat es allein gedauert, bis Melanie R. endlich ein Therapieplatz bewilligt wurde. Mittlerweile geht es ihr besser. Dennoch: „Ich werde nie wieder der Mensch sein, der ich vorher war. Das Vertrauen in andere ist nachhaltig gestört.“

==>> Selbsthilfegruppe Stalking

Mit Unterstützung der Selbsthilfekontaktstelle Duisburg möchte Melanie R. nun eine Gruppe für von Stalking betroffene Frauen gründen. Sie wird sich an zwei Freitagen im Monat treffen. Interessierte wenden sich für weitere Informationen an die Selbsthilfekontaktstelle Duis­burg, Tel.. 0203 / 6 09 90 41, E-Mail: selbsthilfe-duisburg@paritaet-nrw.org. Sie ist montags, dienstags und donnerstags von 9.30 bis 12.30 Uhr und dienstags außerdem von 15 bis 18 Uhr erreichbar. Das gesamte Angebot an Selbsthilfegruppen in Duisburg auf www.duisburg.selbsthilfenetz.de.

Fotos: Hannes Kirchner
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