Schulstory: Der verlassene Bauernhof

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1968 - Der Wald öffnete sich vor uns. Endlich. Irgendwie hatten wir uns völlig verlaufen. Auch Frau Breckerfeld, unsere Lehrerin, schien den Überblick verloren zu haben. Aber solche Situationen sind ja oft das Spannende an Klassenfahrten.

Es war die erste Klassenfahrt unserer 3b. Und wie hatten wir uns auf die Fahrt gefreut. Mit meinen Freundinnen Gabi, Marianne, Claudia, Monika und Veronika teilte ich mir ein Zimmer in der Jugendherberge. Ich bin übrigens Lena, eigentlich Magdalena.

Und jetzt standen wir da, und vor uns stieg ein Bauernhof aus dem Boden, der einen längst verlassenen Eindruck machte. Überall um das Wohnhaus herum viel Wildwuchs. Muss mal eine Rasenfläche gewesen sein. Sogar zwischen den Platten des Gehwegs, der geradewegs zum Eingang führte, drängte sich Unkraut kniehoch nach oben.

Hier Hilfe zu bekommen, um den Weg zur Jugendherberge zurück zu finden - ich hatte meine Zweifel. Aber Frau Breckerfeld machte ein Gesicht zwischen Erleichterung und Zuversicht und trieb uns zum Eingang. Zögerlich klopfte unsere Lehrerin an die Tür. Aber es rührte sich nichts, außer dass ein großer Vogel aus der Linde flatterte, die vor dem Haus stand. Frau Breckerfeld klopfte lauter und ließ ein lautes, aber irgendwie nicht sicheres Hallo erschallen. Wir hielten den Atem an, um nicht zu verpassen, wenn sich etwas rühren sollte. Die alten, zum Teil eingerissenen Fenstervorhänge waren zugezogen und versperrten uns einen Blick ins Innere. Uns beschlich ein eigenartiges Gefühl. Wohl war uns nicht.

Hinter mir vernahm ich ein Schluchzen. Ich drehte mich um. Claudia weinte: "Ich will nach Hause." Frau Breckerfeld kümmerte sich um Claudia und versuchte sie zu trösten. Aber es war zu spät. Mir stiegen auch die Tränen in die Augen, wie den meisten Mädchen. Der bullige Horst, das Ekelpaket der Klasse, gab sich stark: "Soll ich die Tür eintreten, Frau Breckerfeld?" Ihr Blick wurde wieder so streng wie in der Schule und hielt ihn sofort davon ab. Wir Kinder tauschten mehr und mehr verzweifelte Blicke aus.

"Da", zischelte Gerd, "da war einer!" Wir verfolgten seinen Blick, aber sahen nichts. "Da, in der Scheune, da ist jemand." Das Tor stand einen Spalt auf. "Ihr bleibt hier", befahl Frau Breckerfeld und ging unter Aufbringung all ihren Mutes, wie mir im Nachhinein schien, auf die Scheune zu. Einige Meter vor dem Tor rief sie, mit leicht brüchiger Stimme: "Ist da jemand? - Hallo!" Es verstrichen einige Sekunden. Nichts. Wir schauten gebannt auf die Scheune und hielten uns fest an unseren Händen. Frau Breckerfeld rief nochmals, aber nicht mehr ganz so laut. Und dann öffnete sich langsam, ganz langsam das Tor. Als erstes sahen wir zerzaustes Haar, dann ein zerfurchtes Gesicht, schließlich einen Lumpen tragenden Mann, der in gebeugter Haltung aus der Scheune trat. "Hilfe", entfuhr es Frau Breckerfeld.
Dann sagte der Mann etwas. Wir konnten es allerdings nicht verstehen. Ist Frau Breckerfeld in Gefahr? Ich konnte nur noch weinen, und wir drängten uns immer mehr aneinander. Veronika schrie: "Mama, Mama!"

Da kam Frau Breckerfeld mit dem unheimlichen Fremden auf uns zu, und wir sahen schon an ihrem Gesicht: Jetzt wird alles gut.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Landstreicher, der in der Scheune Unterschlupf gefunden hatte. Und er konnte uns den Weg zur Jugendherberge zeigen. Was waren wir froh, als wir wieder dort waren. Und was es mit dem Bauernhof auf sich hatte - wir haben es nie erfahren, Gesprächsstoff hatten wir aber genug.
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 16.10.2015 | 18:55  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 17.10.2015 | 18:01  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 22.10.2015 | 10:55  
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