Schulstory : Die Mathestunde

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Ich komme mal wieder zu spät, obwohl ich erst zur zweiten Stunde habe. Nur ein paar Minuten zu spät. Dennoch: Ich muss es erklären.

Aber wie immer: Mir wird Nachsicht entgegengebracht. Früher war das bei den Lehrern nicht so. Ich hab´ aber auch immer originelle Entschuldigungen. Ich bin ja nicht doof. Außerdem bin ich ganz gut in der Schule.

Nun aber erst einmal meine regennasse Jacke aufhängen, meine Tasche neben meinen Tisch knallen, meine Tasche, die mit dem blöden Aufkleber von Justin Bieber, den mir Svenja draufgeklebt hat und den man nicht abkriegt - peinlich! -, und mich brav an meinen Platz setzen.

Ich überlege kurz und werfe einen checkenden Blick auf die Nachbartische. Ach ja, Mathe ist dran. Ich nehme meine Mathesachen raus. Claudia und Gina sitzen vor mir und unterhalten sich wie immer. Wenn ich´s richtig mitbekomme, geht´s mal wieder um Jungs. Na, meine Themen sind eher Fußball und Musik.

Hausaufgabenbesprechung. Einige Textaufgaben zum Satz des Pythagoras. Eigentlich gar nicht schwer, aber Heinrich - was ist das eigentlich für ein Name in der heutigen Zeit? - meint sofort, die Aufgaben seien viel zu schwer gewesen. In Wirklichkeit hat er mal wieder keine Lust gehabt. Ich kenne ihn.

Von vorne geht die Frage an die Klasse: Was ist eigentlich der Satz des Pythagoras? Mehmet, der weit hinten sitzt, immer bemüht, einen guten Eindruck beim Lehrer zu machen, setzt sich in Positur und verkündet, ohne dass er drangenommen wurde: "a² + b² = c²." Was das bedeutet, kann er allerdings nicht sagen. Da kommt mein Einsatz: "In einem rechtwinkligen Dreieck sind die Flächen der beiden Kathetenquadrate zusammen genauso groß wie das Hypotenusenquadrat." Ich schaue zur Seite und bemerke, wie Johanna mich schmachtend anschaut. Mein Gott, was denkt die sich?

Die Besprechung der eigentlichen Hausaufgaben läuft wie immer, bestritten von einer kleinen Runde, die´s anscheinend wirklich interessiert. Als Bester in Mathe bin ich natürlich auch dabei. Aber Mathe fällt mir, wie so manche sagen, in den Schoß.

Danach geht´s in eine Gruppenarbeit: Jede Gruppe eine Sachaufgabe. Für mich bedeutet das Erholung. Na, bald ist ja Hofpause, endlich eine qualmen. Wird nicht gern gesehen. Oh, stelle ich fest, meine Schachtel Kippen kann man in meiner Tonne sehen. Unangenehm. Ich verstecke sie schnell. Dumme Bemerkungen kann ich heute nicht ertragen.

Da ruft Lisa plötzlich laut in die Klasse rein: "Wofür brauchen wir das eigentlich?" Aber die Antwort wartet sie gar nicht ab, holt stattdessen ihr Handy raus und tippt wild darauf los.

Die Stunde plätschert so vor sich hin. Dann schellt es. "Morgen werden die einzelnen Gruppen dann ihre Ergebnisse hier vorne an der Tafel präsentieren. Und jetzt ab in die Pause mit euch."

Es dauert nicht lang und der Klassenraum hat sich geleert. Ich packe meine Klamotten, schließe die Klassentür ab, bring´ meine Sachen schnell ins Lehrerzimmer und begebe mich vors Schultor, um mit meinen dem Nikotin verfallenen Kolleginnen und Kollegen eine Zigarette zu rauchen. Ist das heute mal wieder ein Sauwetter.
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8 Kommentare
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Martina Janßen aus Hattingen | 15.10.2015 | 23:38  
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Theo Grunden aus Hamminkeln | 16.10.2015 | 10:56  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 16.10.2015 | 11:34  
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Susanne Demmer aus Essen-Nord | 16.10.2015 | 11:52  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 16.10.2015 | 12:08  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 16.10.2015 | 22:47  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 17.10.2015 | 18:10  
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