Schulstory: Im Angesicht des Todes

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Es begann an den Füßen und zog meine Aufmerksamkeit merklich auf sich. Kannte ich so etwas? Ich war mir nicht sicher. Ausweichen konnte ich ihm nicht. Ich stand wie angewurzelt da und sah dem, was da kommen mochte, dem ich nicht ausweichen konnte, mit Sorge entgegen - nein, es war Angst. Eine Situation, die ich bisher erfolgreich vermeiden konnte. Und langsam stieg es aufwärts und schien meine Beine allmählich in einen Zustand der Lähmung zu versetzen. Wer mich beobachtete, wird meinen ängstlichen Blick bemerkt haben, der sich an meinen Beinen entlang den Weg nach unten suchte.

Der Abgrund war zu tief, als dass ich hätte Mut schöpfen können. Und es stieg unaufhaltsam weiter nach oben und hatte schon bald meinen Brustkorb in eisernem Griff. Unerträglich. Ich wollte fliehen, ich wollte alles abschütteln - aber ich konnte nicht. Urplötzlich fühlte ich mich fremdgesteuert. Und dabei war es doch nur dieser Mann, der mich in diese Lage gebracht hatte. Ich konnte ihn nicht einschätzen, es war ja auch die erste Begegnung mit ihm. Auch wenn ich nicht wollte, ich musste mich ihm unterordnen. Seine erbarmungslose Macht war überwältigend für mich.

Und die anderen? Was bewegte sie? Konnten wir uns solidarisieren, um dem Unheil zu entgehen? Wollten sie überhaupt? Ein flüchtiger Blick zur Seite brachte mir nichts. Derjenige an meiner Seite hatte ein Lächeln im Gesicht, nein, es war ein Grinsen, das mich im Innersten traf. Haben sich denn alle gegen mich verschworen? War es mir allein vorbehalten, unterzugehen, zu merken, wie das teuflische Element in die letzten Fasern meiner Lunge eindrang, um mir jegliche Luft zu rauben, die ich zum Atmen brauchte? Stand mein letzter Herzschlag kurz bevor? Benommenheit und Beklemmung hatten inzwischen meinen gesamten Körper erfasst.

Warum hatte ich auch hierhin wechseln müssen? Hätte ich es nicht ahnen können? Aber allein meine Entscheidung war es ja auch nicht. Besonders mein Vater war daran beteiligt. War ich ihm so wenig wert? Meine Mutter hatte sich bei der Entscheidung zurückgehalten. War es mir vorbestimmt, dass mich das Leben zertritt wie ein Ungeziefer, das ich doch gar nicht war.

"Seid ihr bereit?", drang die Stimme wie durch Watte an mein Ohr. Nein, nein, nein! Ich war nicht bereit. Ich war doch noch so jung. Ich wollte heulen, aber ich konnte nicht. Ich war nicht mehr ich. Ich war gefangen in dem Unabwendbaren. Und schon sah ich, wie neben mir die anderen zum Sprung ansetzten. War ich denn so anders? Zum Sprung ansetzen? Verschwindet, ihr bösen Geister, lasst mich endlich aufwachen. Tut mir das nicht an. Ich merkte, mein Geist funktionierte noch. Hatte ich doch noch eine Chance? Es war kein Traum. Es war Wirklichkeit.

"Und jetzt - springt!" Neben mir bewegte sich der menschliche Körper. Nacheinander sprangen die anderen in die Tiefe. Was soll ich nur tun? Da meldete sich plötzlich ein Gefühl in mir, mit aller Stärke und drängte alles zurück. Es war mein Stolz. Er verbot mir energisch, mich zu widersetzen. - Und so tat ich es, dem Tod ins Auge blickend.

....

So schlimm war er gar nicht, der erste Sprung vom Beckenrand ins Wasser. Und meine Angst hatte wohl keiner bemerkt. Gott sei Dank. Es dauerte nicht lange, und ich hatte erst meinen Freischwimmer und kurz darauf meinen Fahrtenschwimmer. Jahre später verhalf mir das Schwimmen zu einem "sehr gut" in Sport.
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13 Kommentare
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Martina Janßen aus Hattingen | 17.10.2015 | 22:21  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 17.10.2015 | 22:34  
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Martina Janßen aus Hattingen | 17.10.2015 | 22:51  
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Martina Janßen aus Hattingen | 17.10.2015 | 23:07  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 17.10.2015 | 23:24  
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Martina Janßen aus Hattingen | 17.10.2015 | 23:28  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 17.10.2015 | 23:37  
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Theo Grunden aus Hamminkeln | 18.10.2015 | 11:33  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 18.10.2015 | 12:12  
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Roland Jalowietzki aus Düsseldorf | 19.10.2015 | 21:12  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 19.10.2015 | 22:14  
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Imke Schüring aus Wesel | 25.10.2015 | 20:45  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 28.10.2015 | 07:24  
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