Hasi allein unterwegs - damals und heute

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...ein Koffer, 6 Taschen, drei Hula-Hoops, ein Fahrrad, Stofftiere, ein Riesen-Glupschi.....
 
...ein Skateboard, ein Kosmetikkoffer...
aus gegebenem Anlass stelle ich hier eine alte Geschichte ein von einer Zugfahrt mit Anna, Riesengepäck, Riesenstofftier und - Riesenproblemen.
Damals wie heute reisen unsere Enkelinnen, wenn sie ein paar Tage Ferien bei uns machen, grundsätzlich mit großem Gepäck.
Dieses Mal ist es nicht Anna mit Riesen-Hasi und Roller, sondern Lotta mit Riesen-Glupschi und Skateboard, Fahrrad, und, und, und.....


Mayday! Mayday! - Hasi allein unterwegs

Also ehrlich, so ein bisschen Bammel hatte ich ja schon vor der Rückreise. Nicht, dass ich mich zu alt fühlte, oder unfähig, der Aufgabe- immerhin eine logistische Schwerstarbeit- gewachsen zu sein. Nein, das war es nicht. Es war nur, es war so höllisch viel Gepäck. Die junge Kleine hatte Gepäck für eine Weltreise dabei. Und alles musste zurück. Im Zug. Tragenderweise. Mit Umsteigen.
Am Reisemorgen stand der große Koffer, kaum gebändigt durch den Reißverschluss, vor der Haustüre. Ebenso zwei Rucksäcke, zwei Handtaschen, ein Roller und ein Riesen-Stofftier von rund 1.30 Meter.
„Kann Hasi nicht Urlaub machen hier bei uns?“ Zaghafte Anfrage von Alt nach Jung.
Klare Antwort: „Nein.“
„OK, dann werden wir es also folgendermaßen machen: ich trage den Koffer mit deinen Inlinern und den diversen Schutzdingern, dem Schuhkarton mit den Kassetten, CDs, DVDs, deinen Klamotten und Toilettenartikeln. - Mensch, dein Elefanten-Kopfkissen liegt noch oben im Bett. Das gehört auch noch in die Außentasche des Koffers.
Also weiter:
In meinem Rucksack sind dein Helm, deine Bücher, Futterage und Trinken für dich unterwegs, die Uno-Karten und Kleinkram.
Du kriegst auch einen Rucksack für deinen anderen Kleinkram. Ich trag nicht alles alleine. Ist schließlich dein Kram. Ich kann für mich nur eine Unterhose mitnehmen. Für mehr ist kein Platz. Außerdem musst du noch den Roller nehmen und ich „Hasi“. Und die Regenjacken. Jeder bindet sich seine Regenjacke um den Bauch. Und Hasi kriegt zusätzlich deine Strickjacke umgebunden. Für alle Fälle. Es scheint heute kalt und nass zu werden.
Deine Handtasche können wir doch auch mit einpacken, oder?
Nein? Na gut. Dann häng sie dir um den Hals.
Alles klar?“

Wir stiegen in die Regionalbahn. Für die nächsten zwei Stunden war alles in feinster Ordnung. Wir hatten Platz, konnten schwatzen und kichern. Sogar Hasi hatte einen ganzen Platz für sich allein. Er stand zwar nicht mit auf der Fahrkarte wie das Kind, aber er wirkte so seriös und distinguiert, wie er da aufrecht saß, dass nicht mal der Schaffner maulte.

In Düsseldorf mussten wir umsteigen. Ich zählte: ein Kind, ein Koffer, zwei Rucksäcke, zwei Handtaschen, ein Roller, ein Hasi mit Strickjacke, zwei Regenjacken. Alles ok.
„Setzen wir uns solange irgendwo hin?“
„Da vorne ist ein Wartehäuschen, da können wir rein gehen.“

Ein Paar und eine einzelne ältere Frau saßen drinnen gelangweilt ihre Zeit ab. Nur mäßig interessiert beobachteten sie den Einzug der schwer bepackten Neuankömmlinge.
„Das hier…“ Annas schmale Hand wehte Besitz ergreifend um sich, wobei sie den Leuten nacheinander in die Augen sah: „das hier ist alles mein Gepäck. Die Oma“, damit zeigte sie auf mich, „die Oma hat nur eine Unterhose mit. In der Jackentasche. - Weil kein Platz mehr ist.“

So, das war geklärt. Sie hockte sich auf die Kunststoff überzogenen Metall-Kettenstühle und nickte zufrieden in die Runde. „Wir fahren nach Frankfurt. Und ihr?“
Ich lächelte vage in die Runde, wich verschämt den neugierigen Blicken aus und sagte: „Komm, wir gucken mal, wann der Zug genau fährt.“ Raus hier, nur raus.
Der ICE kam pünktlich. Er war auch nicht allzu voll. Wir fanden einen Platz, der nicht reserviert war, hievten den Koffer mit seinen rund 30 Kilo auf die Kofferablage in der Mitte des Abteils und unsere diversen anderen Gepäckstücke: Hasi, 2 Rucksäcke, eine Handtasche und zwei Regenjacken oben in die Ablage über unseren Köpfen. Den Roller platzierten wir in dem Dreieck hinter unseren Sitzen. So weit, so gut.
Aufatmend sank ich neben meiner Enkelin in den Sitz.
„Und jetzt spielen wir UNO: Oma, klapp dein Tischchen runter. Ich gebe. Und ich möchte eins von deinen Pfefferminzbonbons und die Wasserflasche. Und dann das Brötchen. - OK- du mischt, ich gebe.“
Wir spielten mit vollem Einsatz. Ich gab alles, um nicht ständig zu verlieren. Die kleine Rübe zockte mich ganz schön ab. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen. Ich brauchte meine ganze Konzentration.

Als der ICE am Flughafen hielt, stand es gleich für Alt und Jung. Um mir diese Position zu erhalten, sagte ich: „Der Zug kommt gleich im Hauptbahnhof an. Wir packen jetzt unsere Siebensachen, setzen unsere Rucksäcke auf, du holst den Roller hinter dem Sitz raus und wir stellen uns schon mal Richtung Ausgang.“
In Frankfurt schien die Sonne. Der Regen war weit hinter uns in Nordrheinwestfalen zurück geblieben. Unsere Regenjacken brauchten wir also nicht. Ich nahm meinen Rucksack und stopfte die große und die kleine Regenjacke hinein: Kind, Roller, Koffer, 2 Rucksäcke, zwei Handtaschen, 2 Regenjacken- einpackt.
Ok. Wir standen bereit, schwer bepackt, als der Zug im Hauptbahnhof einlief.
„Oma, ich muss!“
„Jetzt? – Nee, Kind, nee! Das ist zu spät. Das hättest du auch schon vor 10 Minuten oder so wissen können, jetzt geht nicht .Wir sind da.“
„Da haben wir doch noch gespielt. Oma, ich muss jetzt aber wirklich. Bis nach Hause kann ich nicht mehr aufhalten…“
„OK, warte noch eben. – So, und jetzt schnell raus aus dem Zug, raus, weiter, renn, da lang, in die Halle rein, da irgendwo müssen die Toiletten sein!“
„Da! Da unten sind sie!“
„Du musst aber mitkommen.“
„Ok. – Oh Gott, das sind ja zig Treppen runter!? Und das mit dem schweren Koffer? – Kannste nicht alleine? – Nee? Ist ja schon gut, Oma kommt mit…..“
Klong, klong, klong. Stufe für Stufe holperte der schwere Koffer über die Stufen runter in die Katakomben. Unten angekommen hastig gekramt nach Kleingeld: 70 Cent.
70 Cent? Die spinnen ja wohl!
Ich schob die Kleine durchs Drehkreuz.
Dann das Ganze zurück, Stufe für Stufe wieder hoch. Zehn Stufen, dann Kurve und noch mal 10 Stufen. Keuchend standen wir beiden Kleinen, alt und jung, wieder in der weitläufigen Bahnhofshalle. Oma, Kind, 1 Koffer, 2 Rucksäcke, 2 Handtaschen, 1 Roller, 2 Regenjacken, …nee, die waren ja verstaut. –
”OMA! - WO IST HASI?”

Meine Gesichtszüge entgleisten. Schneller, als der ICE gerade rückwärts unseren Blicken Richtung München entschwand.
„Oh, mein Gott!“
„HASI! - Hasi! - Oma! – ICH WILL MEINEN HASI! – HASI!!!“

Ein freundlicher Mensch mit roter Kappe auf dem Bahnsteig hatte Mitleid. Er wies Herz stolperndes klein Alt und heulendes klein Jung zu dem Schalter für Verlorenes.
Wo? – Da rein? Wo? Ach, da rechts, wo Commerzbank steht? Ja? Oder? Ok , neben dem Blumenladen! Ah ja. – Danke.
Wir zogen und schleppten uns heulend und fast heulend durch die drängelnden Menschenmassen.
HASI! Wo bist du? Komm zurück! Zeig dich! Mach dich bemerkbar im Zug! Mayday- Mayday!

Der Mann am Schalter war geduldig. Freundlich. Hilfsbereit. Kinderlieb. ER war gewiss keiner, der Kinder auf offener Strecke raussetzt, nur weil sie keine gültige Karte dabei haben. Hasi hat auch keine Karte! Und jetzt?
„Oma, wenn der Kontrolleur kommt und ihn findet in seinem Gepäcknetz da ganz weit hinten, wo er hinter die Rucksäcke gerutscht ist, was sagt er dann? „Ich steh bei der Oma auf der Karte, aber die ist einfach in Frankfurt ausgestiegen und hat mich vergessen?“ Und dann? Mein armer Hasi."

Mayday, Mayday!

„So, nun sagen Se doch mal, welche Nummer hatte denn der ICE?“
„Ähm, Nummer?- Irgendwas mit hundertund…“
„Wo kam er denn her?“
„Ähm, keine Ahnung. Wir sind in Düsseldorf eingestiegen. Und der kam um 11.58 hier an und fährt nach München.“
„Der 625 also. – Und in welchem Abteil haben Sie gesessen?“
„Abteil? – Keine Ahnung. Wir sind irgendwo eingestiegen, wo Platz war…“
Der freundliche Mensch schrieb akribisch alles auf und sagte dann: „Ich ruf mal an.“
Und er rief den ICE 625 an auf seinem Weg nach München. Und war guter Dinge, dass sich alles bestens klären würde. Er schrieb uns eine Telefonnummer der 3- S -Zentrale auf. „Da könnense in einer halben Stunde anrufen. Dann erfahren Se mehr. – Aber“ - ein lieber Blick auf das kleine heulende Elend, „ich denke, dein Hasi wird bestimmt noch heute wieder auftauchen.“

Zwei Stunden und zwei S-Bahnfahrten später, hin und wieder zurück, standen wir beiden Kleinen -Alt und Jung- wieder vor dem Schalter: „Wir möchten einen Stoffhasen abholen. So ungefähr 1.30 m groß.“
Zaghaft, denn es war ein fremder Mensch hinter dem niedrigen Tresen, der die Geschichte der Irrfahrt ja gar nicht kannte, aber der verzog sein Gesicht zu einem dicken Grinsen: „Augenblick, da muss ich doch mal gucken…“
Er ging um die Ecke in den angrenzenden Raum, und Sekunden später lugte ein goldfarbenes Stückchen Hasengesicht um die Ecke, borstige Schnurrhaare und knuffiges Fell mit überlangen Ohren.
HASI!“
Anna sprang über die niedrige Barriere und flog ihrem Hasi um den Hals.
„Hasi, Hasi, da bist du ja wieder! Wo warst du denn?“
Und sie schwenkte und knuddelte ihn freudestrahlend hin und her. „Und hat der Schaffner nicht nach deiner Fahrkarte gefragt?- Warst du schon in München?- Ach Hasi, Hasi!“ –
…“Was hast du denn da, Hasi? – Was …? Oma, guck mal, - sie haben Hasi Fahrkarten gegeben für zurück!“
Und tatsächlich, in Hasis dickem Flauschfell hingen zwei Kinderfahrkarten der Deutschen Bundesbahn, Spielkarten, wie sie manchmal den Kindern gegeben werden, die auf der Fahrkarte der Erwachsenen mitreisen.
Die Mitarbeiter der Deutschen Bundesbahn hatten Herz gezeigt, Herz für Kinder und ihre Gefährten.
Ein großes, verständnisvolles Herz.

Nicht nur Anna, sondern auch Lotta war heilfroh, als das lange Flappohr wieder zuhause war und nach Herzenslust geknuddelt werden konnte.
Für Anna eine wichtige Lehre: nach dieser Erfahrung reist sie, wenn sie zu uns kommt, nur noch mit leichtem Gepäck.

++++++++++++++++++++

Diese Geschichte ist Teil meines Buches "Himbeerrote Knallbonbons", erhältlich in allen Online-Shops.
Immer wieder, wenn ich mit unserer jüngsten Enkelin zusammen treffen, muss ich ihr die Geschichten aus diesem Buch vorlesen. Jetzt, nach der Hasi-Geschichte, wird sie vielleicht wissen, dass es besser ist, mit leichtem Gepäck zu reisen.

www.christelwismans1947.jimdo.com
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 03.08.2015 | 07:02  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 03.08.2015 | 07:55  
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Rosa Ananitschev aus Hemer | 05.08.2015 | 13:30  
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Heidrun Kelbassa aus Goch | 07.08.2015 | 13:45  
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Beate Haack aus Emmerich am Rhein | 22.09.2015 | 19:20  
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