Wolfgang Gorny erlebte das Wunder der Weihnacht

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Was Wolfgang Gorny geblieben ist, ist das Bild seines Vaters. Foto: Jörg Terbrüggen

Eine sehr rührende Weihnachtsgeschickte von Wolfgang Gorny flatterte in die Redaktion des Stadt Anzeigers. Und die wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Es war im Jahre 1944, der Krieg trat in seine letzte Phase, und in den meisten Familien in Deutschland wollte sich Festtagsfreude nur noch in bescheidenem Umfang einstellen, als sich für meine Mutter und mich ein kleines Weihnachtswunder ereignete.

Mein Vater befand sich irgendwo an der Ostfront, die – was wir natürlich nicht wußten – zu dieser Zeit kaum noch die Bezeichnung „Front“ verdiente. In meinen fünf Lebensjahren hatte ich ihn nur sporadisch gesehen. Als Ersatz wurden wir, wann immer es die Lage erlaubte, mit Feldpostbriefen bedacht, denn meine Mutter hatte ihn stets zu eifrigem Schreiben angehalten. „Ersatz“ ist übrigens eine der für jene Zeit typischen Vokabeln. Neben dem „Ersatz-Kaffee“ gab es noch alle möglichen „Ersatz“-Produkte, die, der herrschenden Not gehorchend, aus allerlei greifbaren Rohstoffen hergestellt wurden, weil die Originale längst nicht mehr verfügbar waren. Das Wort hat übrigens sogar den Sprung in den angelsächsischen Sprachraum geschafft – im Gegensatz zu so manchem neudeutschen, wichtigtuerischen Wort-Ungetüm. Aber das nur am Rande. Mein Vater war also auf das Briefeschreiben angewiesen – man mag sich gar nicht vorstellen, welchen Verlauf der Krieg wohl genommen hätte, wären die Soldaten auf beiden Seiten mit Mobiltelefonen ausgestattet gewesen, wie heutzutage jeder zehnjährige Schüler. Wahrscheinlich hätte kein Mensch mehr Zeit für den Krieg übrig gehabt.

Schmerzlicher Dämpfer?

So meldete sich also mein Vater auch im Spätherbst von irgendwo im Osten, diesmal aber mit der für diese Phase des Krieges nahezu sensationellen Mitteilung, daß er möglicherweise das Weihnachtsfest mit uns würde verbringen können. Ich glaube, seine Einheit wurde verlegt, und die Marschroute erlaubte einen kurzen Abstecher an unseren Aufenthaltsort Guben. Kurz darauf erhielt die Vorfreude einen schmerzlichen Dämpfer, als in einem weiteren Feldpostbrief der Besuch wieder in Frage gestellt wurde.
An all dies habe ich bestenfalls bruchstückhafte Erinnerungen, die durch Erzählungen meiner Mutter ihre Ergänzung fanden. Allerdings habe ich eine Szene vor Augen, die ich nicht vergessen werde: Am Heiligabend erschien doch tatsächlich der Weihnachtsmann in voller Lebensgröße. Was der sich allerdings erlaubte, das war schon allerhand: Kaum waren die paar Geschenke verteilt, wandte er sich meiner Mutter zu und gab ihr einen herzhaften Kuß. Gehörte sich etwa so etwas für den alten Rauschebart? Was würde wohl mein Vater dazu sagen? Und dann stutzte ich noch einmal: Der Pelzmantel des Alten kam mir merkwürdig bekannt vor. Irgendetwas stimmte hier nicht. Mit Blick auf die Rute, mit der der Weihnachtsmann bewaffnet war, zog ich es jedoch vor, einen aufkeimenden Verdacht für mich zu behalten. Mein Glaube an den Weihnachtsmann aber hatte einen ersten leichten Knacks erlitten und sollte in der Folgezeit nicht mehr den früheren Grad an Unerschütterlichkeit erreichen.
Leider hat meine Geschichte kein happy end: Dies war das letzte Mal, daß ich meinen Vater gesehen habe. Bis heute ist mir nichts Genaues über sein Schicksal bekannt.
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