Hochwasser: "Können uns nicht in Sicherheit wiegen"

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2008 fand eine Übung des Technischen Hilfswerkes zum Aufbau des Hochwasserschutzes an der Rheinpromenade in Emmerich statt. Foto: WachterStorm
 
Deichgräf Herbert Scheers ist für die Sicherheit der Deiche von Wesel-Bislich bis zur Landesgrenze zuständig. Foto: Jörg Terbrüggen

Straßen und Häuser stehen unter Wasser, Menschen werden evakuiert, Notunterkünfte sind eingerichtet. Das katastrophale Hochwasser in Bayern und Ostdeutschland hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Kann so etwas auch bei uns passieren? Wir sprachen mit dem zuständigen Deichgräfen Herbert Scheers.

Der Deichverband Bislich Landesgrenze beaufsichtigt insgesamt 45 Kilometer Deichanlagen. Davon sind allerdings erst 50 Prozent saniert. „Es fehlt an Genehmigungen und Planfeststellungsbeschlüssen“, erklärte uns Deichgräf Herbert Scheers. Zwar seien alle restlichen Kilometer als sanierungsbedürftig eingestuft und auch die entsprechenden Beschlüsse für alle Abschnitte beantragt, doch das Genehmigungsverfahren sei sehr kompliziert und langwierig.
„Es gab von der Landesregierung mal einen Plan, dass bis 2015 man fertig sein wollte. Davon sind wir weit entfernt. Wir sind auch 2025 noch nicht fertig“, so die Einschätzung von Scheers. Dabei, so zeigen es die täglichen Bilder aus den Hochwassergebieten, müsse der Hochwasserschutz oberste Priorität genießen. „Hochwasserschutz ist immer eine Investition in die Zukunft.“ Man hoffe, dass die Politik durch die Bilder der letzten Tage dafür endlich sensibilisiert werde. „Wir haben hier zum Teil über 80 Jahre alte Deiche. Die sind zwar nicht marode, sind aber auch nicht auf dem neuesten Stand. Daher brauchen wir uns hier auch nicht in Sicherheit zu wiegen.“

Grunderwerb ist teuer

230 Quadratkilometer Fläche werden von den Deichen geschützt. Doch der Grunderwerb und die Planung werden von Jahr zu Jahr teuer. „Vor ein paar Jahren hätten wir die Deiche noch für 2,5 Millionen pro Abschnitt sanieren können. Heute kostet es fast das Doppelte. Um alles sanieren zu können benötige man circa 90 Millionen Euro. Und nun will die Landesregierung die Zuschüsse auch noch von 80 auf 70 Prozent reduzieren. „Wenn du in einem Jahr einen Antrag stellst, der aber nicht bearbeitet wird, fällt der Zuschuss irgendwann weg. Die Landesregierung hat 40 Millionen zur Verfügung gestellt, im letzten Jahr sind aber noch nicht einmal 30 Millionen abgerufen worden, und das obwohl alle Deichverbände ihre Hausaufgaben gemacht hatten“, so Scheers.
Zurück zur aktuellen Katastrophe. „Wir waren hier am Rhein nicht unmittelbar im Einzugsgebiet. 200 Kilometer weiter hierher, dann wären wir weitaus mehr betroffen, als wir das jetzt sind.“ Mosel, Ruhr und Lippe gaben zurzeit nichts in den Rhein ab. Das Hochwasser entstand ja ausschließlich durch Niederschläge. „Wir schöpfen hier über das Schöpfwerk seit dem 22. Mai Wasser aus dem Hinterland ab, das durch die Niederschläge im Verbandsgebiet kommt.“
Täglich laufen beim Deichverband die aktuellen Pegelstände durch das Wasser- und Schifffahrtsamt und über die Hochwasserzentrale in Mainz ein. Die haben Prognosen für 24 und 48 Stunden. Wird es also am Rhein ernst, bleiben zwei Tage um zu reagieren. „Dafür haben wir einen Deichverteidigungsplan, der unterschiedliche Maßnahmen vorsieht, die der Reihe nach abgearbeitet werden. Diese Maßnahmen werden mit steigendem Pegel immer mehr.“ Ab einem Pegel von 8,50 Meter in Emmerich wird an der Martinikirche das Tor geschlossen, der Aufbau mobiler Element steht dann aber noch nicht an. Bevor der Rhein die Höhe von zehn Metern erreicht, werden allerdings die Stützpfeiler (in der Geschäftsstelle lagern über 200 Säulen und 3.500 Dammbalken) aufgestellt.

Aufbau dauert sechs Stunden

Etwa sechs Stunden dauert es, die komplette Hochwasserschutzwand aufzubauen. Diese ist 600 Meter lang und 1,10 Meter hoch. Das passiert allerdings erst, wenn der Pegel die zehn Meter Marke überschreitet. Das letzte Hochwasser hatten wir zur Jahreswende 1996/97 mit 9,65 Meter. Damals allerdings noch mit dem alten Hochwasserschutz.
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