Abrisspläne lassen Wellen in Schönebeck hochschlagen

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Bald nur noch Geschichte? Wenn die Sparvorgaben des Bistums umgesetzt werden müssen, dann werden Kirchenstandorte aufgegeben. Auch der in Schönebeck? Foto: Debus-Gohl
 
Wolfgang Haberla ist Pfarrer an St. Josef. (Foto: privat)
 
Marc Wittlings ist Mitglied der Schönebecker Gemeinde und möchte mit anderen ehemaligen Pfadfindern für mehr Transparenz im Planungsprozess sorgen. (Foto: privat)

Der Schock sitzt tief. Und so langsam scheint man in Schönebeck zu begreifen, was die Ankündigungen, die den Gemeindemitgliedern von St. Antonius Abbas während der Pfarrversammlung am 9. Oktober vorgestellt wurden, für ihren Stadtteil und das Leben in Schönebeck bedeuten werden.


"Man kann es auf einen ganz einfachen Nenner bringen", erklärt Gemeindemitglied Marc Wittlings, früher selbst aktiv in der Pfadfinderschaft St. Antonius Abbas. "Wir wurden darüber informiert, dass irgendwann das Ende unserer fast 120 Jahre bestehenden Kirchengemeinde bevorsteht. Das bedeutet konkret: Abriss der Gebäude inklusive Kirchenbau und Veräußerung der zum Teil geschenkten und vererbten Grundstücke."

Pastöre werden nicht ersetzt


Die Gründe für die harten Einschnitte sind vielschichtig. In den nächsten Jahren werde sich in der Kirche viel verändern, so die Argumentation. Es gibt weniger Kirchgänger, immer mehr Kirchenaustritte und die Pastöre, die demnächst in Rente gehen, werden nicht ersetzt. Ein Umdenken ist also notwendig. Und auch finanziell wichtig. Denn Kirche muss sparen. Durch Aufgabe von Standorten und die durch den Verkauf von Grundstücken erzielten Erlöse werden Kosten reduziert. Somit kann die Forderung des Bistums nach Einsparungen in Höhe von 50 Prozent erfüllt werden. "Zumindest teilweise", so Wittlings im Gespräch mit dem Borbeck Kurier. Denn genaue Zahlen kenne man bisher nicht. Und es kursieren Gerüchte, dass auch nach derart einschneidenden Maßnahmen eine Lücke von mehreren 10.000 Euro jährlich bestehe. Das Einsparziel werde nicht erreicht.

Ruck geht durch Schönebeck


Nach Vorstellung der Perspektivpläne ist ein Ruck durch Schönebeck gegangen. Man will nicht zuschauen, sondern aktiv mitarbeiten. An vielen Stellen beginnen sich Menschen zusammenzuschließen, um etwas zu tun. So hat sich eine Gruppe von sechs ehemaligen Pfadfindern gefunden. Erklärtes Ziel: Öffentlichkeit zu schaffen. Die ist nämlich notwendig, finden Marc Wittlings und seine Mitstreiter. "Die Ausarbeitung der Maßnahmen läuft schon seit vielen Monaten. Allerdings hinter verschlossenen Türen, wie wir finden."
Dass Veränderungen in den Strukturen notwendig sind, dass sich etwas tun muss, darüber herrscht Einigkeit. "Da verschließen wir in Schönebeck nicht die Augen. Doch mit einem solch harten Bruch der Pfarrei in Frintrop gegen die ihr anvertraute Kirchengemeinde in Schönebeck hat niemand gerechnet." Trotz des laufenden Prozesses.

Kirche ist wichtiger Anlaufpunkt


Auch Klaus Diekmann war bei der Gemeindeversammlung mit dabei. "Als Gemeindemitglied, nicht als Ratspolitiker", betont er. Auch er ist erschrocken über das Ausmaß der Pläne, vermisst neben Transparenz bei der Prozessgestaltung einen Aufschrei der Empörung. "Die Kirche hält Schönebeck zusammen, sie ist wichtiger Anlaufpunkt, nicht nur für Gemeindemitglieder. Ich glaube, das haben viele erst jetzt begriffen."
Auf Seiten des Bistums versteht man die Kritik an der Gestaltung des Pfarreientwicklungsprozesses nicht. Es gehe derzeit um Ideen, um Gedanken zur Gestaltung der kirchlichen Zukunft. "Zielmarke ist 2030", so Pressesprecher Ulrich Lota. Bis dahin soll die lokale Zukunftsvision, die den pastoralen Leitideen und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Erfordernissen der jeweiligen Pfarrei entspreche, Realität sein. "Die Prozesse folgen dem Dreischritt ,sehen – urteilen – handeln'", so Lota. Dabei gehe es derzeit um Klärung von Themen und Zeitplänen oder die Bildung von Arbeitsgruppen. Bis Ende 2017 muss dann ein „Votum“ stehen. Die verschiedenen Informationen und Einschätzungen zur Entwicklung der Pfarrei gilt es darin zu bewerten und daraus ein integriertes pastorales und wirtschaftliches Konzept für die künftige Gestalt der Pfarrei zu entwickeln. Das letzte Wort hat der Bischof. 2017/2018 wird ihm das Votum vorgelegt, dann geht's an die Umsetzung.
Dass ihre Kirche und damit das Gemeindeleben vor Ort im Zuge des Pfarreientwicklungsprozesses möglicherweise ganz von der Bildfläche verschwinden könnte, wollen die Schönebecker nicht hinnehmen. Viele fühlten sich von den vorgestellten Plänen überfahren, bemängelten, dass zu wenig "Konkretes" auf den Tisch gelegt worden sei. Nicht wenige berichteten, von der Einladung zur Mitarbeit in den Arbeitsgruppen nichts gewusst zu haben. Wolfgang Haberla, Pfarrer in St. Josef, kann das nicht ganz nachvollziehen. Pfarreiprozesse würden nicht im Hinterzimmer ausgehandelt. "Vielmehr sollen möglichst viele Menschen an den Überlegungen zur künftigen Gestalt der Kirche in ihrem Ort oder Stadtteil beteiligt werden, so sieht es das Bistum vor." 2014 gab es eine Auftaktveranstaltung, erinnert Haberla an den Beginn des Prozesses. "Dazu waren alle Gemeindemitglieder eingeladen."

Arbeitsgruppen planen Zukunft


Unter der Leitung von Ralf Oyen (Pfarrgemeinderat) wurde das Projekt dann auf die Schiene gebracht. In verschiedenen Arbeitsgruppen wird seitdem die Zukunft geplant. "Dabei ist relativ schnell klar geworden, dass wir das, was wir jetzt haben, nicht werden halten können", so Haberla. Nun müsse geklärt werden: Worauf können wir verzichten? Oder: Welche Orte gibt es in den Gemeinden, an denen sich Menschen versammeln können, um beispielsweise Gottesdienst zu feiern? All das seien Aspekte, die zu Ende gedacht und auch durchgerechnet werden müssten, so Haberla. Die Zeit läuft bis Ende 2017 - dann muss das Votum stehen.
Die Fakten sind nicht wegzudiskutieren. Kampflos aufgeben wollen die Schönebecker ihre Kirche und all das, was damit zusammenhängt, aber nicht. "Es gibt viele kreative Ideen, wie man den ortsbildprägenden Kirchenbau und eine Begegnungsstätte für die Schönebecker Bürger aufrecht erhalten kann und gleichzeitig Geld für den Betrieb dieses Gemeindezentrums erwirtschaften kann", sind sich Marc Wittlings und die anderen Freundeskreismitglieder einig. Die Gemeindemitglieder signalisieren Bereitschaft zu Gesprächen. "Ganz einfach, um die bestmögliche Lösung für die Gemeinde und den Stadtteil zu finden." Den Anfang kann man vielleicht schon im November machen. Dann soll es ein weiteres Arbeitskreistreffen "Zukünftige Nutzung der Gebäude" geben, mit Schönebecker Beteiligung.
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