Essen-Borbeck: Unspektakuläres Ende einer Landgemeinde

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Die alte Borbecker Bürgermeisterei. Sie blieb den Bürgern auch nach der Eingemeindung erhalten. Ebenso wie die Sparkasse, Amtsgericht oder Standesamt. Festgeschrieben wurde das im Eingemeindungsvertrag. Fotos: Kultur-Historischer Verein
 
Bürgermeister Ferdinand Baasel. In seine Amtszeit fiel die Eingemeindung der Landgemeinde Borbeck.
 

Der 1. April 2015 war ein historisches Datum. Zumindest für Borbeck. Denn 100 Jahre war es dann auf den Tag her, dass aus der ehemals selbstständigen Landgemeinde Borbeck durch Eingemeindung Essen-Borbeck wurde.

Am 1. April 1915 trat die Eingemeindung offiziell in Kraft, die formelle Unterschrift unter die Dokumente war damals schon lange getrocknet. „Im März 1914 ist die Unterzeichnung erfolgt“, weiß Franz Josef Gründges vom Borbecker Bürger- und Verkehrsverein. Mit der Unterschrift unter die Eingemeindungsverträge ging eine lange Zeit der Verhandlungen und Gespräche zu Ende.
„Die Amtszeit des neuen und letzten (Borbecker) Bürgermeisters (Ferdinand) Baasel war von der Eingemeindungsfrage geprägt. Die Verhandlungen zogen sich über sieben Jahre hin“, schreibt Historiker Lutz Niethammer in „Umständliche Erläuterung der seelischen Störung eines Communalbaumeisters in Preußens großem Industriedorf oder Die Unfähigkeit zur Stadtentwicklung“.

Das Interesse der Stadt Essen an einer Eingemeindung der ehemals größten preußischen Landgemeinde war groß. „Nicht weil Borbeck so gut aufgestellt war“, weiß Gründges. Ganz im Gegenteil. „Die finanzielle Situation Borbecks war ausgesprochen schlecht. Es fehlten sowohl ein breiter Mittelstand als auch das gehobene Bürgertum. Das Steueraufkommen war daher sehr gering“, ist bei Klaus Wisotzky in „Wie Essen größer wurde - Die Eingemeindung der Stadt Essen im Kaiserreich“ nachzulesen. Laut Wisotzky war Borbeck zum damaligen Zeitpunkt nicht in der Lage, ausreichend Einnahmen für die erforderlichen Investitionen zu generieren.
Jede Menge Menschen - Altendorf und Borbeck hatten 1910 genauso viele Einwohner wie der ganze Rest Essens - und wenig Steuereinnahmen. Das machte nicht unbedingt das Interesse der Stadt an einer Eingemeindung der Landgemeinde Borbeck aus.
„Grund war vielmehr der Kanal“, weiß Gründges. 1904 waren die Planungen zum Bau vom Rhein Richtung Osten in trockenen Tüchern. Mit Fertigstellung der geplanten Wasserstraße rechnete man im Jahr 1914. „Der Zugang zum Wasser war wichtig für die Stadt, um sich als günstiger Vekehrsstandort in der Konkurrenz der anderen Revierstädte positionieren zu können“, so Gründges weiter. Und Krupp machte Druck. Durch den Neubau eines Stahlwerks in Duisburg sei die Nachbarstadt für Krupp eine Alternative zum Heimatort geworden, ist bei Wisotzky nachzulesen.

Ein eigener Hafen in Essen wäre ein echtes Pfund für die Stadt. Für den Bau eines solchen war die Bürgermeisterei Borbeck ideal.
„Die Stadt Essen diskutierte zwei Möglichkeiten“, weiß Gründges aus den Unterlagen der damaligen Zeit: die Eingemeindung des zukünftigen Hafengeländes oder die Gesamteingemeindung. Für die Stadt wäre eine Teillösung die einfachere gewesen. Obwohl dann hohe Abfindungszahlungen an die Landgemeinde fällig geworden wären. Essens Oberbürgermeister Wilhelm Holle sprach sich bei einem Treffen der Verhandlungskommissionen am 23. Juli 1907 dafür aus „...dieser Lösung den Vorzug zu geben.“ Die Vereinigung eines Teils von Borbeck wäre auch in ihrer finanziellen Tragweite besser abschätzbar. „Denn die Erbauung eines Hafens nebst Zubehör wäre auf eineinhalb Jahrzehnte nicht nur unrentabel, sondern für die Gemeinde eine sehr erhebliche finanzielle Belastung.
„Borbecks Bürgermeister Baasel war strikt gegen eine Teileingemeindung“, weiß Gründges aus den Unterlagen. Seine Befürchtung: Die Landgemeinde Borbeck würde damit sowohl ihre Zukunft als auch die industrielle Entwicklung aus der Hand geben.
Eine Einigung gab´s 1907 nicht. Erst im Februar 1911 wurden die Verhandlungen offiziell wieder aufgenommen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich einiges geändert. Denn neben Borbeck wollte Essen nun auch Altenessen und Bredeney eingemeinden. Drei auf einen Streich. „Das war wichtig, schließlich wollte Essen im Konzert der Großen mitspielen, so wie Düsseldorf etwa.“

Die Idee der dreifachen Eingemeindung sprach für sich. „Die reiche Bürgermeisterei Bredeney (...) brachte einen Ausgleich zu den finanziellen Aufwendungen, die bei der Eingemeindung Borbecks erforderlich waren“, schreibt Wisotzky. Und auch politisch bliebe alles beim Alten. Denn Bredeney und Altenessen - dort hatten die Nationalliberalen die Mehrheit - würden den politischen Zuwachs der Zentrums-Partei, bedingt durch die Borbecker, ausgleichen, „so dass die Machverhältnisse in der Stadtverordnetenversammlung stabil bleiben.“ Die Verhandlungen führten 1914 zu einem Eingemeindungsvertrag. „Darin verpflichtete sich die Stadt Essen zu Infrastrukturleistungen, vor allem im Borbecker Straßenbau“, weiß Gründges. Und auch die Übernahme von Bürgermeister Baasel als Beigeordneter der Stadt Essen war darin festgeschrieben. Auf der umfangreichen Borbecker Wunschliste stand zudem der Bau einer Badeanstalt, ein eigenes Schlachthaus, ein großer Volkspark sowie eine höhere Mädchenschule und ein Gemeindeasyl. Vieles blieb über Jahre ein Wunsch.
„Eigentlich ging die Eingemeindung relativ geräuschlos über die Bühne. Es finden sich kaum Zeitungsberichte oder Plakate, die Rückschlüsse auf eine kontroverse Diskussion des Themas zuließen“, so Gründges. Das war in Frintrop anders. „Die Ortschaft war heiß umworben. 1905 gab es einen Vorstoß der Stadt Oberhausen. Grund war das Stahlwerk Neu-Oberhausen, ein Teil desselben befand sich auf Frintroper Gebiet.“ Borbecker und Frintroper wehrten sich vehement gegen eine mögliche Eingemeindung nach Oberhausen. Im Dezember 1911 sprachen sich die Gemeinderäte klar gegen eine solche Möglichkeit aus: mit 49 zu neun Stimmen.
Dennoch wurde weiter geworben. Es gab Bürgerversammlungen hüben wie drüben. Vom 27. Februar bis zum 1. März 1912 - so hatte es der Regierungspräsident angeordnet - sollte eine Volksabstimmung Klarheit verschaffen. Sofort begann auf beiden Seiten der Wahlkampf. „Es gibt zahlreiche Flugblätter aus der Zeit, die die Argumente der beiden Seiten deutlich machen“, verweist Gründges auf Dokumente im Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv. „Die Oberhausener wussten, dass die Verhältnisse in Essen besser waren, sie damit nicht konkurrieren konnten. Deshalb machen sie Versprechungen“, weiß der Borbecker Hobbyhistoriker. Eines davon hat bis heute Aktualität.

„Die Oberhausener stellten in Aussicht, die Straßenbahn bis zum Mittelpunkt Frintrops durchzuführen. Ein Vorhaben, das mit dem Scheitern der Pläne zur Verlängerung der 105 noch immer nicht realisiert werden konnte“, schmunzelt Gründges. Zudem wollte man den Tram-Tarif auf 10 Pfennig festsetzen und einen Volkspark schaffen. „Denn den gab es in der Landgemeinde Borbeck bis dahin nicht.“ Das Votum war klar. Mit 1.656 Stimmen zu 890 entschieden sich die stimmberechtigten Bürger für Essen. Doch Ruhe gab´s noch immer nicht. Jetzt ging es nicht mehr um die Eingemeindung von ganz Frintrop. „Nun wollte Oberhausen nur noch den Teil, auf dem das Werk der Gute-Hoffnungs-Hütte (GHH) lag.“ Ein Ende fanden die Diskussionen erst mit den Unterschriften unter dem Eingemeindungsvertrag Borbecks mit der Stadt Essen. Die endgültige Einigung wurde in der Presse euphorisch gefeiert. Essens Oberbürgermeister Wilhelm Holle wurde hochgejubelt „Es wird dein größtes und schönstes Werk bleiben und deinen Namen für alle Zeit mit der Großstadt Essen verbinden, schrieb der Bochumer Landrat Karl Gerstein.

Von Christa Herlinger
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