Hoffnung für die Zinkstraße: Wohnen am Wasser statt Schrottimmobilie

Anzeige
Kampf dem Kühlschrank! Ulrich Schulte-Wieschen (li.), Fraktionsvorsitzender SPD in der BV IV, und SPD-Ratsherr Dr. Michael Steltzer (re.) wollen die weitere Ausbreitung der Zinkstraßen-Vermüllung verhindern. Fotos: Müller
 
Sperrmüll, Holzhütten und Chill-Ecken: Dunstkreis der Schrottimobilien ist auch das angrenzende Gelände der Stadt Essen.
 
Dr. Michael Steltzer sieht sich die Müllberge genauer an.

Erwischt! Blitzschnell huschen die beiden Ratten aus einem der zwei offenen Müllcontainer und flüchten eilig ins nächste Gebüsch. Seit Jahren als Schandfleck Bergeborbecks bekannt sind die Schrottimmobilien an der Zinkstraße: Anwohner und Politik klagen über Dreck, Müll und Leerstände, sogar ein Lynchversuch machte schon Schlagzeilen. Die große Chance auf Besserung bietet das Mammutprojekt Emschersanierung, das kommenden Dienstag, 10. Mai, Thema der Bezirksvertretung IV ist.

Eigentlich ist die Altenbergsiedlung in Bergeborbeck eine richtig schmucke Wohngegend: Nachdem ein über 100 Jahre alter Zinkhüttenbetrieb von der Stadt Essen verlagert wurde, entstanden dort Ein- und Mehrfamilienhäuser, auch Seniorenwohnungen der AWO liegen direkt an der Germaniastraße. Einziges Problem bleibt die Nachbarschaft: Die Häuser Zinkstraße 10 bis 20 gehen locker als Schrottimmobilien durch, seit Jahren verspricht die Stadt den Abriss des verkommenen Gebäudekomplexes. Erneut Hoffnung auf Besserung macht eine Vorlage der Fraktionen SPD, Bündnis 90/Die Grünen sowie von Einzelvertreterin Barbara Rienas in der Bezirksvertretung IV. Die Renaturierung der Emscher und ihrer Zuflüsse – also auch des Borbecker Mühlenbachs – soll Gelegenheit werden, ein städtebauliches Erneuerungsprogram mit dem Ziel hochwertiger Wohnbebauung zu starten.

Lynchversuche und Musik

„Hier ist ständig etwas“, berichtet eine verärgerte Anwohnerin. Seit mittlerweile neun Jahren lebt sie gegenüber der Zinkstraße 10 bis 20, hat schon jede Menge ertragen und erdulden müssen. So eskalierte vor einiger Zeit ein Unfall, Mieter der Schrottimmobilien attackierten den Fahrer: „Die wollten ihn lynchen!“, erinnert sich die Frau. Gerade zwischen den Bewohnern ist Streit an der Tagesordnung, nicht selten sogar mit gegenseitiger Gewaltanwendung. Aber auch das alltägliche Miteinander zehrt an den Nerven: „Die sitzen vor den Häusern und hören bis in die Nacht hinein laute Musik.“ Das Klientel wechselt regelmäßig, ganze Gruppen hausen ab und an in den kleinen Wohnungen: „Mir graut‘s vor dem Sommer!“
Stets ein Thema sind Sauberkeit und Zustand von Häusern und Umfeld. Mannshohe Haufen von Sperrmüll türmen sich an der Straße, hinter den Gebäuden und auf benachbarten Wegen – von Kinderwagen über Elektrogeräte bis hin zu ganzen Garnituren lässt sich hier alles finden. An den Fassaden schlängeln sich meterlange Kabel entlang, offene Drähte hängen aus demolierten Klingeln. Während die Wohnungen einer Vielzahl einzelner Vermieter gehören, ist die Stadt Essen nach Informationen der SPD-Lokalpolitiker Ulrich Schulte-Wieschen und Dr. Michael Steltzer zumindest Eigentümer des angrenzenden Grundstücks. Selbst hier sind zum Seele baumeln lassen an lauen Abenden eine siffige Couch und ein einfacher Wohnzimmertisch auf dem Grün platziert, verschiedene Holzhütten verbergen die unterschiedlichsten Habseligkeiten. Genauso verdächtig die hinter Plastikplanen versteckten, gut gepflegten und hochwertigen Pkw.
„Es ist keine günstige Wohnsituation“, bestätigt Michael Sackermann, Pressereferent Sahle Wohnen. Die Unternehmensgruppe ist unter anderem Eigentümer der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Zinkstraße, hatte die Stadt Essen schon vor langer Zeit auf die Problematik hingewiesen. Vor Redaktionsschluss konnte der Borbeck Kurier leider keine Stellungnahme der Stadt zur derzeitigen Situation bekommen.

Wohnen am Wasser

Dem Elend endlich ein Ende bereiten soll die Verquickung von Emscher-Renaturierung und städtebaulicher Maßnahme: „Jetzt haben wir die Gelegenheit“, erklärt Ulrich Schulte-Wieschen, Fraktionsvorsitzender SPD in der BV IV. „Mit viel Geld wird die Renaturierung gemacht, das kann man nutzen!“ Frühzeitig wollen die Fraktionen deshalb ein Erneuerungsprogramm auf den Weg bringen: Die Stadt Essen würde die Immobilien an der Zinkstraße aufkaufen und nach deren Abriss als harmonische Fortsetzung der Altenbergsiedlung unter dem Titel „Wohnen am Wasser“ eine attraktive Wohnbebauung beginnen.
Die kommunalen Mittel sind Pflicht: „Wir müssen ein Angebot für Investoren schaffen und das geht nicht, wenn das Umfeld nicht stimmt“, weiß Schulte-Wieschen. War die Nähe zur Köttelbecke bisher strukturelles Defizit, könnte das Idyll am Borbecker Mühlenbach starker Standortfaktor werden: „Man wird es nachher nicht mehr wiedererkennen“, freut sich SPD -Ratsherr Dr. Michael Steltzer. „Sogar Fischies kommen wieder!“
Ebenfalls in Angriff genommen werden soll in einem zweiten Schritt das Gewerbegebiet Catho-, Carolus Magnus- und Flözstraße: Wegen des wilden Autohandels nicht weniger verrufen als die Zinkstraße, grenzt auch dieses, nur ein wenig nördlich gelegene Areal an den Borbecker Mühlenbach. Hier ist das realistische Ziel keine Wohnbebauung, sondern eine Neuordnung, die weitere Ansiedlung von Billiggewerbe zukünftig unterbindet. Vor der tatsächlichen Umsetzung beider Maßnahmen werden zwar noch Jahre ins Land gehen, trotzdem ist es in den Augen von Fraktionschef Schulte-Wieschen entscheidend, rechtzeitig zu handeln: „Die Planung kann nicht erst anfangen, wenn der Bach fertig ist!“

In der BV IV

Diskutiert wird die Aufwertung des Umfelds an der Zinkstraße im Rahmen des Emscherumbaus am kommenden Dienstag, 10. Mai, in der 15. Sitzung der Bezirksvertretung IV. Zusätzlich sind auf der Tagesordnung des Gremiums eine Vorstellung des Projekts Grüne Hauptstadt Europas, eine Pkw-Parkplatz-Ausschilderung an der Rauchstraße sowie gleich zwei Namensänderungen: Aus der Grundschule Bedingrade/Schönebeck soll die Franziskusschule werden, während die Eichendorffschule sich bald mit Eichendorffschule Schönebeck schmückt. Los geht's um 17 Uhr.

Köttelbecke

Die Renaturierung der Emscher und ihrer zahlreichen Zuflüsse ist ein ruhrgebietsweites Großprojekt der Emschergenossenschaft, das seinen Startschuss bereits im Jahr 1992 hatte. Noch bis 2020 sollen die 85 Kilometer Hauptläufe und die über 240 Kilometer Nebenflüsse auf Vordermann gebracht werden, an ihre Stelle rückt der parallel verlaufende, unterirdische Abwasserkanal Emscher. Teilstück der insgesamt 4,5 Milliarden Euro teuren Maßnahme ist auch der Unterlauf des Borbecker Mühlenbachs.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.