Probleme benennen: jedes dritte Kind ist arm!

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Einrichtungsleiter Andreas Weischede, Contilia-Geschäftsführer Heinz Diste mit Dr. Björn Enno Hermans und Wolfgang Glade (Aufsichtsratsvorsitzender). Foto: Brändlein

Mit dem Thema "Soziale Herausforderung in der Großstadt Essen" wird der promovierte Diplom-Psychologe Dr. Björn Enno Hermans täglich in seinem Arbeitsalltag konfrontiert. Als Direktor des Caritasverbandes der Stadt Essen und Geschäftsführer des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Essen begleitet er viele Projekte für alte, kranke und notleidende Menschen. Er weiß, wovon er spricht. Beim zweiten "Leuchtturmgespräch" am Kamin im Seniorenstift Martin Luther an der Schilfstraße nahm er die geladenen Gäste mit auf eine spannende Vortragsreise.

Die Bereiche Armut und Teilhabe, Segregation und Integration bezogen auf die Stadt Essen waren Hauptpunkte seines offenen und informativen Referats.
Laut einer Studie ist in Essen fast jedes dritte Kind von Kinderarmut betroffen. Das bedeutet, kein Geld für neue Kleidung oder Spielsachen, Klassenfahrten oder Familienurlaub. Bei einer Multifamilienfreizeit des SkF mit 150 Teilnehmern waren viele Kinder mit dabei, die Essen noch nie vorher verlassen hatten. Einer lebendigen Kuh auf der Weide zu begegnen, auch das war für viele eine ganz neue Erfahrung. „Es fällt einem wirklich schwer, sich vorzustellen, dass das für viele Kinder Realität ist“, betont Hermans, der die Freizeit begleitet hat.
Dass die Gruppe der Menschen, die ganz am Rande der Gesellschaft stehen, also Obdachlose und Menschen die in die Trinkerszene abgerutscht sind, aus einer Großstadt verschwinden, ist unrealistisch. Also stellt sich die Frage, wie gehen wir mit Menschen, die schon durch das Raster gefallen sind, um? Es gilt, Angebote zu schaffen, die ihnen ein halbwegs geregeltes Leben ermöglichen. Denn auch und gerade diese Menschen haben Sehnsucht nach Gemeinschaft, Verbindungen und Geborgenheit.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert aber auch die sogenannte "Stille Armut". „Da gibt es alte Menschen, die sich am Ende des Monats mit Toastbrot über die Runden retten, weil das Geld für Essen fehlt“, berichtet Hermans. Aus Scham wird das von den Betroffenen nicht nach außen getragen. Sein Vorschlag: Im Armutsbericht der Bundesregierung sollte der Fokus nicht nur auf der Kinderarmut liegen. "Das Augenmerk ist auch auf die steigende Altersarmut zu richten."

Gemeinsame Exkursionen

Die Segregation, also die räumliche Trennung der Wohngebiete von sozialen Gruppen, ist in Essen sehr ausgeprägt. 90 Prozent der Neubürger sind in nördlichen Stadtbezirken untergebracht, zehn Prozent in den südlichen. Der wichtigste Einflussfaktor dabei sei der Mietpreis. Hermans plädiert für Milieubegegnungen. Genau die hat ein Gemeinschaftsprojekt des Skf mit dem Theater und der Philharmonie Essen zum Ziel. Schulklassen aus dem Süden und dem Norden Essens unternehmen gemeinsam Exkursionen durch die jeweiligen Stadtteile, tauschen sich aus und verarbeiten ihre Eindrücke dann in einem Theaterstück, das sie selbst schreiben.
Ein weiterer Punkt auf der To-Do-Liste: die Integration. „Das Thema wird uns mindestens die nächsten zwei Jahrzehnte noch begleiten“, ist Hermans sicher. „Es hilft nicht, ewig darüber zu diskutieren, was 2015 richtig oder falsch gemacht wurde, sondern es geht um die Zukunftsgestaltung.“ Und dazu sei es nötig, die Probleme zu benennen und einen Umgang damit zu finden. Als Stichwort sei "Fördern und Fordern" genannt. Anreize zu geben und Grenzen zu setzen ist gleichermaßen wichtig.
Bei dem anschließenden offenen Diskurs wurden die Sorgen, Befürchtungen und Ängste des Publikums deutlich. Manche davon sind durchaus berechtigt, „doch eine Negativstimmung ist nicht hilfreich, sondern trägt eher dazu bei, dass auch die vielen ehrenamtlichen Helfer demotiviert werden.“

Projekt "Leuchtturm"

  • In diesem Jahr startete im Dellwiger Seniorenstift Martin Luther das neue Projekt "Leuchtturm". Mit dem Ziel, auch nach außen im Gespräch zu bleiben und einen Gedankenaustausch mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die in den Stadtteilen Dellwig-Frintrop-Gerschede tätig sind, anzustoßen.
  • Den Anfang machte im Mai der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering. Er sprach an der Schilfstraße über die demografische Entwicklung in Deutschland.
  • Im nächsten Jahr setzen die Verantwortlichen des Martin-Luther-Stiftes das Projekt fort. Im März wird Oberbürgermeister Thomas Kufen als Gastreferent in der Schilfstraße sein.


Text: Doris Brändlein
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