Kolumne „Blick ins Leben“ von Heidi Prochaska

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Eigentlich läuft es gut. Ich könnte zufrieden im Sessel sitzen und vor mich hin pfeifen. Eigentlich!
Klammheimlich schiebt sich dieses ‚eigentlich‘ zwischen meine klaren, präzisen Worte und verwässert die Aussage. Warum bin ich 'eigentlich' nicht 100 Prozent, also rundherum zufrieden?

Haben Sie es gemerkt? Schon wieder taucht es aus der Versenkung auf und flutscht, wie mit Schmierseife benetzt, in mein Satzgefüge. Vielleicht darf ich gar nicht richtig zufrieden sein bei so viel Unheil in dieser Welt. Wie kann ich entspannt leben, wenn es anderen Menschen schlecht geht? Nehme ich mich deshalb sprachlich zurück, weil ich mich gar nicht traue frei und mit erhobenem Kopf meine Lebensqualität zu genießen?

Vielleicht. Denn lieber richten wir unser Augenmerk auf Dinge, die schwer sind und uns deprimieren, wie zum Beispiel: „Ja, ja, ich kann nicht klagen, aber der Rücken tut schon höllisch weh.“ Oder: „Mein Mann verdient nicht schlecht, aber eine Putzfrau können wir uns trotzdem nicht leisten.“
‚Aber‘ ist das zweite Unwort in unserer Sprache. Ich sage etwas und kehre die Bemerkung ins Gegenteil um, indem ich mit dem Wort ‚aber‘ die Satzteile verbinde. Wenn ich allerdings mit dem negativen Aspekt beginne und danach ‚aber‘ benutze, bleibt die positive Aussage in meinem Gedächtnis haften. Ein Beispiel gefällig? „Einen Gärtner können wir uns nicht leisten, aber mein Mann verdient echt gut.“ Noch einfacher ist es den negativen Aspekt einfach wegzulassen.
Sprache ist also mindestens so raffiniert wie die Menschen, die damit gekonnt umgehen können.

Doch die erste Frage ist immer noch offen. Darf es uns in schwierigen Zeiten gut gehen? Meine Antwort lautet: "Wer soll die Launen dieser Welt ertragen, wenn es nicht genügend Menschen gibt, die mit gelassener Zufriedenheit und eigenem Wohlstand für eine gesunde Balance sorgen."

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