Kolumne „Blick ins Leben“ von Heidi Prochaska

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Wünsche, die nicht meine sind

„Fröhliche Weihnachten!“ wünscht mir Sabine, meine Friseurin und geleitet mich zur Tür. Zufrieden mit sich und ihrem Arbeitsergebnis fügt sie gutgemeint hinzu: „Und denken Sie dran Frau Prochaska, arbeiten sie nicht so viel!“ Ich bleibe abrupt stehen. Wie? Ich soll nicht viel arbeiten? Meine Gedanken formen meine entgleisenden Gesichtszüge und die dazu passenden Töne: „Doch, doch“, entgegne ich ein bisschen zu hastig und gleichsam verwundert, „ich werde arbeiten – gerne sogar.“ Meine Stimme ist laut – zu laut – und ich versuche mit einem Lächeln die Irritation bei meinem Gegenüber aufzulösen. Gedankenversunken gehe ich nach Hause.

Ist wenig Arbeit heutzutage tatsächlich wünschenswert? Ich erinnere mich an ähnliche Fragen wie: „Was machen sie heute noch ‚Schönes‘?“ Immer wenn ich ‚arbeiten‘ erwidere, wiederholen die Menschen die Frage, so als hätte ich sie nicht richtig verstanden? „Nein, ich meine etwas ‚Schönes‘“, entgegnete mir letztens ein junger Mann nachdrücklich und zieht das Wort S-c-h-ö-n-e-s lang wie ein Gummiband. Er tat beinahe so, als wäre ich schwerhörig – was ich auch manchmal bin. Aber in diesem Fall hatte ich die Frage exakt verstanden. Nur wollte er meine Antwort nicht hören.

Ich telefoniere aus dem Auto mit einer 26-jährigen Frau. Sie hört die Fahrgeräusche im Hintergrund und kommt mit ihren Themen schnell auf den Punkt. Vorbildlich. Wir verabschieden uns und kurz bevor ich auflege erwischt mich ihr letzter Satz: „Fahr vorsichtig!“ Für einen kurzen Moment bin ich sprachlos. Was soll das? Vom Alter könnte ich locker ihre Mutter sein, die dann solche Sätze ihrer Tochter sagt. Ganz zu schweigen von meiner jahrzehntelangen Fahrpraxis und einigen professionellen Fahrsicherheitstrainings für Personenschützer.

Vielleicht bin ich in der Weihnachtszeit besonders hellhörig, was die locker ausgesprochenen Wünsche an mich betrifft. Oder ich nehme die Menschen zu wörtlich. Es gibt noch eine dritte Variante. Sind es wirklich Wünsche an mich? Oder sind es nicht viel mehr Ratschläge, die an sich selber gerichtet sind? Vielleicht ist die Friseurin überlastet, sucht der junge Mann nach etwas Schönem und meine junge Telefonpartnerin sollte beim Autofahren aufmerksamer sein.

Betrachte ich die Dinge aus dieser Perspektive, bin ich wieder entspannt und spiele gerne ab und zu das Spiegelbild für Menschen, die ihre eigenen Wünsche oder Zielvorstellungen auf mich projizieren.
Fröhliche Weihnachten!
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