Kolumne „Blick ins Leben“ von Heidi Prochaska

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Ein perfekter Tag


Ich sitze hinter dem Lenkrad und sinniere so vor mich hin. Ein paar neue Aufträge wären nicht schlecht. Doch die Vorfreude auf drei freie Tage in geschätzter Gesellschaft überwiegt. Ich gleite dahin, der Motor schnurrt, die Sicht ist frei bis zum Horizont – auf einer deutschen Autobahn – wer hätte das gedacht.

Bei meinem guten, alten Freund in entspannter Atmosphäre auszuruhen und meinen Kopf freizubekommen ist genau das, was ich mir wünsche und brauche. Habe ich gerade ‚alter‘ Freund geschrieben? Falls er den Text irgendwann mal liest, muss ich mich der Höflichkeit halber korrigieren. ‚Alt‘ bezieht sich auf langjährig und ‚gut‘ ist für einen Mann über fünfzig die Kurzversion für ‚erfahren, inspirierend und individuell‘. Was sonst!

Statt zu faulenzen begleite ich ihn zu einem Termin. Plötzlich unterbricht er das Gespräch, kommt zu mir und sagt: „Könntest du jetzt zu meinem Haus fahren? Ich bekomme ein schweres Paket geliefert. Es muss jemand da sein.“ Ich frage nicht weiter nach, sondern tue einfach was er sagt. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ich immer aufspringe, wenn mir Menschen etwas sagen. Nein, das mache ich nicht. Aber manchmal spüre ich, dass es richtig ist.

Ich komme von links, der Paketdienst von rechts. Mit gleicher Geschwindigkeit bewegen wir uns Schritt für Schritt auf einander zu. Punktlandung vor dem Haus Nummer siebzehn. Ich unterschreibe und erst dann wird das große Paket in die Garage abgeladen. Ein verdammt gutes Timing. Ich fahre zurück.

Eigentlich sollte ich mich beeilen. Ganz in Gedanken oder besser gesagt, ganz ohne Gedanken lasse ich die Hauptstraße links liegen und nehme die Umgehungsstraße. Zwei rote Ampeln kosten Zeit, genauso wie der Halt vor dem Briefkasten. Wenn mein siebter Sinn genauso gut funktioniert wie seiner, müsste er jetzt aus der Tür kommen. Niemand zu sehen.

Ich schaue kurz auf mein Handy, hebe den Kopf und blicke in seine blauen Augen. Er grinst dieses verschmitzte Lächeln, das er immer hat, wenn Dinge perfekt funktionieren.

Ich sitze vor meinem Laptop und frage mich was ich tun kann, um noch mehr perfekte Momente zu erleben. Diese eine Sekunde, in der alles passt scheint Glückshormone frei zu setzen. Kann ich das steuern oder muss ich mich davon überraschen lassen? Ich habe keine Ahnung. Ich lehne mich zurück und schaue durch das Panoramafenster in den Garten. Einzelne Blätter bewegen sich im Wind. Sonst ist es ruhig. Ich spüre meinen eigenen Atem. Zeit vergeht. Behutsam bewegen sich meine sonst flinken Finger auf der Tastatur. Ein Klick und mein E-Mail-Fach ist offen. Ich kann kaum glauben, was ich dort lese. Fünf Auftragsbestätigungen und eine Essenseinladung.

Ein wahrlich perfekter Tag.
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