Märchenstunde in der Märchenstraße in Essen-Kettwig

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    Vor vielen Jahren gründete der Goldschmied Axel Kudoweh mit einigen anderen Privat- und Geschäftsleuten in der romantischen Altstadt von Essen-Kettwig die „Märchenstrasse“ zur Adventszeit.
Bereits im November, rechtzeitig zur Adventszeit, schmücken die Anlieger der Ruhrstrasse ihre beschaulichen Fachwerkhäuser mit Märchenfiguren, die alle von Hand liebevoll angefertigt sind. So bieten sich dem Betrachter beim Spaziergang durch die schmale, mittelalterlich anmutende Gasse, plötzlich der gestiefelte Kater, Rotkäppchen, Rapunzel, Hänsel und Gretel, Sterntaler und viele andere vertraute Gestalten aus Grimms Märchen in Lebensgröße dar und erwecken Lust auf Geschichten.

Die dazu gehörigen Geschichten können sie denn auch in den jeweiligen Häusern an den Samstagen in der Adventszeit hören. Märchenerzähler eilen nach Kettwig in die Ruhrstraße und bringen den kleinen und großen Kindern Geschichten dar aus alten, längst vergessenen Zeiten.

Das 13. Adventskalendertürchen wurde heute pünktlich um 16.00 Uhr geöffnet im Geschäft des Goldschmieds Axel Kudoweh.

Die Ehre, ein Märchen dort vorzulesen, hatte ich. Es sollte das Märchen vom Sterntaler sein, und zwar die eher unbekannte längere Fassung, in der die Not der Weber im frühen 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle spielt. Da Kettwig in früheren Zeiten eine alte Weberstadt war, paßte die Geschichte gut in diesen Rahmen.

Es war nicht leicht, dieses Märchen zu finden. Mir war es bekannt aus einem der vielen Märchenfilme, die vor Weihnachten im TV gezeigt werden. Aber woher den Text bekommen ? Verzweifelt recherchierte ich in Büchern und im Internet – aber vergebens. Ich fand keinen Text. So wandte ich mich in meinem Schreibforum hilfesuchend an meine Mitautoren – und ich wurde tatsächlich fündig. Ein lieber Mensch hatte Zugang zu dem Text und sandte ihn mir zu.

Mit Hilfe des Films und des Textes bastelte ich nun in meiner kleinen Märchenwerkstatt an dem Text und fand daran ein großes Gefallen. Ein wunderbares mutiges liebes zehnjähriges Mädchen mit einem Blick für das Wesentliche nahm den Weg zum nimmersatten König auf sich, um seine Eltern und alle Weber seines Dorfes und der Umgebung mit zwei Silbermünzen freizukaufen.

Auf dem beschwerlichen Weg zum Prunkschloss befreite es einen kleinen Hund, Herrn Flix, mit dem es sich wunderbar unterhalten konnte. Denn ein gutes Mädchen versteht auch die Sprache der Tiere. Gemeinsam meisterten beide nicht nur den Weg zum König, sondern brachten auch noch auf dem Weg dorthin den bösen Grobian dazu, wieder gut zu werden. Er brachte den Menschen im Tal den Bach zurück, den er boshafterweise umgeleitet hatte zu seinem Hof hin, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte ob seiner Grobheit. Das kleine Mädchen schaffte es, das die Menschen im Tal wieder vom Bach leben konnten und das die Frau des Grobian zurück kehrte zu ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn, der ohne seine Mutter das Lachen verlernt hatte.

Nachdem sie sich mutig beim König für die Freilassung ihrer Eltern und der anderen Weber eingesetzt hatte, während dieser an einem Tisch, der sich unter den Speisen bog, so viel fraß, das er fast platzte, wurde sie in einer verzweifelten Nacht im Wald, nachdem sie eine Aufgabe des Königs nicht lösen konnte, himmlich belohnt. Die tausenden von herabfallenden Goldtaler befähigten sie, ihre Eltern und die Weber freizukaufen. Der König aber, der in der Nacht auf den gleichen Goldregen im Wald, nur mit einem Hemd bekleidet, wartete, wurde von seiner eigenen Wache festgenommen, weil sie ihm nicht glaubten, das er der König war. Sie brachten ihn in ein Bergwerk, wo er heute noch schwere Arbeit leistet, während das kleine mutige Mädchen mit seinen Eltern und den Webern glücklich bis heute ein ehrenwertes Leben lebt im kleinen Dorf im Riesengebirge.

Die Lesung war für mich schon im Vorfeld absolut aufregend. Ich wußte, das an die dreißig Kinder kommen würden mit ihren Eltern. Ich wußte, das ich nur eine halbe Stunde Zeit hatte, in dem Goldschmiedeladen das alles vozutragen. Aber ich wußte auch, das es wichtig ist, das die Kinder sich bei der Erzählung nicht langweilen.

Mit Hochkonzentration auf freie Erzählung mit wichtigen Ausschmückungen – und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen – machte ich mich auf den Weg nach Kettwig zu den kleinen und großen Zuhörern.

Ein höchst sympathischer Raum mit wunderschönen Schmuckstücken, altem Mobiliar aus der Gründerzeit, einer kleinen offenen Werkstatt im Hintergrund mit filigranem Werkzeug und dicken Hämmern und unendlich vielen Gegenständen, die ich im Leben noch nie sah, öffnete mir die Tür.
So arbeitet also ein Goldschmied ! Das alleine mal zu sehen, war schon eine Reise wert !
Der große Tisch, der sonst in der Mitte steht, um die Kundschaft in Ruhe zu beraten, war zur Seite gerückt und Stühle und Hocker standen im Kreis um den großen Teppich herum. Die Kinder sollten auf dem Boden sitzen und die Erwachsenen drumherum – sitzen oder stehen. „Mal sehen, wie viele kommen“, meinte der Goldschmied gelassen.

Und dann kamen sie alle kurz vor vier. An die vierzig Leute fanden ihren Platz in dem kleinen Raum, saßen auf Hockern, die Kinder saßen auf dem Boden oder auf dem Schoß der Eltern und wer keinen Sitzplatz fand, stand bis in die offene Ladentür.

„Habe keine Angst“, sagte ich mir - „konzentriere Dich!“ Ich wußte, das die größten Kritiker einer Märchentante die Kinder sein können und mir war klar, das ich anschaulich und langsam meine Geschichte zu Gehör bringen mußte, damit auch jedes Kind etwas davon versteht und seine Freude daran hat.

Langsam fing ich an zu erzählen und sah in die großen leuchtenden Augen, die vom Boden heruaf zu mir schauten. Und dann ging alles wie von alleine. Ich stand selber neben mir, hörte mir zu und meine Fantasie führte mich in das kleine Dorf Finkenweiler im Riesengebirge, wo Nina, das kleine mutige Mädchen vom Himmel belohnt wurde für ihre guten Taten.

Als deutlich war, das alle bis heute leben, wenn sie nicht gestorben sind, fragte mich der Goldschmied, ob ich noch eine Zugabe habe ? Ja, die hatte ich ! Ich erzählte die Geschichte vom Liedchen „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, die ich kürzlich in Düsseldorf erlebt hatte. Eine wundersame Geschichte, die damit begann, das an einem Glühweinstand ich die Musik vermißte und meine Begleiter mir das Liedchen darboten, was sich fortsetzte bis zum nächsten Glühweinstand bis hin zur Düsseldorfer Altstadt, wo plötzlich alle dieses Lied sangen. Und ich erzählte, das dieses Lied sich fortgetragen hatte bis Essen Hauptbahnhof, um letzlich in Kettwig auf dem Weihnachtsmarkt zu landen und von dort sei es nun gewandert bis, ja bis in den Laden des Goldschmied, Und dort liege es nun auf dem Boden und warte darauf, gesungen zu werden...

Und es wurde gesungen ! Alle Kinder und alle Erwachsenen besangen das „Schneeflöckchen“ und die Kindergartenkinder und deren Muttis kannten sogar alle vier Strophen und wollten nimmer aufhören zu singen. In dem kleinen Goldschmiedeladen glitzerten und funkelten die Steine wie noch nie und draußen bahnten sich schon wieder winzige kleine Schneeflöckchen ihren Weg vom Himmel auf die Erde...

Es war ein wunderschönes Fest. Ich danke Axel Kudoweh von Herzen, das er mir ermöglichte, bei ihm zu lesen und die Freude die die Menschen hatten angesichts der Märchenwochen in Essen-Kettwig, kehrt in mein Herz zurück und ist für mich der schönste Lohn – neben dem selbstgemachten Imkerhonig eines Kettwiger Imkers und der selbstgemachten Wachskerze.
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 18.12.2014 | 18:46  
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