Anderes Geld und seine Wirkungen - wie Geld unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst

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Wir können uns kaum vorstellen, dass Geld anders beschaffen sein könnte, als wir es kennen. Dabei bewirkt unser bestehendes Geldsystem mit Zins und Zinseszins ein exponentielles Anwachsen der Vermögen und Schulden, führt zu einem ständigen Geldfluss von Arm zu Reich und erzeugt einen immensen Wachstumsdruck auf die Wirtschaft (s. auch „Der Fehler in unserem Geldsystem und seine Folgen. Darum: Lust auf neues Geld!“).

Wir machen uns im allgemeinen nicht klar, dass Geld tatsächlich auch anders beschaffen sein könnte. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen jedoch, dass es andere Geldsysteme gegeben hat mit offensichtlich anderen Wirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Der ehemaliger Zentralbankier, Welt-Währungshändler und Universitätsprofessor Bernard A. Lietaer (1) hat dazu umfassendes Material zusammen getragen, auf das ich im Folgenden eingehen will.

Geld mit Liegegebühr

Im ausgehenden Hochmittelalter (etwa 1050 - 1300 n. Chr.) wie auch im Ägypten der Pharaonen (über eine Zeitspanne von etwa 1500 Jahren) gab es eine lange Zeit wirtschaftlicher Blüte und Stabilität, in der parallel zu einer Fernwährung eine zweite, eher unscheinbar aussehende Währung existierte, die als Tauschmittel für die Alltagsgeschäfte benutzt wurde. Diese Währung war mit einer sogenannten Liegegebühr (Demurrage oder Anti-Hortungs-Gebühr) versehen und eignete sich deshalb nicht zur Werteaufbewahrung.

In Ägypten waren es beschriebene Tonscherben, die als Quittungen für eingelagertes Getreide fungierten und in einer fein berechneten Weise an Wert verloren, wie es dem Verlust des Getreides bei der Lagerung sowie den anteiligen Lagerhaltungskosten entsprach. Die Währung war den Gegebenheiten der Natur angepasst und fungierte als Alltagswährung einer viele Jahrhunderte andauernden stabilen Wirtschaft.

Im ausgehenden Hochmittelalter, dem Zeitalter der Gotik, waren es von den lokalen Herrschern ausgegebene einfache Münzen, die in regelmäßigen Zeitabständen wieder aus dem Umlauf genommen und durch neue ersetzt wurden. Bei dieser Münzverrufung wurden weniger neue Münzen ausgegeben, zum Beispiel für vier alte Pennys drei neue, während die Differenz als Abgabe beim lokalen Herrscher blieb. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass es für die Menschen keinen Vorteil brachte, das Geld aufzubewahren. Viel sinnvoller war es, mit dem Geld, das sie übrig hatten, etwas zu schaffen, an dem sie möglichst großen bzw. langfristigen Nutzen hatten. So wurde Land vorbereitet und es wurden Gemeinschaftsanlagen wie Kornmühlen und Sägemühlen gebaut und gewartet. Ebenso fallen in diese Zeit auch zahlreiche Städtegründungen, der Bau von bedeutenden Brücken sowie zahlreiche Erfindungen wie die Herstellung von Glas und die Weinbereitung. Schließlich entstanden in dieser Epoche auch die gotischen Kathedralen und Tausende von Kirchen in ganz Europa, die nicht nur als Haus Gottes sondern als Haus des Volkes für verschiedene gemeinschaftliche Zwecke genutzt wurden. Sie gehörten weder der Kirche noch dem Adel sondern der Stadt und ihren Bürgern und Bürgerinnen und sie wurden von diesen finanziert und verwaltet. Bis heute bringen sie vielen Kommunen noch wirtschaftlichen Nutzen.

Wohlstand für alle, viele Rechte für Frauen

Die Zeit der Gotik stellt sich der neueren Geschichtsforschung zudem, anders als die ersten Jahrhunderte des Mittelalters, als Zeit des außergewöhnlichen Wohlstandes für die sogenannten kleinen Leute dar, wie Lietaer aus zahlreichen Quellen zusammen trägt. So bestand nur ein geringer Unterschied zwischen Bauernhaus und Schloss, was sich in gleicher Kleidung und reichen Mahlzeiten widerspiegelte. Für Gesellen wird von einer täglichen Arbeitszeit von sechs Stunden, mindestens neunzig Feiertagen im Jahr und dem arbeitsfreien „blauen“ Montag berichtet. Frauen besaßen zumindest in den Städten in dieser Zeit viel mehr Freiheiten als je zuvor und lange Zeit danach. Sie übten eine Vielzahl von Berufen aus und waren außer dem Klerus oft die einzigen, die lesen und schreiben konnten. Bei der Heirat musste der Bräutigam ein Brautgeld zahlen. Auch wurde Besitz in Königshäusern oder Klostergemeinschaften häufig von Frauen verwaltet, die zudem auch großen politischen Einfluss hatten (wie Hildegard von Bingen, Katharina von Siena).

Lokale Währungen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise

Auch noch viel später gab es Geld, das nach diesem Prinzip funktionierte, wie Lietaer berichtet (2). In der Zeit der Weltwirtschaftskrise wurden in den 1930er Jahren in Europa und Amerika in Tausenden von Gemeinden ein eigenes Währungssystem eingeführt. Die Menschen erkannten, dass Geld nur eine Vereinbarung innerhalb einer Gemeinschaft ist und - fast alles - als Tauschmittel verwendet werden kann. Um das Horten des Geldes zu verhindern wurde dann eine Liegegebühr erhoben. So war es beim deutschen Wära-System, das in Schwanenhausen aufblühte und bei dem wohl berühmteste Beispiel im östereichischen Wörgl. Für die als Währung verwendeten Arbeitswertscheine von Wörgl wurde jeden Monat eine Nutzungsgebühr von 1% fällig und die von der Stadtverwaltung eingenommene Gebühr von 12 Prozent im Jahr wurde für öffentliche Zwecke, also für das Wohl aller verwendet. Und aufgrund der monatlichen Nutzungsgebühr wurde das Geld schnell weitergegeben, so dass es eine große Umlaufgeschwindigkeit hatte und viele Werte damit geschaffen werden konnten.

In Deutschland wurde die Verwendung, Ausgabe und Benutzung jeglichen Notgeldes im Jahr 1931 jedoch verboten, ebenso 1933 in Österreich, nachdem das Experiment von Wörgl sich als erfolgreich erwiesen hatte und zahlreiche Gemeinden das System übernehmen wollten. Von den vielen weltweit damals eingeführten Währungen hat auf jeden Fall eine überlebt: das WIR-System in der Schweiz.

Die beiden Währungstypen im Vergleich

Bei einem Vergleich der beiden verschiedenen Geldkonzeptionen, unserem Geld mit Zins und Zinseszins und Geld mit einer Liegegebühr, erscheinen mir wesentliche Unterschiede in der Wirkungsweise innerhalb der Gesellschaft und für den einzelnen Menschen wirksam zu werden.

Direkt einsichtig ist, dass durch Geld mit Zins und Zinseszins das Ansammeln von Geld und damit individueller Reichtum belohnt wird. Möglichst viel Geld zu erhalten und anzuhäufen verspricht Wohlstand und Sicherheit und ist damit eine passende Antwort auf die weit verbreitete Gier und Angst vor Knappheit. Es fördert auf der anderen Seite Profitdenken und Konkurrenz, beides feste Bestandteile unserer Volkswirtschaftslehre.
Dadurch dass das Geld für die Zinszahlungen erwirtschaftet werden muss, entsteht ein Wachstumszwang für die Wirtschaft mit den Folgen von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung sowie durch Einsparmaßnahmen entstehende zunehmende Erwerbslosigkeit und damit eine Verstärkung von Existenzängsten.
Durch das zinsbedingte exponentielle Wachstum der Vermögen und Schulden kommt es zu einer immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich mit einer Zunahme von sozialen Spannungen und einer Förderung der bei uns mit Geld verbundenen Angst vor Knappheit.
Bedeutsam erscheint mir, dass in diesem Geld- und Wirtschaftssystem der Blick auf das Geld gerichtet ist, unabhängig davon, auf welche Weise es erhalten und wofür es ausgegeben wird. So wird es auch leichter möglich, dass Wirkungen, die in die Zukunft reichen, nicht angemessen beachtet werden und die Verantwortung der Menschen sich im wesentlichen auf den persönlichen Bereich beschränkt. Bei gleichzeitiger Fixierung auf Geld scheint es mir zentral um die Vorstellung von einem (drohenden) Leben im Mangel zu gehen.

Geld mit Liegegebühr fördert, dass das Geld schnell ausgegeben um die Gebühren niedrig zu halten. Auch der zinsbedingte automatischen Geldfluss von Arm zu Reich findet nicht statt und so steht der breiten Bevölkerung mehr Geld zur Verfügung. Durch den erhöhten Geldumlauf wird die Wirtschaft zudem belebt und mehr Erwerbsarbeitsmöglichkeiten werden geschaffen.
Geld mit Liegegebühr stellt gleichfalls einen Anreiz für gemeinschaftliches Handeln dar, wie die Beispiele aus der Geschichte zeigen. Gemeinsam können größere Projekte zum Nutzen für alle Beteiligten durchgeführt werden, die von einzelnen nicht geleistet werden können.
Bei Geld mit Liegegebühr besteht zudem kein systembedingter Wachstumszwang, die Betriebe müssen nicht um der Zinsen willen mit immer weniger Geld immer mehr erwirtschaften und so kann sich die Situation um die Erwerbsarbeitsplätze entspannen. Da nicht möglichst viel möglichst billig produziert werden muss, kann Wachstum sich eher am Bedarf und an Qualität und langfristigem Nutzen sowie Zukunftsverträglichkeit orientieren, zum Vorteil für die Natur und die nächsten Generationen.
Zentral erscheint mir, dass der Blick sich bei einer Demurrage-Währung nicht primär auf das Geld richtet, sondern darauf, was sinnvollerweise mit dem Geld getan werden kann. Geld mit Liegegebühr scheint mir eher in die Vorstellung von Fülle zu führen: dass genug für alle da ist und dass aktiv und gemeinsam das Leben gut bewältigt werden kann.

Korrektur von Geldsystem und innerer Einstellung

Lietaer folgert aus seinen Recherchen, dass die Art des Geldes eine Wirkung auf unser Denken, Fühlen und Handeln hat und damit gesellschaftliche Strukturen beeinflusst werden und umgekehrt können unsere Einstellungen die Wahl unseres Geldsystems beeinflussen, wenn eine solche Wahl ansteht.

Es gibt heute schon viele Ansätze, die eine Veränderung der Denk- und Handlungsweise deutlich machen: Wenn sich seit den 1990er Jahren weltweit komplementäre regionale Währungen wie z. B. der Chiemgauer verbreiten, der Roland in Bremen oder das Rheingold in Düsseldorf eingeführt sind. Wenn der Volkswirtschaftler Bernd Senf von den blinden Flecken der Ökonomie schreibt (3) und der Wirtschaftsmathematiker Jürgen Kremer nachrechnet, dass eine der gesamten Volkswirtschaftslehre zugrunde liegende Formel einen Fehler enthält (4). Oder wenn der Banker und Berater der Bundesregierung Edgar Most beklagt, was wir Bürger uns alles gefallen lassen und dazu aufruft, politische Entscheidungen z. B. zur Rettung von Banken aus Steuermitteln nicht einfach billigend hinzunehmen (5). Wenn die Occupy-Bewegung sich vor den Banken sammelt und über grundlegende Probleme im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen System informieren, diskutieren und nach neuen Lösungsansätzen suchen will. Wenn ein Konzept für fließendes Geld ausgearbeitet ist und die Zentralbanken eine Umstellung in einem Währungsraum leicht vornehmen könnten (6). Oder dass in Oberhausen im März 2012 zwei Wochen lang ein Experiment mit einer Zweitwährung durchgeführt wurde. Und wenn Kongresse wie „Macht Geld Sinn“ (2011 in Berlin und 2012 in Köthen) mit zahlreichen Referenten und „Lust auf neues Geld?“ im Juni 2012 in Leipzig stattgefunden haben. Wenn in immer mehr Städten Initiativen der Transition Town Bewegung - Städte im Wandel - gegründet werden und Menschen beginnen gemeinsam Konzepte für anderes Wirtschaften für ihre Kommunen zu entwerfen und gemeinschaftliche Projekte aufzubauen. Und wenn 37.018 Menschen wegen des Rettungsschirmes ESM vor dem Bundesverfassunsgericht klagen mit der größten Verfassungsbeschwerde, die es je in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat, ...

Jeder und jede von uns spielt eine Rolle, wenn es darum geht eine menschlichere Gesellschaft und achtsame Wirtschaft zu schaffen. Deshalb ist es gut, wenn wir uns den Themen stellen, uns informieren und einmischen. Auch in Essen haben wir bald die Gelegenheit dazu: Am 15. und 16. März 1013 findet in der Volkshochschule Essen eine Perspektiventagung für zukunftsfähige Finanz- und Geldsysteme statt, im Rahmen derer u.a. Prof. Dr. Max Otte zu hören sein wird (www.perspektiventagung.de). Auch schon im Januar gibt es Informationen zum Geldthema: Am 13.1.13 ab 16.15 Uhr wird die DVD mit Ausschnitten vom Leipziger Geldkongress gezeigt und zur Diskussion gestellt werden. Ort: Kunsthaus Essen-Rellinghausen, Rübezahlstr. 33.

1 Bernard A. Lietaer: Mysterium Geld. Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus. Riemann, München 2000
2 Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft. Riemann, München 2002
3 Bernd Senf: Die blinden Flecke der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise. Gauke Verlag 2008
4 Jürgen Kremer: Die blinden Flecken der Volkswirtschaftslehre. Humane Wirtschaft 01/2009, S. 2-12
5 Edgar Most: Die Zukunft des Geldes. Vortrag am 25.10.2009, VHS Essen
6 Wolfgang Berger: www.wissensmanufaktur.net/fliessendes-geld
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