Mehr als nur Bäume – Von Ehrenamt, Naturschutz und Bürgersinn

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Sabine Rothe (dritte von rechts) veranstaltete ehrenamtlich am Tag des Baumes u.a. eine Baumpflanzaktion mit Vertretern aus Politik und Verbänden. (Foto: Rothe)
Ehrenamt lebt von den Menschen, die sich engagieren und für ihre Mitmenschen einsetzen. Wir stellen in unregelmäßigen Abständen Engagierte vor und wollen Geschichten aus dem Ehrenamt erzählen.

Für viele von uns ist das Grün um uns herum selbstverständlich. So selbstverständlich, dass wir von den Bäumen, Blumen und Sträuchern auf unseren Straßen meist kaum Notiz nehmen. Bäume erscheinen wie stummes Beiwerk in einer mehr als lauten Großstadt. Es sind Ereignisse wie der Pfingststurm „Ela“, die uns mit dem Verlust vieler tausend Bäume wieder zu denken geben. Bäume sind Leben. Sie spenden Sauerstoff, Schatten und sind Lebensraum für unzählige Tierarten. Auch wenn kaum jemand bewusst Natur ablehnen würde, sind es doch die stillschweigenden Prozesse, durch die z.B. Bäume gefällt werden, nur weil sie jemanden stören. „Was ist uns wichtiger: parkende Autos oder Bäume?“, fragt Sabine Rothe. Sie ist Bewohnerin des Moltkeviertels und engagiert sich für den Naturschutz. „Man kann schon so etwas wie eine Vernachlässigung oder ein Desinteresse beobachten. Die Natur wird immer untergeordnet und oft wird zu kurz gedacht, wenn es um den Umgang mit Bäumen geht“, bemerkt die Ehrenamtliche. Die 57-Jährige hat anlässlich des bundesweiten „Tag des Baumes“ am 25. April eigeninitiativ eine Veranstaltung in Essen auf die Beine gestellt.

Die Organisation umfasste viele Gespräche und Abstimmungen, die sie ehrenamtlich in ihrer Freizeit leistete. So lud sie die Heilpraktikerin Jeannette Schulz ein, um über die Heilwirkung von Bäumen und ihrer Bestandteile zu informieren. Es konnten Blätter- und Blütentees verkostet werden. Leckerer Apfelsaft von heimischen Streuobstwiesen wurde präsentiert. Der Holzkünstler Udo Bohne zeigte unterschiedliche Holzarten und was man aus lokalen Bäumen alles zaubern kann. Bäume, so sie denn nicht mehr stehen, werden zu Brettchen, Möbeln und Kunstobjekte. Zum Feldahorn, als Baum des Jahres 2015, hatte Sabine Rothe Infotafeln aufgestellt. Rund 100 Besucher kamen zusammen und nahmen am Tag des Baumes im Moltkeviertel teil.
Das bunte Programm diente aber nicht nur der Unterhaltung, sondern sollte vielfältig Informationen zu Bäumen und ihrer Bedeutung für unser städtisches Mikroklima bieten. „Mir ist Aufklärung wichtig!“, betont Rothe. Wo viele „menschliche“ Interessen in Essen durchgesetzt würden, fehle es der Natur oft an einer Lobby. „Das Bewusstsein für den Wert von Bäumen ist verloren gegangen“, bedauert die Diplom-Ingenieurin für Gartenbau. Zwar hat sie jahrelang von Berufs wegen mit Botanik zu tun gehabt, aber ihr Engagement entwickelte sich erst später.

"Man kommt ums Ehrenamt nicht herum!"

Hier und da engagierte sie sich an der Schule ihrer Kinder, in der Gemeindearbeit und zum Tag des offenen Denkmals. Doch ihr jetziges Engagement für Essens Natur wurde durch einzelne Erfahrungen und Eindrücke motiviert. Nachbarschaftskonflikte um alte Bäume, die gefällt werden sollten, rückten die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, wie wichtig es ist sich einzusetzen. „Man kommt irgendwie nicht um das Ehrenamt herum“, scherzt die Essenerin. Sie habe sich ihr Engagement nicht ausgesucht. Ihr Einsatz rührt aus einem gewissen Unmut, denn vieles „könne doch nicht sein!“.

Im vergangenen Jahr nahm sie zum ersten Mal den bundesweiten Tag des Baumes ganz bewusst wahr, der bereits seit 1952 für einen nachhaltigen Umgang mit Bäumen wirbt. Diesmal sollte auch in Essen etwas mehr stattfinden. „Man muss selber machen und kann sich nicht nur auf andere verlassen!“, findet sie. So sprach sie für ihre Aktion die städtische Grün & Gruga plus große Verbände wie den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), den Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU), die Naturschutzjugend (NAJU) und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald NRW an und konnte eine Zusammenarbeit initiieren. Darüber hinaus finanzierte Sabine Rothe aus privaten Mitteln eine Baumpflanzaktion auf dem Camillo-Sitte-Platz. Dort steht nun, als Ergebnis von einzelnem Bürgerengagement, ein Speierling. Der Baum stellt eine der seltensten Arten in Deutschland dar und wurde bereits 1993 zum Baum des Jahres gewählt, da sein Bestand rückläufig ist.

Ehrenamt ist immer etwas ganz persönliches. Sabine Rothe fühlt sich sehr naturverbunden. Sie erfreut sich an ihrem großen Garten und das eigene Gemüse liefert ihrer sechs-köpfigen Familie kulinarische Freuden. Wer sich für die Natur und ihren Erhalt einsetzt, der profitiert. Ihr Mann und ihre Söhne unterstützten sie in ihrem ehrenamtlichen Einsatz und verteilten im Vorfeld des Tags des Baumes ganze 500 Handzettel, um auf die Veranstaltung und die Botschaft dahinter aufmerksam zu machen. Gelebter Bürgersinn ist manchmal ganz praktisch.

Etwas verändern

Wie viele Ehrenamtliche, ist auch Sabine Rothe bescheiden. Ihr Engagement dient den Bäumen und soll, gemeinsam mit anderen Aktiven, etwas verändern. Jüngst verkündete die Stadt Essen, dass sie auch in diesem Jahr an der Grünpflege sparen muss. Schuld sei die zunehmende Vermüllung. Immer mehr Zeit und Geld müsse dafür aufgewendet werden, um Müll in Grünanlagen aufzusammeln. Für attraktive Bepflanzungen und die nötige Pflege fehlten dann die Ressourcen.

Das Engagement von Menschen wie Sabine Rothe wird immer wichtiger. Es gilt den Bürgersinn zu aktivieren, um Missstände zu beheben, den eigenen Mitbürgern ins Gewissen zu reden und Vorbild zu sein.
Essen hat in diesem Jahr reale Chancen zur „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ gewählt zu werden, denn die Stadt ist mit vier weiteren Bewerbern im Finale des EU-Wettbewerbs. Großstädte werden ausgezeichnet, die dauerhaft hohe Umweltstandards vorweisen können und sich fortlaufend anspruchsvolle Ziele im Hinblick auf weitere Verbesserungen der Umweltbedingungen und nachhaltige Entwicklungen setzen. Damit Essen ökologisch liebens- und lebenswerter wird und bleibt, bedarf es aber nicht nur des Einsatzes von Stadtoffiziellen. Sabine Rothe sieht ihr Engagement im Kontext dieser Bewerbung. „So eine Auszeichnung ist mehr als nur ein Titel! Wenn es um das lebensnotwendige Grün in Essen geht, stehen wir alle in der Verantwortung.“, findet die Naturschützerin und ergänzt: „diese Bewerbung ist eine gute Gelegenheit gemeinsam mit allen Akteuren in Essen zu überlegen, wie wir in Zukunft mit Bäumen umgehen.“

Der Tag des Baumes ist hier nur ein Anfang. Sabine Rothe würde sich wünschen, dass sich der Ehrentag in der Stadt etabliert und Bewusstsein schafft. Zum Nachdenken anregen und aktiv werden! Denn weder das Grün um uns herum, noch ehrenamtliches Engagement für Bäume ist in Essen selbstverständlich.
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1 Kommentar
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Elisabeth Pauly aus Essen-Süd | 31.05.2015 | 17:43  
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