Kunst ist eine Gegenwelt

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  Vor einiger Zeit ist in Essen ein seltsames Wesen aufgetaucht, dessen Anblick sich einprägt: Weiß, weich und rundlich der Körper, das Gesicht von einer schwarzen Maske bedeckt, die nur die Ohren herausschauen lässt, orangerote Augen hinter metallge­rahmtem Glas: ein Teddybär mit Gasmaske! Woher kommt er?

Die Spur führt nach Frillendorf in die Zeche Königin Elisabeth. Dort sitzt er leibhaftig, etwa 40 cm groß, im Atelier der Kunstmalerin Ewa Kwasniewska. „Der Teddy mit Gasmaske ist keine Ausgeburt meiner Phantasie, er existiert tatsächlich“, erzählt Ewa. Sie habe ihn vor Jahren für ihren kleinen Sohn Ryszard genäht. „Eines Tages brachte mein inzwischen erwachsener Sohn eine Gasmaske vom Flohmarkt nach Hause und stülpte sie seinem seit Kindertagen heißgeliebten Teddybären über den Kopf. Ich war erschrocken.“
Seither stellt Ewa dieses Wesen, bedrohlich und schutzbedürftig zugleich, in unterschiedlichen Situationen dar. „Während des Irakkrieges 2003 kauften in Israel sehr viele Leute Gasmasken“, erinnert sich Ewa. Diese Nachricht brachte sie auf die Idee, den Teddy mit Gasmaske stelzen- laufend zwischen bunten Streubomben zu malen. Zu einem Triptychon mit zwei Teddiesinspirierte Ewa der Spaziergang über ein weit ausgedehntes Feld mit Kürbissen in Kettwig: „In der Sonne leuchteten sie wie Schädel auf einem Schlachtfeld.“

Naturgetreu und harmlos könnte die Wiedergabe dieses Feldes wirken, wären da nicht mittendrin zwei Teddybären: der eine aufrecht wie ein triumphierender General, der andere nach vorn gebeugt, wie einer, der nach Lebenszeichen sucht. „Man sollte mit der Interpretation der eigenen Bilder vorsichtig sein“, meint Ewa. „Sie sollen Raum für Phantasie lassen“.

Jeder Betrachter deutet sie anders; wie in Gästebucheinträgen einer Ausstellung in Werden (Galerie DagmarReimus) oder auf Zollverein (Contemporary Art of Ruhr) zu lesen, könnte der Teddy die Künstlerin selbst sein, die sich schützen will, ein Umweltaktivist oder ein junger Soldat, der in den Krieg zieht. An der Ausstellung „Goldrausch“, bis 6. Januar im Forum Kunst und Architektur am Kopstadtplatz, beteiligt sich Ewa Kwasniewska mit zwei Gemälden, die die Schattenseiten des Reichtums beklagen. Vor Umweltschäden, die mit Goldgewinnung einhergehen, warnt „Vergiftet“: Inmitten einer Steinwüste liegt der Teddy mit Gasmaske am Rand einer goldgrünen Wasserlache.
Zu dem Bild „Goldfischerin“ regte die Künstlerin das Sprichwort an: „Wo Gold vorregnet, da regnet es Laster nach.“ Dort watet eine junge Frau aufreizend durch seichtes Gewässer und fischt mit ihrem Schleier Goldmünzen. Bedrohlich wirkt der Beifang: ein Teddy mit Maske.

„Das Geheimnis zu malen ist, das aufzugreifen, was einen bewegt. Ein Bild zu malen bedeutet viel Arbeit und die Idee muss tragen, damit man es zu Ende führen kann.“ Und was bewegt sie am meisten? Die Welt präsentiere sich wie ein Vorhof zur Hölle, es gebe aber auch eine andere Seite der Welt und unseres Daseins. Sie fühle sich einer Kunst verpflichtet, die diese – immer gefährdete – Gegenwelt reflektiere.

TEXT UND FOTOS: RENATE DEBUS-GOHL
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