Ruhrtriennale 2015 # PACT Essen Zollverein: Much Dance

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"Much Dance" von Jan Decorte / bloet vzw
 
PACT Zollverein, Essen
Essen: PACT Zollverein | ... "Oh Love" ... möchte man mit den Bühnenpersönlichkeiten seufzen, denn das ist das einzige Gewisse, was es im Stück "Much Dance" des belgischen Regisseurs und Autors Jan Decorte gibt.

Die Zutaten für "Much Dance" sind:
Ein reduziertes hell-dunkles Bühnenbild aus Lichtspots, 3 Skulpturen in Dreiecksformen, 3 konvexe Spiegel, 3 Stühle, 3 Männer und 1 Frau, dazu noch eine Handvoll Konfetti, wenig Kleiderstoff, wenigText, etwas Musik vom Band.

Wir haben vier tanzende Schauspieler, die sich auf die Suche nach schlichten Bildern für große menschliche Phänomene wie Liebe, Sehnsucht und Tod machen.
Es gibt dabei keine Virtuosität, keine trainierten Körper, keine strenge Tanzgrammatik. Aber es gibt die Anarchie der Bewegung, Mut und die stockende Schönheit des Scheiterns.

Beziehungen scheinen wichtig zu sein. Die Zahl 3 wie auch die Dreiecksform stehen in der Psychologie für die Bezogenheit. Der Bühnenraum wird definiert durch die Dreiecksskulpturen. Sie könnten auch für ein imaginäres Dorf oder das Universum (begrenzt durch das Kirchturm-Denken) stehen. Die Parabolspiegel zeigen das Geschehen auch von hinten, erweitern den Bühnenraum in den Zuschauerraum hinein, erfassen die Zuschauer und "halten ihnen den Spiegel vor".

Zu Beginn ertönt CanCan-Musik, der mit üppigen Rundungen ausgestattete Benny Claessens tänzelt mit urkomischen "Männer-Balletttanz"- Trippelschrittchen in seinem schlichten Leinenröckchen, das ein Tutu nur im weitesten imitiert, an die Bühnenkante und legt sich dort zur feurigen Musik nieder um noch ein Beinchen graziös in die Luft zu spreizen. Aha, damit ist klargestellt, dass nichts mit körperschindenem Tanz folgt.

Die Musikeinspielungen wechseln durch die Jahrhunderte, auf Minnesang folgen Filmmusik und Popsong. Der Tanz der wechselnden Akteure bleibt auf angedeutete Bewegungen und Gesten beschränkt - reduziert auf das fürs Verständnis Unerlässliche.
Die Texte werden wie Einführungen vom hageren Risto Kübar vorgetragen. Sein Leinenröckchen schlottert ihm um die schmächtigen Figur. Man denkt an einen Geist, der wie zu Shakespeares Zeiten Prophetisches in Reimform vorträgt. Der Abgang ist jeweils gekonnt: auf spastisches Zucken folgt der hinklatschende Zusammenbruch. Eine spannende und passende Vortragsweise für die Ankündigungen einer Liebe, die mal naiv-enttarnend, mal blutig, mal voller Todessehnsucht ist.

Jan Decorte und sein Team von Jan Decorte/bloet vzw zeigen wie auf 7 (der Märchenzahl !) animierten Bildtafeln mal voll kindlicher Spielfreude, dann wieder nachdenklich still, die Spielarten der Liebe. Köstlich zu sehen, wie Benny Claessens als erwachsenes dickes Mann-Baby wieder versucht, Kopf voran in den mütterlichen/fraulichen Schoss von Sigrid Vinks zu kriechen.
Sigrid Vinks macht sich klein und will als die kleine süße Kindfrau an der Hand von Risto Kübar geführt werden.
Die sehnsuchtsvolle Liebe zur Natur bebildern/ertanzen Vinks, Kübar und Claesens zusammen.
Das Publikum hat seine Lacher, als Sigrid Vinks auf dem knienden Benny Claessens im Schneckentempo über die Bühne reitet, besonders als sich das Pferdchen mit den Händen angedeutet aufbäumt. In den Spiel-Szenen ist schon viel Symbolhaftes.

Mal gibt es die Liebe von Mann zu Mann, die Frau wird ins Abseits geschickt, mal ist die Liebe platonisch, dann wieder destruktiv, gewalttätig, mal ist sie zärtlich hingebungsvoll, dann wieder sehnt sie sich nach dem Tod.
Jan Decorte, der sich nicht nur um Text, Licht, Kostüme und Regie kümmert, sondern als der langsame Alte im schwarzen Anzug auch selbst mitspielt, hat den Part des Sterbenden, der sich freut, schließlich im Tode wieder mit seinen Lieben vereint zu sein.

Oh Love ... der Mensch kann wie die Liebe selbst gebrechlich oder vital, sinnlich oder asketisch sein. Die persönliche Freiheit, die Gesellschaft und die Spielarten der Liebe stehen in Beziehung. Man muss sich nur den Mut und die Freiheit nehmen, alles auszuprobieren und auch glücklich scheitern können.

Jan Decorte schuf ein getanztes Schauspiel, rätselhaft wie ein film noir und ebenso voller ambivalenter Emotionen - ironisch humorig oder doch erschreckend ernsthaft, jedenfalls ist "Much Dance" keine leicht Kost.
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