Unter seinen Kollegen gilt der Zechenförster als Exot

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Gleich neben dem Ehrenhof auf Schacht XII sieht man, was passiert, wenn man Mutter Natur ihren Lauf lässt: Sommerflieder und Goldrute sind typische Erstbesiedler auf derartigen Brachflächen.
 

Oliver Balke ist Förster in fünfter Generation, doch für seine Kollegen ist er ein Exot: kein eigenes Revier, geschossen wird nicht, aber jede Menge Öffentlichkeitsarbeit. Balke ist nämlich „Zechenförster“, wie er es formuliert, und zuständig für den Industriewald auf Zollverein.

Der Mann aus Bochum führt regelmäßig Besuchergruppen über das Welterbe. Führungen gibt es dort praktisch pausenlos, aber wenn der Mann in Grün mit dem Landeswappen auf der Brust sie leitet, geht es um Kohle nur, sobald erklärt wird, auf welcher Art Boden die Pflanzen wachsen.

Zuständig auch für den Zollverein-Wald


„Auf der Halde gibt es eine dünne Humusschicht, ansonsten ist alles Gestein“, erläutert der Angestellte der Landesforstverwaltung den Interessenten, die einer Einladung der CDU Katernberg gefolgt sind. Die Waldentwicklung auf dem Welterbe zu beobachten, gehört zu Balkes wesentlichen Aufgaben. Und zu den spannendsten, denn: „Wo es in der zweiten Waldgeneration hin geht, weiß keiner.“ Birken - und dann? Die Förster können bilanzieren, welche Plfanzen sich auf Industrie­brachen als erste ansiedeln - bei Bäumen ist es eben die Sandbirke -, aber ob danach der hierzulande typische Laubmischwald entsteht, ist äußerst ungewiss.

Viel Gestein, dünne Humusschicht


Generell ist eine „internationale Pflanzengesellschaft“ auf Zollverein zu finden, sagt der Förster. Die Goldrute etwa stammt aus Amerika. Von Einwanderern spricht man da oft, tatsächlich werden Pflanzen aber eher eingeschleppt, oft beim Warentransport. Deren Ansiedlung auf Zollverein ist nicht selbstverständlich, denn der steinige Boden bietet harte Bedingungen: „Im Sommer bullenheiß“, nennt Oliver Balke das Klima direkt über Grund. Das erträgt nicht jedes Grün.
Gewisse Starterpflanzen - der Förster nennt sie „Unternehmensgründer“ - sind auf den meisten Industrie­brachen anzutreffen. Der violett blühende Sommerflieder etwa erfreut Spaziergänger genauso wie Schmetterlinge, denen er Nahrung bietet.
Auch in Bezug auf derartige Gehölze gilt das Nicht-Eingriffsprinzip: „Wir haben kein Rekultivierungsprojekt.“ Es werden daher keine Pflegemaßnahmen seitens der Fachleute vorgenommen.

Geschossen wird nicht


Was die Tierwelt auf dem Welterbe betrifft, gilt ähnliches, und auch das macht den Zechenförster zu einem Exoten unter seinen Kollegen: „Die Jagd ist für uns keine dienstliche Aufgabe.“ Zollverein ist befriedet, geschossen wird grundsätzlich nicht, da könnten sogar die neuerdings vielfach bejagten Kanadagänse kommen. Allerdings ist so manche Tierart, die anderswo bejagt wird, auch gar nicht vorhanden. Rehe etwa gibt es nicht.
Die Zukunft der Tierwelt auf Zollverein ist so ungewiss wie jene der Pflanzen. „Geeignet wäre die Fläche für viele Arten“, weiß Oliver Balke. Doch müssen die erst einmal dahin gelangen. Nicht einfach angesichts der isolierten Lage innerhalb von dicht besiedelten Stadtteilen. Einen Tipp hat er: „Der Waschbär kommt!“ Früher oder später rechnet der Zechenförster damit, dem putzig-anpassungsfähigen, aber auch lästigen Vierbeiner auf Zollverein zu begegnen.

Waschbär im Anmarsch?


Wildschweine jedoch, die immerhin schon nördlich der Ruhr zu beobachten seien, dürften es schwer haben, so weit durchzudringen. Schaut man sich an, welche Schäden diese Tiere auch in Gärten anrichten können, werden die meisten Anwohner rund ums Welterbe auch lieber darauf verzichten.
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2 Kommentare
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Karl-Heinz Hohmann aus Unna | 09.09.2015 | 07:20  
Sabine Pfeffer aus Essen-Süd | 09.09.2015 | 09:39  
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