Damokles‘ Schwert: In Zeitnot sind die Vereine in der Heßlerstraße trotz Gnadenfrist

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Bangen an der Heßlerstraße: Ab Juli kann den dortigen Vereinen jeden Tag die Kündigung ins Haus flattern. Foto: Müller

Eigentlich sollte schon am 30. Juni Schluss sein: Über mehrere Jahre drohte den Vereinen in der Heßlerstraße die Kündigung, eine Alternative ist bisher nicht gefunden. Auf der Suche nach Lösungen trafen sich am vergangenen Dienstag, 16. Juni, Verantwortliche, Verwaltung und Politik.

„Die Zeit drängt“, weiß Igor Wenzel, 1. Vorsitzender des Forums Russlanddeutsche. Mit fünf weiteren Vereinen teilt das Forum sich vorerst das Gebäude an der Heßlerstraße 208 bis 210: dem Jugendwerk der AWO, dem Slowenischen Kultur- und Sportverein Bled, dem Türkischen Elternverband Essen und Umgebung, der Türkischen Gemeinde Rhein Ruhr/NRW und schließlich dem Kultur- und Solidaritätsverein der in Deutschland lebenden Türken aus der Provinz Bartin und Umgebung.
Schon seit Mitte 2012 müssen die Vereine um ihren Verbleib in der Heßlerstraße bangen. Ohne die Verantwortlichen zu informieren entschied die Stadt Essen damals, das Gelände der Wohnbebauung zuzuführen und kündigte den Gruppen. Zugleich erklärte sich die Immobilienwirtschaft bereit, bei der Sichtung von Alternativen zu helfen. Über zwei Jahre waren die Vereine auf der Suche, unter anderem wurden die Hauptschule Karnap, die Tiegelschule und die Zeche Carl in Betracht gezogen. Heißer Kandidat war lange Zeit die ehemalige Hauptschule in der Ellernstraße, hier scheiterte es aber an den Finanzen. Das Gelände an der Heßlerstraße offiziell verlassen sollten die Vereine nach mehreren Verlängerungen am 30. Juni, vergangenen Dienstag suchten die Verantwortlichen gemeinsam mit Politik und Verwaltung nach einer Lösung: „Wir haben uns zusammengeschlossen, um dafür zu kämpfen, dass die Vereine eine Zukunftsperspektive haben“, gibt sich Frank Bente, Geschäftsführer Jugendwerk der AWO, kämpferisch. Im Rat wurde durch einen Brief der Beigeordneten Simone Raskob bekannt, dass das Bebauungsplanverfahren noch in der Abstimmung ist und ein Freizug vor Frühjahr 2016 unwahrscheinlich erscheint.

Flüchtlinge und Finanzen

Zwei massive Hindernisse, die sich erst in dieser Woche manifestierten, verkomplizieren den Weg zu dieser Lösung: Erst Dienstag wurde die Prognose der Flüchtlingszahlen aufgestockt, 2.865 Asylbewerber wird die Stadt 2015 unterbringen müssen, stößt dabei schon jetzt an die Kapazitätsgrenzen und kann ab Juli vielleicht die notwendigen Plätze nicht gewährleisten. In dieser direkten Konkurrenz um Gebäude ziehen die Vereine den Kürzeren. Zweites Problem: Mit den verschiedenen Finanzskandalen der letzten Monate hat die ewig klamme Stadt Essen die Aufmerksamkeit von Regierungspräsidentin Anna Lütges erregt. Die Politikerin fordert einen härteren Sparkurs, Verständnis für die Sorgen des Rats hat sie nicht. Die Chance auf finanzielle Hilfen von Seiten der Stadt sind deshalb minimal.
Demgegenüber stehen zwei große Hoffnungen: Zunächst bestünde die Möglichkeit, eine Immobilie unter dem Aspekt eines Interkulturellen Hauses zu finden, in der alle Platz finden. Aber: „Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass man die Vereine so nicht zusammenhalten kann“, analysiert SPD-Ratsherr Karlheinz Endruschat nüchtern. Zudem könnte man auf die Mittel der Sozialen Stadt setzen, dann müsste das neue Heim in Altenessen-Süd, im Nordviertel oder Katernberg liegen. Wenzel hat für Forum, Jugendwerk und Bled gerade ein seit 2013 leerstehendes Jugendhaus in der Zwinglistraße 28 im Auge. Noch ist das Gebäude im Besitz der Evang. Kirchengemeinde Essen-Altstadt, die will die Immobilie aber verkaufen. Selbst wenn das Forum einen Investor findet, wären aber auch an diesem Standort noch eine Menge Umbauarbeiten notwendig. Ein potenzieller Käufer ist die Annneliese-Brost-Stiftung, doch solche Gespräche brauchen Zeit – und genau die fehlt den Vereinen.

Im kleinen Kreis

Bis dahin schwebt die ab Juli mögliche Kündigung wie ein Damokles-Schwert über Verantwortlichen und Mitgliedern, beeinträchtigt die Vereinsarbeit: „Das ist alles nur möglich, wenn man weiß, mit welchen Ressourcen. Das merken die Menschen!“, weiß Wenzel. „Wir spielen nicht auf Zeit, wir brauchen eine schnelle Lösung!“ An dieser wollen Verantwortliche, Politik und Verwaltung im kleinen Kreis und in enger Zusammenarbeit werkeln. Konkrete Termine gibt es nicht, die Bereitschaft aller Beteiligten zur Mitarbeit ist aber erkennbar.
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