Grundwasser in Karnap: Angst vor der Säge

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SPD-Ratsherr Guido Reil (rechts, mit Bezirksvertreter Ralf Böing und Anwohner Andreas Lochthowe) hält den gemeinsamen Antrag in der BV V für kontraproduktiv.
Kahlschlag in Karnap? Bis zu 150 Bäume könnten beim Bau des Drainagesystems, das den steigenden Grundwasserpegeln jenseits des Kanals Einhalt gebieten soll, zum Opfer fallen. Die Verwaltung betonte bereits, äußerste Vorsicht walten zu lassen und - sofern möglich - für Ersatzpflanzungen zu sorgen. Dennoch fühlten sich die Parteien und Einzelvertreter im Stadtteilparlament V bemüßigt, eine Versicherung in Form eines Antrages abzuschließen.

Alle waren sie dabei: Die SPD und die CDU, das Essener Bürgerbündnis (EBB), das Fraktionsbündnis aus Linke und dem Freien Essener Norden (FEN), die FDP und die Grünen sowie die Bürgerliste Nord. Die Fällung von bis zu 150 Bäumen ist „im maximalen Umfang zu vermeiden“. So viel Einigkeit. Und doch wurde über die Sinnhaftigkeit des Antrages gestritten.

Schließlich hatte die Verwaltung mit Stefan Kuhn einen Experten in den Sitzungssaal des Friedrich-Ebert-Seniorenzentrums in Altenessen entsandt, der das aussprach, was viele für selbstverständlich hielten. „Wir haben einen Baumgutachter eingeschaltet, der die Bäume nach ihrem Zustand überprüft. Es ist schon jetzt klar, dass einige Bäume nicht dauerhaft Bestand halten können. Aber zu jedem Zeitpunkt der Planung war vorgesehen, so viele wie möglich zu erhalten. Auch wird es Neupflanzungen geben. Wo, in welcher Anzahl und ob Linde oder Kastanien - das lässt derzeit nicht sagen“, führte der Sachgebietsleiter für Wasserrechte in der Essener Wasserwirtschaft aus.

Alles gesagt? Mitnichten. In Karnap beginnt der Wahlkampf bekanntlich etwas früher. Seit den Einwänden gegen die Baumfällungen tanzt die CDU auf einem Themenparkett mit, auf dem die Partei bisher als stiller Beobachter aufgefallen war. Ratsherr Jörg Uhlenbruch hinterfragte das gesamte Pilotprojekt, für das die SPD lange und laut getrommelt hatte: „Wir hätten mit diesem Wissensstand den Plänen nie zugestimmt.“ Seine Parteikollegin Stefanie Kölking meldete in der Bezirksvertretung ebenfalls Zweifel am Erfolg des Entwässerungssystems an, bemühte sich allerdings um eine diplomatische Linie: „Uns geht es aber um das ‚Wie?‘. Niemand will das Pilotprojekt in Abrede stellen. Aber es ist nicht so, als sei das Feuer gerade erst angegangen. Die Zeit, Detailfragen zu besprechen, müssen wir uns nehmen.“

Geduld, die Guido Reil nicht aufbringen möchte. Der Karnaper SPD-Ratsherr machte im Laufe der Sitzung deutlich, dass er den Antrag für „unproduktiv“ halte. Auch der Bezirksbürgermeister bekannte: „Ich persönlich hätte den Antrag nicht gebraucht. Jedem hier im Raum war klar, dass Karnap nach den Bauarbeiten nicht mehr so aussehen wird wie früher“, warf Hans-Willi Zwiehoff einen vorwurfsvollen Blick in Richtung CDU-Bank.

Dennoch schlossen sich die Genossen um Fraktionschef Theo Jansen diesem Antrag an. Oder auch Thomas Spilker (FDP), der am Rande der Sitzung darauf verwies, dass Bäume einen haushalterischen Wert für die Stadt besäßen. Am Ende waren sie alle dabei.

Ein Bezirksvertreter benennt den Grund für die kontroverse Einmütigkeit: „Niemand möchte sich in zehn Jahren, wenn Karnap saniert ist, anhören müssen, er sei damals für die Baumfällungen gewesen.“ Die Karnaper Sanierung ringt der Lokalpolitik gehörig Respekt ab.
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