Haushalt gesperrt, Service verwehrt! Karlsplatz-Haltestelle symptomatisch für Probleme der EVAG-Kunden

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Symptomatisch für die Schwierigkeiten vieler zahlender EVAG-Kunden: die Haltestelle am Karlsplatz. Fotos: Müller
 
Reinigungskräfte der EVAG in Aktion: Links die verschmutzte Treppe, rechts die gereinigte. Das Gerät selbst ist seit Monaten defekt, inzwischen durch rot-weisse Absperrgitter gesichert.

Fahrkomfort geht anders: Die Rolltreppe steht still, Essensreste und Zigarrettenkippen zieren den Weg nach oben, wann und ob der verspätete Bus kommt, lässt sich nur erahnen. Bestes Beispiel für die Hürden der Pendler, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, ist die Haltestelle am Altenessener Karlsplatz. Reinigung und Instandhaltung des Knotenpunkts sind ein Kampf gegen Windmühlen, beteuern die Verantwortlichen der Essener Verkehrs AG (EVAG).

„Am Karlsplatz ist es eine richtige Katastrophe!“, berichtet Marie-Louise Heyduk. Sie muss jeden Tag die Rolltreppen nutzen, ist für ihren Arbeitsweg auf U-Bahn und Bus angewiesen. Über Wochen zieren zahllose Zigarettenkippen, eine alte Verpackung für Fastfood, ein zerknittertes Magazin das Fortbewegungsmittel. Als die gepeinigte Pendlerin eines Morgens den Handlauf auf der rechten Seite der Rolltreppe berührte, sei ein schwarzer, öliger Film an ihren Fingern zurückgeblieben: „Da darf man gar nichts anpacken!“ Trotzdem weigert sich Heyduk, allein dafür Handschuhe mitzuführen.

Fahr- nicht Roll-Treppe!

„Die Reinigung erfolgt ein- bis zweimal täglich“, versichert Olaf Frei, Pressesprecher der EVAG. „Das heißt konkret: Müll aufsammeln und entsorgen und den Durchgang feucht mit dem Reinigungswagen säubern.“ Heyduk kann das nicht bestätigen, Reinigungspersonal der EVAG sieht sie fast nie: „Ich glaube, da wird nicht geputzt. Im Höchstfall leeren die einmal die Mülleimer.“
Einen Teil der Verschmutzungen entsteht durch den Stillstand der Rolltreppen, ­diese werden dann gerne zum Mülleimer umfunktioniert. „Manchmal geht die Rolltreppe, manchmal geht sie nicht mehr“, weiß Heyduk. „ Die oberen funktionieren eigentlich gar nicht.“ Was ein Ärgernis für fitte und mobile ist, wird zur Tortur für ältere oder Menschen mit Handicap: Der Aufzug als Alternative streike im Bereich Karlsplatz ebenfalls gerne, der Weg zum hinteren an der Altenessener Straße mit Rollator oder Rollstuhl wird zur Geduldsprüfung.
„Ich will ja nicht schulmeistern, aber der korrekte Fachterminus lautet Fahrtreppe – nicht Rolltreppe“, klärt Jörg Brand, Abteilungsleiter Technische Gebäudeausrüstung der EVAG, in einem Interview mit Olaf Frei unter dem Titel „Von Rolltreppen, die nicht rollen, aber fast immer fahren“ auf. Insgesamt neun „Fahrtreppenpolizisten“ hat die EVAG, im Dienst sind sie 365 Tage im Jahr von jeweils 6 bis 22 Uhr. Oft kann die Einsatztruppe den Schaden sofort beheben, nur in einem von zehn Fällen dauert es länger: „Jede Fahrtreppe, die im Nahverkehr und an den Bahnhöfen im Einsatz ist, hat immer wieder unterschiedlichen Förderhöhen und Neigungswinkel“, fachsimpelt Brand. „Bei jeder Anlage handelt es sich also um eine Einzelfertigung!“ Konsequenz der Einzigartigkeit ist, dass Reparatur und Anlieferung bis zu zwölf Wochen dauern können. An manchen Bahnhöfen - besonders in der Nähe von Schulen - sei Vandalismus ein häufiges Problem und Ursache des Stillstands.
Schwierigkeiten mit dem Service des Essener Verkehrsunternehmens gibt es auch auf der Oberfläche, nicht selten stünden EVAG-Kunden vor den verschlossenen Türen der Busse: „Es kommt sehr oft vor, dass die einen einfach draußen stehen, bis zur allerletzten Minute warten lassen“, berichtet Heyduk. In Wind und Regen, Sturm oder Schnee sind Heyduk und andere Pendler gezwungen, die Zeit abzusitzen, bis sich endlich die Türen öffnen. Zwar muss nach Dienstanweisung Kunden eigentlich an Abfahrtsorten, die zugleich Endhaltestellen sind, der Zugang zum Fahrzeug erlaubt werden, aber: „Wenn der Busfahrer die Fahrgäste reinlässt, kann er danach beispielsweise nicht mehr aufs Klo, weil er ja dann den Bus unbeaufsichtigt lassen würde“, erklärt Frei das Dilemma. Zudem weiß der Pressesprecher aus Erfahrung, dass die Pause für die Fahrer in der Sekunde vorbei ist, in der sich die Türen öffnen: „Wenn Fahrgäste im Bus sind, hat er in der Regel sofort Fahrplaninfos oder Tarifauskünfte zu leisten, Beschwerden entgegenzunehmen oder einfach Smalltalk mit den Fahrgästen zu halten.“ Und: „Vielleicht möchte er aber für fünf Minuten ungestört sein Brot essen, nicht mit vollem Mund sprechen.“
Nerven lassen Pendler schließlich noch wegen der regelmäßigen Verspätungen der Verkehrsmittel. Wird an U- und Straßenbahnhaltestellen in vielen Fällen wenigstens angezeigt, wie lange es bis zur Ankunft dauert, helfen Busreisenden meist lediglich Sitzfleisch und Stoßgebete zum Himmel. „Eine flächendeckende Ausrüstung mit Anzeigetafeln aller 1.500 Haltepunkte in Essen ist wirtschaftlich nicht darstellbar“, erläutert Frei. Stattdessen sollen Kunden diese Infos im Zweifel auf der Internetpräsenz www.evag.de recherchieren.

Das ist doch eine Selbstverständlichkeit!

Zwar fehlen der EVAG wegen der Haushaltssperre derzeit Mittel und Möglichkeiten Rolltreppen zu erneuern oder zusätzliche Anzeigentafeln zu installieren. Alarmierend ist trotzdem, für wie selbstverständlich, hoffnungslos und endgültig die Verkehrsgesellschaft die Situation ihrer zahlenden Kunden hält. Die Aussicht auf Besserung scheint in weiter Ferne.
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