Innenstadt-Debatte ohne Visionen

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Dietrich Keil von "Essen steht AUF"

Zur neu entfachten - und sogleich verflachten - Diskussion um die Zukunft der Essener Innenstadt schrieb Dietrich Keil, Sprecher des kommunalen Wahlbündnisses "Essen steht AUF" und von 2004 bis 2014 für "Essen steht AUF" im Rat, die folgende Stellungnahme. Liest man den Bericht von der Essen-kontrovers-Veranstaltung zum Thema am vergangenen Donnerstag, dann wird klar: von Institutionen wie EMG, Handelsverbänden usw. sind mit Sicherheit keine Visionen für eine nicht nur belebte, sondern auch lebenswerte Innenstadt zu erwarten. "Visionen" wie eine Öffnung der Viehofer Straße für den Verkehr machten die Runde - und sind wohl eher eine Horrorvision.

Der Einkaufsstadt-Tunnelblick und die Sünden der Vergangenheit

Warum kocht das Thema „Essen – die Einkaufsstadt“ wieder hoch? Dahinter steckt spürbar das Unbehagen an unserer gesichtslosen langweiligen Innenstadt. Das gibt es in der Nachbarschaft zwar auch. Aber Essen? Wollte doch Metropole Ruhr sein, war auch Kulturhauptstadt und ist jetzt Grüne Hauptstadt. Leider hat Essen sich immer einseitig auf „Einkauf“ fokussiert, als wenn es nichts anderes gibt, das eine City lebenswert macht: Kultur, Freizeit, Grünes, Kinder, Wohnen, Gastronomie. Folgerichtig stimmte vor über zehn Jahren der Rat – „Essen steht AUF“ nicht - dem absoluten Lieblingsprojekt von CDU-OB Reiniger zu, dem Monstrum „Einkaufszentrum Limbecker Platz“. Ernsthafte Analysen fehlten, was bei 70 000m² neuer Verkaufsfläche mit über 200 neuen Geschäften auf einen Schlag mit dem Rest der City passiert. Das sind mehr Geschäfte als am Wege liegen, wenn man vom Bahnhof bis zum Limbecker Platz wandert.

Nun, es kam durch das neue EKZ durchaus zu Leerständen, aber vor allem zu Umsatzverlusten in der Innenstadt. Klar, denn die Essener geben ihr Geld nur einmal aus. C&A, Saturn und andere zogen ins neue Zentrum. Aber es kam nicht zu großflächiger Verödung, wohl zu einer Verflachung und Langeweile in der City. Gefühlt jeder zweite Laden ist heute ein handyshop, ein fastfood-Anbieter oder ein Ramsch-Filialist.

Das hängt auch mit städtebaulichen Sünden zusammen. Die größte ist dieser Klotz des Einkaufszentrums selbst. Er riegelt die Innenstadt komplett ab gegen die Weststadt oder auch das Univiertel. Wenn schon so ein Riesengebilde, warum hat man eine einladende, z.B. terrassierte Architektur, die auch Verkehrsflächen überbaut und Übergänge schafft, überhaupt nicht erwogen? Warum nicht Stadtentwicklung und Lebensqualität der ganzen City? Indoor-shopping, das manchen Jugendlichen vielleicht gefällt, hat mit Lebensqualität einer liebenswerten Innenstadt rein nichts zu tun. Schon gar nicht mit einer Grünen Hauptstadt.

Schon vor Baubeginn rühmte sich der Bauträger, die Firma ECE, größter Shoppingmall-Erbauer und -Betreiber Europas, im Chor mit OB Reiniger der „außergewöhnlichen Architektur“. Sie ist aber ohne Ideen, tatsächlich ist das quadratische Innenleben des EKZ das gleiche wie im Centro! Nur am Grundstückrand wie mit einer Stichsäge rund beschnitten: Fertig ist die Architektur.

Eine andere Sünde ist, dass in Essen nicht über eine Mitte, ein Zentrum der Innenstadt nach-gedacht wurde, mit dem sich die Menschen identifizieren. Natürlich gibt es keine „Altstadt“, kein zentrales Rathaus mehr. Aber es wurde gar nicht versucht, sich mit der Frage zu befassen. Stattdessen liegen belebte Punkte am Rand der City: Unten die Bahnhofsgegend, dann das abgelegene neue Rathaus mit seiner siechenden Rathausgalerie, und auf der andere Seite das riesige EKZ, ebenso in Randlage. Dazwischen vor allem Verkehrswege, aber keine Stadt mit Lebensqualität.

Nun soll externer Sachverstand, also ein teures Gutachten es richten? Darauf setzte auch der nachfolgende SPD-OB Paß mit seinem Lieblingsprojekt „Zukunftsvision Essen 2030“. Hier präsentierte man ohne Analyse und ohne Konzept und Kosten einen bunten Wust von Wunschvorstellungen, verfasst von Werbeprofis. Das kam aber nicht an. Nicht, weil den Menschen Essens Zukunft egal ist. Aber sie wissen und spüren, wenn gleichzeitig überall gestrichen und gekürzt wird, wie soll so ein seelenloses Wolkenkuckucksheim Realität werden? Damals wurde beschlossen, fast 1000 Stellen bei der Stadt zu streichen, war die Schließung von sechs Bürgerämtern in der Debatte und und.

„Essen.2030“ stand mit seinen „Visionen“ in krassem Widerspruch zu dieser Wirklichkeit. Und so sind sie sang- und klanglos in den Schubladen verschwunden und haben nicht das städtische Leben, sondern nur die sattsam bekannte Beratungsfirma Roland Berger bereichert.

Dietrich Keil
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