Polit-Porno

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Po-litik
 
Entblößte Glieder einer Gesellschaft

"Ich war dermaßen gefangen in der Suchtfalle, dass ich bei den besten Politikern nichts mehr gespürt habe. Ich war so leer."
Jürgen O. aus E. ist politpornosüchtig. Er befindet sich aktuell in einer vierteloffenen psychiatrischen Klinik. Erste Behandlungserfolge machen ihn zuversichtlich: "Ich habe heute meine dritte Stunde Konfrontationstherapie hinter mich gebracht und mit einem leibhaftigen Politiker einen nahezu ruhigen Diskur geführt. Das fühlte sich so gut an."

"Wir behandeln hier alle," sagt der leitende Chefarzt der Klinik, "die Süchtigen genauso wie die Darsteller. Und es werden immer mehr. Das Internet macht den Konsum relativ einfach und so geraten immer mehr Menschen in einen Strudel des zwanghaften Agierens. Menschen aller Altersklassen sind regelrecht scharf auf sämtliche Branchennews und jede neue Entblößung verursacht eine eruptive Massenerregung. Animalisch stürzen sie sich aufeinander und lassen den Trieben freien Lauf. Selbst Gewaltphantasien werden immer öfter ausgelebt, ohne dass wie bei herkömmlichen BDSM-Vorlieben ein Codewort (Safeword) die Ausübung stoppt. Der schützende Diskurs nimmt ab, die Verletzten nehmen zu.
Übrigens: Dass Twitter und Facebook die Farbe blau im Logo nutzen, hat einen Grund: Die Menschen lechzen nach viralem Viagra. Der dann folgende ungeschützte Viralverkehr erreicht epidemische Ausmaße."

Jürgen O.

Mit 13 Jahren fing alles ganz harmlos an. Er interesierte sich für die SPD (Name von der Redaktion geändert) und legte auch selbst Hand an. Er wurde Juso, dann Vorstandsmitglied im Ortsverein und landete einmal auf einer Reserveliste für eine Bezirksvertetung. Irgendwann hörte das Aktivsein an der Basis auf und ihn erregten Blicke auf zuerst den Landtag, dann den Bundestag. Sein Leben geriet aus den Fugen. 7 Jahre lang saß Jürgen Tag für Tag acht Stunden vor dem PC und schaute sich politische Filme, Diskussionnen und Beiträge samt Kommentaren in den sozialen Medien an. "Diese politischen Reize waren ja überall und ich musste immer häufiger reagieren. Am Ende ejakulierte ich täglich über 400 Kommentare in das weltweite Netz und jede "Gefällt mir"-Angabe verursachte einen neuen, trügerischen Kick. Ich wurde fast verrückt, als die große Kopulation, äh, Koalition losging. Dieses "JEDER MIT JEDEM" sog mich in einen Strudel der Grenzenlosigkeit."

Hierzu der Chefarzt: "Irgendwann geht es nur noch um eine Überstimulation. Echte Menschen und Aufgaben des Alltags verlieren Ihren Reiz. Man steht auf als Nichts, mutiert dann zum übermächtigen Besser-Kanzler und fällt als Nichts wieder ins Bett. Tag für Tag. Ein körperliches Limit wie bei Alkohol- oder Esskrankheiten gibt es genauso wenig wie einen Kater. Dem Umfeld fällt es oft gar nicht auf, in welcher abgekapselten Welt hier ein Mensch leidet. Im Gegenteil: Durch das Verwenden von Pseudonymen sind es oft die Nachbarn oder Verwandten selbst, die hier hier den täglichen Kick unterstützen.

Gabriel S.

"Als ich das erste Mal Applaus für meine politische Arbeit bekam, wusste ich nicht, in welche Mördergrube ich mich begeben habe. Zuerst waren es nur vereinzelte Fotos, die man von mir schoss, doch es wurde immer mehr. Eine Homestory hier, ein Talkshow-Auftritt da. Meine Handlungen und Bewegungen wurden immer ausgefeilter. Ich fand heraus, dass die Menschen völlig willenlos wurden, wenn ich meine Hände zu einem Parallelogramm formte. Es wirkte hypnotisch und wurde mein schlüpfriges Markenzeichen. Doch die Menschen reduzierten mich plötzlich nur noch auf das, was sie sehen wollten: Den immerscharfen Politiker, der allzeit aalglatt seinen Mann stehen muss. Am Anfang gab es nur schöne Fotos von mir, aber dann wurde ich immer häufiger heimlich gefilmt und "abgeschossen". Mein "nackter Hintern auf Kreta" war monatelang der Renner im Netz und ich wäre am liebsten untergetaucht. Aber das ging ja nicht, ich war längst schon abhängig. Nicht das Geld spielte hier eine Rolle, sondern eher das Leben in einer alltagsfreien Welt. Kein Hemdenbügeln, kein Schneeschippen, kein Leergut wegbringen. Morgens Berlin, mittags Paris und abends eine Eröffnung im Wahlkreis. Das war wie Dschungelcamp-Deluxe. Am Anfang meiner Karriere dachte ich wirklich, dass ich etwas vermitteln könnte, ich hatte ein Sendungsbewusstsein, aber dann wurde mir klar: Die Handlung und der Text waren gar nicht mehr so wichtig. Wichtig war das, was der Konsument an Befriedigung erlebt. Ich war der Star im Porno-Politainment und habe professionell meine Show abgeliefert.

Der Weg aus der Sucht - Neue Politikkompetenz durch Abstinetznenz?

Einen Weg aus diesem Teufelskreis bietet die partielle und kontrollierte Abstinetznenz. Vielen Betroffenen hilft als erster Schritt ein längerer Aufenthalt auf einem Bürgersteig.
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9 Kommentare
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 17.02.2017 | 10:39  
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Susanne Demmer aus Essen-Nord | 17.02.2017 | 11:01  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 17.02.2017 | 16:19  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 17.02.2017 | 17:11  
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Helmut Zabel aus Herne | 18.02.2017 | 15:31  
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Susanne Demmer aus Essen-Nord | 18.02.2017 | 15:50  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 18.02.2017 | 16:57  
3.200
Jochen Czekalla aus Duisburg | 19.02.2017 | 09:33  
2.970
Susanne Demmer aus Essen-Nord | 21.02.2017 | 18:38  
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